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Karl Max Einhäupl: "Wir suchen wie Detektive nach Krankheiten"

Der Neurologe und Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Karl Max Einhäupl, im Porträt

Der Schlag kommt sehr sanft. Das Hämmerchen trifft das Bein der Patientin kurz unterhalb des Knies. Das Bein zuckt etwas nach oben. Der Mann im weißen Kittel legt der Frau die Hand auf den Arm. "Das war jetzt ein bisschen schlimm", sagt er und lächelt die Patientin an. Dann richtet er sich auf, verschränkt die Arme, blickt einen Studenten an und fragt: "Woran erinnert sie die Hand der Patientin?" Der Student beugt sich zögerlich nach vorne, antwortet aber nicht. "Es sieht aus wie eine Affenhand", sagt der Mann und während er sich wieder an die Frau wendet: "Das war uncharmant, aber didaktisch sinnvoll."

Der Mann, der hier auf einer seiner Stationen eine Visite macht, ist nicht nur Arzt. Zugleich ist Einhäupl Professor an der Medizinischen Fakultät Charité der Humboldt-Universität, dort Direktor der Klinik für Neurologie mit 80 akademischen Mitarbeitern, vielen Schwestern und Pflegern auf neun Stationen in Mitte und Wedding. Seit ein paar Monaten ist er zudem einer der einflussreichsten Wissenschaftler in Deutschland: Einhäupl wurde zum Vorsitzenden des Wissenschaftsrats gewählt.

Der Blick aus dem Fenster des Bettenhochhauses der Charité bietet eine weite, einmalige Aussicht über Berlin. Einhäupl und seine Mitarbeiter wenden sich einer neuen Patientin zu. Sie erzählt ihre Krankengeschichte. Einhäupl sieht die Studentin im höheren Semester an: "Ist sie jetzt gesund?" Dabei lehnt er sich an den Bettrahmen, überkreuzt seine Füße, die in braunen Slippern stecken, legt den Kopf etwas schräg, verschränkt wieder die Arme und tippt sich mit dem Zeigefinger auf den Mund.

Geboren wurde Karl Max Einhäupl 1947 als ältester Sohn eines Architekten. "Mein Vater hatte ein Unternehmen und hoffte, dass ich das übernehme. Auch für mich war das klar", sagt Einhäupl. "Aber dann fühlte ich mich zur Medizin hingezogen. Das hat natürlich keine gute Stimmung zu Hause gebracht." Schon vor seinem Studium hat Einhäupl Nachtwachen gemacht und in Rettungsstellen gearbeitet. "Ich habe da auch ein paar Mark verdient, aber darum ging es nicht", sagt er und fügt hinzu: "Es war in diesem Alter der große Wunsch zu helfen und zu heilen. Der Medizinberuf hat, wenn man über ein soziales Engagement verfügt, zumindest glauben gemacht, dass man als Arzt dieses Engagement in irgendeiner Form einlösen kann." Zudem reizte Einhäupl die Medizin als Wissenschaft. "Medizin ist eine sehr wissenschaftsintensive Angelegenheit. Man hat das Gefühl gehabt, man ist immer an der Spitze der Wissenschaft."

Einhäupl bittet eine ältere Patientin, ihre Arme auszustrecken und abwechselnd die Nase mit dem Zeigefinger zu berühren. Sie trifft die Nase nicht genau. Einhäupl beugt sich zur Frau und flüstert ihr zu: "Noch mal." Während dessen stellt der Student die Patientin vor. Einhäupl simuliert mit ganzem Körpereinsatz verschiedene Krankheitsbilder, so auch watschelnd einen Hüftschaden und befragt dabei seine Kollegen nach ihren Einschätzungen. "Haben sie diese Untersuchung schon gemacht?" Die Frage gilt dem Studenten. Ungeduldig wippt Einhäupl mit dem Fuß. Der Student verneint. Einhäupl hebt eine Augenbraue und sieht ihn prüfend an. Dann verabschiedet er sich höflich von der Patientin und geht aus den Raum. Die Ärzte und Studenten folgen ihm.

Der Chefarzt macht bei den Visiten keine großen Auftritte, er versucht niemanden bloß zu stellen, aber er verlangt vor allem einen korrekten Umgang mit den Patienten. "Das ist auch ein Sinn meiner regelmäßigen Visiten", sagt er. "Wenn ich bemerke, dass an einer Stelle nicht die Qualität gebracht wird, die wir als Standard haben, mache ich Druck. In gewisser Weise muss man die Patienten und ihre Angehörigen auch als Kunden betrachten", sagt er. "Die Patienten dürfen sich auf jeden Fall mehr herausnehmen als wir."

hirn.gifKarl Max Einhäupl war schon früh von der Neurologie fasziniert. "Für das Gehirn interessieren sich die Menschen schon, seit Medizin überhaupt ein Thema ist. Aber die Neurologie war bis vor 20 Jahren eher eine deskriptive Disziplin. Der Neurologe hat Dinge beschrieben, aber viel tun konnte er nicht", sagt er. Dies hat sich vor allem durch die Einführung moderner Bild gebender Verfahren geändert; das Computertomogramm und später das Magnetresonanztomogramm. Hinzu kommen die neuen molekularbiologischen Möglichkeiten. "Dadurch hat das Fach einen unheimlichen Schub bekommen", sagt Einhäupl. Man versteht das Gehirn besser. Es ist möglich, Emotionen sichtbar zu machen und zu lokalisieren, wo welche Denkleistungen stattfinden. "Wir haben mittlerweile Therapiemöglichkeiten für Krankheiten, die noch vor Jahrzehnten als unheilbar gegolten haben." Aber es bleibt noch viel zu erforschen. Viele schwere Krankheiten, die sehr bekannt sind, zählen zum Bereich der Neurologie, wie Alzheimer, Parkinson, Schlaganfall, Epilepsien und die Multiplen Sklerosen.

Was den Wissenschaftler treibt, ist "einem Gedanken nachzugehen, einem nicht bekannten Phänomen auf den Grund zu kommen. Wobei es den Patienten nicht interessiert, wie oder warum wir zu der Diagnose kommen. Ihm geht es darum, dass es ihm hinterher wieder besser geht. Ich glaube, dass dieses Spannungsfeld einfach eine unheimlich prickelnde Sache ist." Die neurologische Forschung an der Charité genießt internationalen Ruf. "Hier in Berlin hat sich ein neurowissenschaftlicher Schwerpunkt gebildet, in dem ich nur ein sehr kleiner Teil bin." Es gibt Kooperationspartner am Max-Delbrück-Centrum, mit denen die Mediziner in einem Sonderforschungsbereich zusammen arbeiten. "Dass Wissenschaftler hierher kommen, um sich von uns etwas zeigen zu lassen", sagt Einhäupl, "dass meine Mitarbeiter eingeladen werden auf internationale Symposien oder in die Editorialboards von internationalen Journalen, darin sehe ich meine Aufgabe: Ich kann dafür sorgen, dass hier die Atmosphäre entsteht, wo so etwas Großartiges gedeiht."

Nach der Visite in einem der Krankenzimmer versammelt der Chefarzt seine Kollegen. Eine der Patientinnen, diagnostizieren die Neurologen, hat eine unheilbare Krankheit. Wie macht man sie mit dieser Tatsache vertraut? Der Umgang mit diesem Thema ist immer schwierig, und die angehenden Mediziner werden während ihres Studiums noch zu wenig darauf vorbereitet. Wie viel Wahrheit verträgt der Mensch? "Man muss den Patienten so aufklären, dass man ihn nicht belügt. Und man muss ihm eine Hoffnung lassen. Und man muss ihm auch das Recht geben, nicht alles wissen zu müssen", weist Karl Einhäupl seine Studenten hin. "Die Patienten haben mitunter apokalyptische Vorstellungen."

Nach Studium und Promotion verlässt Einhäupl zunächst die Klinik und geht als niedergelassener Arzt in eine Praxis. Ohne Krankenhaus hält er es aber nicht lange aus. "Ich hatte erkannt, dass ich die akademische Auseinandersetzung in einer Universität sehr vermisste", sagt er. "Ich brauche diese Herausforderung, Neues zu entdecken und Neues zu entwickeln." Die zwei Jahre empfindet Einhäupl heute trotzdem als wertvoll. "Damals habe ich gelernt, dass ich ohne den Hintergrund einer großen Klinik Patienten gut behandeln kann", sagt er. Bis 1993 ist Einhäupl an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Dann erhält er den Ruf nach Berlin. Die Eingewöhnung fällt ihm schwer. "Die Bayern haben diese lässige, italienische Lebensart", sagt er. "Hier in Berlin leben die Menschen nach dem preußischen Modell sehr strikt." Doch mittlerweile möchte er aus dieser Stadt nicht mehr weg.

Einhaepl2.gifSeine Mitarbeiter, ob Stationsschwester, Oberarzt oder Sekretärin, charakterisieren ihn als diplomatisch, auch ehrgeizig, fordernd, kritisch. Dr. Claudia Döge ist seit drei Jahren Assistenz-Ärztin auf der Station im Hochhaus: "Ohne Kritik wird man nicht besser. Man muss nur lernen, damit umzugehen." Auch Walli Monden, die "Seele der Station", wie sie Einhäupl uns vorstellt, klagt nicht. "Man kann mit ihm reden, und er lässt sich auch von den Schwestern was sagen", sagt die Stationsschwester. "Außerdem ist er sehr gut zu den Patienten. Ich mag ihn schon sehr." Der Oberarzt Dr. Guy Arnold, schon seit den Münchner Tagen bei Einhäupl, schätzt an seinem Chef die besondere, problemorientierte Art Wissenschaft zu betreiben. "Professor Einhäupl fragt sich: Was sind die Probleme der Neurologie und wie kann ich sie lösen. Dann überlegt er sich: Was haben Krankheiten wie zum Beispiel Schlaganfall, Parkinson und die Demenzen gemeinsam und was muss ich herausfinden, um den Patienten zu helfen?" Die Kollegen schätzen an der klinischen Arbeit ihres Chefs, dass er sich nie mit einer Antwort zufrieden gibt. Er stellt eine Diagnose und fragt gleichzeitig: Wenn es das aber nicht ist, was kann es dann sein? Und der Klinikdirektor bezieht das Spezialistenwissen und die Erfahrung seiner Kollegen mit ein.

Der Patient auf der Station 20 ist mit seiner Behandlung sehr zufrieden. "Wenn man etwas nicht versteht, kann man jederzeit fragen, alle sind sehr freundlich."

Karl Max Einhäupl ist etwas in Zeitnot. Ein Privatpatient, der aus Kanada gekommen ist, hat sich verspätet. Einhäupl empfängt Patienten auch in seinen Büro- und Behandlungsräumen. Das Gespräch mit dem Kanadier dauert fast eine Stunde. Wenn ein Patient extra aus Kanada kommt, kann man ihm nicht nur das sagen, was man ihm auch am Telefon mitteilen könnte, sagt Einhäupl nachdem der Patient gegangen ist und lächelt.

Der Boden des Büros von Einhäupl im Gebäude der alten Neurologischen Klinik auf dem Krankenhausgelände in Mitte, ist zur Hälfte mit sorgfältig gestapelten Papieren bedeckt. Daneben stehen lange Reihen Aktenordner. Als beinahe einziger Schmuck an den Wänden hängen drei gemalte Porträts seiner 17, 14, und 11 Jahre alten Söhne. Nur der älteste hat sich vom Vater bereits über die Besonderheiten des Arztberufes unterrichten lassen. "Ich pusche das aber nicht", sagt Einhäupl. Auch seine Frau war früher Ärztin. Seit dem Umzug nach Berlin arbeitet sie jedoch als Übersetzerin von Romanen vom Englischen ins Deutsche.

Im Büro arbeitet auch Britt Anders, langjährige Sekretärin Einhäupls und Herrin über seinen Terminkalender. "Mich besticht immer die Energie, die er hat", sagt sie. "Er hat immer wieder neue Ideen und ist sehr anspruchsvoll. Darum ist es einerseits anstrengend, mit ihm zu arbeiten, aber es macht Spaß. Und er motiviert seine Mitarbeiter zu Höchstleistungen."

Karl Max Einhäupl schätzt an seinen Mitarbeitern Loyalität. "Loyalität heißt nicht bedingungsloser Gehorsam," sagt er. "Die Leute sollen kritisch mit mir sein, aber gleichzeitig sollen sie einem das Gefühl vermitteln, dass sie hinter einem stehen."

Britt Anders war am Anfang etwas besorgt, als sie hörte, dass ihr Chef Vorsitzender des Wissenschaftsrates wird. "Wir dachten, wir verlieren jetzt den Arzt", sagt sie. "Ich hatte zu Beginn auch ein wenig diese Sorge, aber es ist nicht so", sagt Einhäupl. "Denn ich kann nicht mal eben für ein, zwei oder drei Jahre aus der Klinik aussteigen. Die Dinge gehen zu schnell voran. Was heute noch Diskussionsstoff ist, kann in drei Jahren schon Standard sein. Ich muss in der klinischen Praxis bleiben. Außerdem bin ich Arzt und kein Kliniktechnokrat."

An der Arbeit im Wissenschaftsrat reizt ihn vor allem die Möglichkeit, etwas gestalten zu können und den eigenen Gedankenhorizont zu erweitern. "Durch den Wissenschaftsrat", so der neue Vorsitzende, "wurden bisher viele, auch sehr wichtige Reformen auf den Weg gebracht, die einen Wandel in unserem Bildungs- und Wissenschaftssystem herbei geführt haben. Er hat Marksteine gesetzt für die Wissenschaftsorganisationen, für die Wissenschaftspolitik und für die Hochschulen im Besonderen." Auch Einhäupl möchte etwas Grundsätzliches auf den Weg bringen: "Die jungen Wissenschaftler müssen früher selbstständig werden, und sie müssen auch zeitiger mit eigenen Ressourcen ausgestattet werden, die ihnen diese Selbstständigkeit erlauben."

Zwar zwingt ihn der Vorsitz in diesem Beratergremium schon jetzt, neue Prioritäten zu setzen, doch Einhäupl gibt zu: "Ich mache sehr gerne Lehre - dafür bin ich auch hier und das ist das, was letztendlich auch bleibt. Das, was ich Tausenden von Studenten beibringe, das ist ja auch ein bisschen das Erbe, das ich hinterlasse. Wenn ich diese Leute gut ausbilde, und damit auch dazu beitrage, dass in der Region Berlin und Brandenburg, in der diese Menschen später arbeiten, die Neurologie weiter voran getrieben wird, dann finde ich, ist das was Tolles."

Sein Kollege, Professor Ulrich Dirnagl, ist in der Klinik derjenige, der die Einrichtung eines Studiengangs für medizinische Neurowissenschaften voran treibt. Sowohl Medizinstudenten als auch Studenten naturwissenschaftlicher Fächer, wie zum Beispiel der Biologie, sollen mit einem Schwerpunkt auf den Neurowissenschaften studieren können und mit einem international anerkannten Abschluss in die Wissenschaft gehen.

Der Terminkalender des Klinikdirektors sieht heute noch eine Visite auf der neu hergerichteten Intensivstation vor. "Die Krankenversorgung ist einfach das, weshalb ich irgendwann mal in der Medizin angetreten bin. Krankenversorgung, gerade in der Neurologie ist ja auch eine sehr spannende Angelegenheit. Wir suchen detektivisch nach Krankheiten." Nach der Besprechung mit Kollegen des Sonderforschungsbereichs, dessen Sprecher er ist, tagt noch die Habilitationskommission. Ein Professor fragt ihn auf dem Flur nach der Meinung zu einem Manuskript, dem sich Einhäupl noch nicht widmen konnte. Er muss sich unter Zeitdruck eine Meinung bilden. "Wenn ich da jetzt ein Wochenende hätte, wo mir irgend ein Termin ausfällt, und ich es mir vorknöpfen könnte und mir das Problem richtig vom Ursprung durchdenken könnte - das wäre Entspannung."

Heike Zappe und Sven Oliver Lohmann