Direkt zum InhaltDirekt zur SucheDirekt zur Navigation
▼ Zielgruppen ▼

Presseportal

Die leere Bibilothek

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
14.04.2003

Die leere Bibliothek

Vor 70 Jahren wurden vor der Universität Bücher verbrannt

Von I.G.

Der 10. Mai 1933, der Tag der Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz, ist ein unrühmliches Datum der deutschen Geschichte. In den Plänen der NSDAP war dieses Ereignis schon lange vorgesehen. Die praktische Vorbereitung begann mit der Plünderung von Bibliotheken durch Studenten ab Mitte April, vorbereitet mit dem Aushang von "12 Thesen wider den undeutschen Geist", der in der Universität, aber auch in der Stadt verbreitet wurde. In der Universität selbst waren die Reaktionen unterschiedlich. Der Theaterwissenschaftler Max Herrmann protestierte öffentlich. Begründet mit dem "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" wurde er noch 1933 entlassen. 1942 kam er im KZ Theresienstadt ums Leben.
Besonders proaktiv war der auf die neue Professur für Philosophie und politische Bildung berufene Alfred Baeumler. Er nutzte seine Antrittsvorlesung und stellte sich an die Spitze des Zuges auf dem Weg zum Opernplatz. Die Bücher, die im Studentenhaus in der Oranienburger Straße 18 gesammelt waren, wurden von Berliner Fuhrunternehmen transportiert - durch das Brandenburger Tor. Zu den "Feuersprüchen" wurden etwa 30000 Bücher auf den Scheiterhaufen geworfen. Von den in den Universitätsstädten inszenierten Bücherverbrennungen war die in Berlin die größte.
Seit März 1995 erinnert ein Denkmal, geschaffen vom israelischen Künstler Micha Ullman, an den 10. Mai 1933. Am historischen Ort in die Erde eingelassen, ist durch eine Glasplatte eine leere Bibliothek zu sehen - als Erinnerung an die verbrannten Bücher und nicht nur an sie.

Bücher Verbrennen auf dem Opernplatz.
verbrennung.jpg

Militanz siegte über Toleranz

Studenten erinnern an die Kulturvernichtung

Von Rainer Wahls

Vor 70 Jahren organisierte der Dachverband der "Deutschen Studentenschaft" die Kampagne "Wider den undeutschen Geist". Vom April bis in den Juni brannten in 40 Universitätsstädten die geistigen Scheiterhaufen. Die deutschen Studenten sollten sich von einem "überspitzten, jüdischen Intellektualismus" (Goebbels) befreien. Diese Dramaturgie eines politischen Theaters mit dem Titel "Volkszorn" war wiederholbar. Die Bücher konnten ausgetauscht werden gegen "entartete" Kunst oder Musik. Später brannten Synagogen und jüdische Läden. Die Bücherverbrennung und Goebbels Anteil passen stimmig in unser Bild über das NS-Herrschaftssystem. Aber die Aktion wurde auch von Deutschnationalen und schlagenden Verbindungen organisiert. Diese, und nicht die NS-Studentenschaft um Baldur von Schirach, stellten nach den Wahlen der "Deutschen Studentenschaft" die Mehrheit. Politisch sind diese Gruppierungen Hitlers bürgerlichen Koalitionspartnern um Franz von Papen zuzurechnen. Die Nazis hätten zur Durchsetzung ihres Gleichschaltungsanspruches keiner Bücherverbrennung bedurft. Dafür reichte ein Gesetz, wie das über das Berufsbeamtentum, und die Einrichtung der Berufskammern. Aus dem "deutschen Geist" sollten nicht nur die gemeinsamen politischen Gegner und ungenehme Literaten verbannt werden. Ebenso mit "deutschen Wesen" nicht vereinbar waren emanzipative Frauenliteratur, Humoristen, kritische Feuilletonisten und Publizisten, Sozialpädagogen, Pazifisten, Lebensreformer, Städteplaner und Sexualwissenschaftler. Kurz gesagt, es traf auch die Breite der liberalen Gesellschaft. Die Bücherverbrennung fand wenig Zustimmung, aber sie wurde hingenommen. Gibt es jenseits eines moralisierenden Gedenkens noch eine Relevanz dieser Ereignisse für die heutige Universität? Muss es nach einer materiellen Restitution auch eine ideelle geben? Eine direkte Wiedergutmachung ist wohl kaum noch möglich. Seit über zehn Jahren organisiert die Studentenschaft der Humboldt-Universität eine "Mai-Woche der Mahnung und der Erinnerung". Das StudentInnenparlament unterstützt mit bisher 12500 Euro eine "Stiftungsinitiative 10. Mai". Eine bundesweite Stiftung soll ein forschendes Erinnern ermöglichen, das zumindest die Schicksale dieser Menschen vor dem Vergessen bewahrt kann. Neben einer kritischen Wissenschaftsgeschichte muss auch die Tradition des Schweigens aufgearbeitet werden. Die Bewältigung der Folgen des Kultur- und Innovationsbruchs, für den die Bücherverbrennung steht, bleibt durch die Chance und die Pflicht zu einer Wiederanknüpfung eine aktuelle Herausforderung.

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
14.04.2003