Direkt zum InhaltDirekt zur SucheDirekt zur Navigation
▼ Zielgruppen ▼

Presseportal

"Rassenhygiene"

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
14.04.2003

Im Dienste der "Rassenhygenie"

Hochschulmediziner beteiligten sich an den Verbrechen des Nationalsozialismus - auch Vertreter der Charité

Von Udo Schagen

Foto: Katalog zur Ausstellung "gewissenschaft-gewissenlos"
Entstellenden Narbe. Unter den Folgen der Gasbrandversuche im KZ litten die Opfer zeitlebens.
Enstellende Narbe eines KZ-Opfers.

Im Nationalsozialismus wurden politische und soziale Entscheidungen mit medizinischen, scheinbar rationalen Kriterien begründet. Dem verbrecherischen Handeln des NS-Machtapparates lieferte die Medizin nahezu widerstandslos Argumente für die "Selektion" von Menschen, die den ideologischen Normen nicht entsprachen. Rassenbiologie und Rassenanthropologie unterschieden Juden, Sinti und Roma sowie andere von "höherwertigen" Ariern. Die Gesetze und Verordnungen, die die Entlassung, Entrechtung, Vertreibung und Ermordung in Gang setzten, stützten sich auf solche medizinisch legitimierten Differenzierungen.

Opfer der Euthanasie

Die Rassenhygiene unterschied zwischen Erbmerkmalsträgern von Krankheit und Gesundheit, damit zwischen "lebenswert" und "lebensunwert". Die scheinbar objektiven und harten, weil von der naturwissenschaftlich begründeten Medizin gelieferten, Kriterien verdrängten soziale, politische, ökonomische und geschlechtsspezifische Determinanten des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens.
Eine Stigmatisierung führte zunächst zur Aussonderung von Menschen, deren Fortpflanzung nicht erwünscht war. Schon im Sommer 1933 trat unter Beratung und auf Vorschlag medizinischer Experten ein "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" in Kraft. Zwangssterilisierungen hatten diese Experten schon in der Weimarer Zeit vorgeschlagen, fanden aber damals keine Mehrheit. Hunderttausende wurden aufgrund des 1933 verabschiedeten Gesetzes sterilisiert. Ein so genanntes "Sterbehilfe- oder Euthanasiegesetz" war bereits weit gediehen, wurde aber aus außen- und kirchenpolitischen Gründen nicht verkündet. Wohlgemerkt: Das Gesetz wurde nicht verabschiedet. In ärztlich geleiteten Anstalten ermordete das Personal trotzdem mehr als 200000 Menschen, die von Experten als behindert und psychiatrisch krank klassifiziert worden waren.

Während des Krieges legitimierte die medizinische Wissenschaft dann Experimente an Menschen. Für den Erhalt des "Höherwertigen" durfte "Minderwertiges" geopfert werden. Mit Kriegsbeginn 1939 dehnte das nationalsozialistische Regime die rassehygienisch begründete Entrechtung von Menschen auf andere Völker Europas aus. Volksgruppen wurden umgesiedelt oder getötet, Kriegsgefangene ließ man verhungern, Konzentrationslager wurden zu Orten medizinischer Experimente.
Was nun hat die Charité mit alledem zu tun? So wie sie Teil des Ruhms medizinischer Wissenschaft war, so war sie auch Teil ihres Elends. Ihre Mediziner waren in die Vorbereitung massenhafter Verbrechen eingebunden: Der Professor für Hygiene, Heinz Zeiss, entwickelte ein Konzept der "Geomedizin", das im "Generalplan Ost" seine Konkretisierung fand.

Fritz Lenz als Lehrstuhlinhaber für Rassenhygiene war ihr profiliertester Theoretiker. Der Direktor der Universitätsklinik und Psychiater Max de Crinis bekleidete einen hohen SS-Rang und war die "graue Eminenz" der Anstaltsmorde. Außerdem beteiligte er sich an der damit verbundenen Hirnforschung. Mehrere der in Nürnberg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagten Ärzte gehörten zum Lehrkörper der Medizinischen Fakultät, davon zwei als Ordinarien: Karl Gebhardt, der SS-Führer war und im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück medizinische Versuche an Häftlingen machte, und Paul Rostock, Dekan und gleichzeitig Amtschef für Medizinische Wissenschaft und Forschung.
Andere Wissenschaftler profitierten auch von der Herrschaft der Nationalsozialisten, ohne an Verbrechen Teil zu haben: Der Pathologe Hermann Stieve nutzte die politischen Todesurteile gegen junge Frauen und Männer des Widerstands für die Untersuchung ihrer noch frischen Organe.
Die weit über die Grenzen bekannten, deshalb von den neuen Machthabern eher unabhängigen Ordinarien Ferdinand Sauerbruch und Walter Stoeckel ließen sich in die Dienste der NS-Ziele nehmen. Sie wirkten unter anderem im Reichsforschungsrat mit oder rechtfertigten die nationalsozialistische "Revolution".
Die Fakultät hat nie gegen die Entlassung bis dahin hochgeachteter Kollegen aus politischen und rassischen Gründen protestiert. Nur einige wenige Vorgesetzte halfen ihren Mitarbeitern.

Impfversuche an Kindern

Für Menschenversuche in der Charité selbst gibt es bisher nur einen ersten, noch unpublizierten Befund: Offensichtlich machte der Direktor der Kinderklinik, Georg Bessau, Tbc-Impfversuche an geistig und körperlich behinderten Kindern.
Dass eine Reihe der zuvor genannten Mitglieder der Charité an der Vorbereitung der bekannten und im einzelnen belegten Experimente beteiligt war, kann nicht bezweifelt werden. Die Forschung hierzu steht allerdings noch am Anfang.

 

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
14.04.2003