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Eine Einheit der Wissenschaften?

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
14.04.2003

Eine Einheit der Wissenschaften?

Die Wahrheit ist zwischen den Disziplinen versteckt. Die Grenze des Machbaren spielt heute eine geringere Rolle als früher

Von Wolfgang Coy

Foto: B. Prusowski
coy.jpg Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern." Dieser Spruch begrüßt alle, die die Haupthalle der Berliner Humboldt-Universität betreten. Er ist denkmalgeschützt, scheint also authentisch zu sein. Warum hat Karl Marx es für nötig gehalten, die Schriften Ludwig Feuerbachs derart zuzuspitzen? Philosophie galt spätestens seit Immanuel Kant als Krönung der Wissenschaften und wurde von ihrem berühmtesten Fachvertreter an unserer Universität, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, zum ideologischen Fundament der preußischen Machtelite ausgebaut. Sie sollte mit der Forderung seines radikalen Schülers endlich auch politisch aktiv werden. Das lasen jedenfalls viele aus dieser "11. Feuerbachthese" heraus.

Schaut man genauer hin, so zeigt diese These Karl Marx aber nicht nur als Vordenker einer radikalen politischen Philosophie, sondern auch als Analytiker der ungeheuren technischen Entwicklungen, die zur Ablösung der feudalen Ordnung und zur Herausbildung der Industriegesellschaft geführt haben. Dass sich die Welt seit seiner Zeit bis heute fortwährend verändert, ist ja unbestreitbar. Was sind aber die treibenden Kräfte der letzten 200 Jahre? Wohl nicht nur die philosophischen Ideen, sondern ebenso technisch-naturwissenschaftliche Erkenntnisse und Entwicklungen.

Dabei zählten die Naturwissenschaften zu Marxens Zeit noch zur philosophischen Fakultät; die Analyse der Natur wurde als "Naturphilosophie" verstanden. Erst mit der industriellen Revolution, die in Deutschland erst gegen 1830 begann, in England einige Jahrzehnte früher, entstanden "Naturwissenschaften" als eigene Disziplinen. Ihnen zur Seite wurden erst ab der zweiten Jahrhunderthälfte "technische Wissenschaften", wie Architektur, Maschinenbau oder später Elektrotechnik und Informatik, gestellt. Sie veränderten die Welt in radikaler Weise - so radikal, dass die auslaufende Epoche "Industrie-Gesellschaft" genannt wurde. Konsequenterweise wird die jetzt anbrechende Epoche der "Informations-Gesellschaft" nach einer technisch-wissenschaftlichen Leitidee benannt.
Mit dem Übergang von Naturphilosophie zu Naturwissenschaft und Technik verschob sich das erkenntnisleitende Interesse von einem Aristotelischen "Warum (ist die Natur, wie sie ist)?" zu einem Galileischen "Wie (funktioniert das)?". Mit dieser Verschiebung vom Warum zum Wie entstanden vorhersagbare Konstruktionen - von der Dampfmaschine und der Eisenbahn bis zum Radioapparat und zur Mikroelektronik.
Naturwissenschaftler und Techniker fanden eine schlichte, aber schlecht widerlegbare Begründung, warum eine mathematische Beschreibung jeder noch so schönen Theorie überlegen ist: Mathematische Beschreibungen lassen präzise Vorhersagen zu - die richtig oder falsch sein können. Damit wurde die "Wahrheit" experimentell nachprüfbar. So etwas können philosophische Theorien nur selten von sich behaupten. Mathematik und Experiment waren Eckpfeiler der naturwissenschaftlich-technischen Methode. Die Wahrheit wurde "diszipliniert": Man präzisiere eine Frage so lange, bis sie mit Ja oder Nein beantwortet werden kann. Fragen, die sich nicht zuspitzen lassen, werden dann freilich in die Ecke gestellt.

Der historische Triumph der so genannten exakten Wissenschaften beruht nicht zuletzt auf ihrer Spaltung in unterschiedliche Disziplinen. Einfache, klar abgegrenzte Fragen werden präzise beantwortet: Mathematik kann von Physik, Physik von Chemie und diese von der Biologie getrennt werden. Die technischen Wissenschaften beantworteten andere Fragen als die Naturwissenschaften, diese andere als die Kulturwissenschaften und diese andere als die Sozialwissenschaften, die Jurisprudenz oder die Medizin. Doch Disziplinen wachsen vor allem in die Tiefe. Nicht nur in den technischen Wissenschaften hieß die Antwort auf eine Herausforderung immer häufiger: Bestimme die zuständige Disziplin und finde die beste mögliche Lösung, getrieben vom Glauben: "There is one best way." So entstanden die Triumphe von Spezialisten. Disziplinär getrennt verfolgen Philosophie, Sozialwissenschaften, Naturwissenschaften und Technikwissenschaften unterschiedliche Ziele mit unterschiedlichen Methoden. Mehr und mehr werden freilich die Grenzflächen, die Übergänge und die komplexen Untersuchungsgegenstände thematisiert. Eben diese lassen sich nicht von ihrem Kontext und ihrer Geschichte abspalten. Die einst so erfolgreiche Spezialisierung und Disziplinierung gerät ins Stocken. Heute müssen sich Wissenschaft und Technik zunehmend Fragestellungen zuwenden, die keine eindeutig beste Lösung erkennen lassen, sondern von einer Vielzahl von Faktoren abhängen.
Die gerade disziplinierte "Wahrheit" wird zu einem relativen Begriff, der die Sicht des Beobachters ebenso widerspiegelt wie den beobachteten Gegenstand selber - und zwischen den Disziplinen gesucht werden muss. Zwar kann man von unterschiedlichen Lösungen gelegentlich entscheiden, welche die bessere ist, aber die Hoffnung auf die beste Lösung verliert sich im Dickicht komplexer nichtlinearer Systeme in der Ökonomie, der Ökologie, den lebendigen Organismen, den sozialen Systemen. Das gilt auch für technische Systeme, die sich wie die Energieversorgung, das Verkehrsnetz oder das Internet als globale Strukturen entfalten. Offensichtlich hat sich die Komplexität der Technik in den letzten Jahrzehnten wesentlich verändert. Die Grenze des Machbaren spielt heute eine viel geringere Rolle als früher. Es sind unzählbar viele Erfindungen gemacht, die durch Kombination vorhandener Technik zu neuen Produkten oder Verfahren entstehen und dabei immer komplizierter und unüberschaubarer werden. Will beispielsweise jemand eine Apparatur haben, die beim Betreten des Zimmers die Heizung und Licht anschaltet, den Fernseher auf einen Musikvideokanal einstellt, bei "Modern Talking" aber abschaltet, so ist dies keine Frage der Machbarkeit, sondern des Aufwandes. Technik zielt damit viel weniger auf Erfindergeist, der das bislang Undenkbare ins Machbare wandelt, sondern auf die Kalkulation des Aufwandes, um ein definiertes Ziel zu erreichen.
Gefragt wird, ob und mit welchem Aufwand aus vorhandenen Ressourcen ein vermarktbares, ökologisch vertretbares, politisch gewünschtes oder rechtlich zulässiges Produkt erzeugt werden kann. Wo früher das Leitbild des einsamen Erfindergenies vorherrschte, sind heute Urteilsfähigkeit und Kooperation gefragt. Fachkenntnisse sind wichtig, reichen aber nicht. Die klar getrennten Kompetenzen der Disziplinen sollen bei ihrer alltäglichen Anwendung in der Informationsgesellschaft wieder zusammengeführt werden.
Zu Marx gewendet, können wir heute sagen: Wissenschaft und Technik haben die Welt in den letzten 200 Jahren radikal verändert, es kommt aber darauf an, sie endlich wieder zu interpretieren. Damit wir lernen, wo wir uns befinden, wo wir hingehen können - und, noch wichtiger, wo wir nicht hingehen sollen.



Der Autor ist Professor des Fachgebietes Informatik in Bildung und Gesellschaft.

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14.04.2003