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Lieber gemeinsam lernen

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
14.04.2003

Lieber gemeinsam lernen

Der britische Forscher Bruce Cohen plädiert für die Gesamtschule

Von Nicholas Körber

Das in Deutschland übliche dreigliedrige Schulsystem verstärkt die sozialen Unterschiede und gefährdet die Bildungsmöglichkeiten der Schüler. "Die Folge ist eine in Zukunft wahrscheinlich weniger konkurrenzfähige Arbeitnehmerschaft" - so lautet das Fazit der Studie "Jugend, Differenz und der zukünftige Arbeitsmarkt in Berlin", die der britische Wissenschaftler Bruce Cohen am Arbeitsbereich Stadt- und Regionalsoziologie der Humboldt-Universität erstellt hat. Im Rahmen der von der Europäischen Kommission geförderten Untersuchung wurden 703 Schüler der zehnten Klasse aus Gymnasium, Realschule, Hauptschule und Gesamtschule befragt. Cohen war als Forschungsstipendiat der Europäischen Union in Berlin.
Weichen zu früh gestellt

Die drei erstgenannten Schultypen zugunsten der Gesamtschule auflösen: So lautet Cohens Schlussfolgerung aus seiner Untersuchung, die der Berliner Senat in Auftrag gegeben hat. Als Vergleich zieht der Soziologe die Comprehensive School in Großbritannien heran, die in den siebziger Jahren das dreigliedrige Schulsystem abgelöst hat. Dies habe sich bewährt. Wenn die Gesamtschule als alleiniger Schultyp verbliebe, würde sie auch in Deutschland einen anderen Status gewinnen als gegenwärtig. Derzeit genießen Gesamtschulen bei vielen Eltern einen eher zweifelhaften Ruf.
Grundsätzlich - so Bruce Cohen - sei das Gesamtschulsystem besser geeignet, die Schüler auf die Herausforderungen der Informationsgesellschaft vorzubereiten, da es Flexibilität fördere. Denn künftig werde lebenslanges Lernen die Biographien prägen. Aber gerade damit ist ein großer Teil der Absolventen des deutschen Schulsystems oft überfordert. Wer nicht das Gymnasium besuche, sei auch im späteren Erwachsenenleben nur schwer zur Weiterbildung zu animieren. Zumal das Abitur, anders als in Großbritannien, obligatorisch für den Besuch einer Universität ist. So würden die Weichen für die spätere Entwicklung zu früh gestellt.
Außerdem, so Cohen in seiner Untersuchung, verstärke das deutsche System soziale Unterschiede, da lernschwächere Schüler, die häufig aus Unterschichtfamilien kommen, meist auf der Hauptschule landen. Dadurch werden sie von möglichen Kontakten zu Kindern aus der Mittel- und Oberschicht frühzeitig abgeschnitten. Familiär bedingte Lernstärken oder -schwächen werden so durch den Schultyp zementiert.

Dementsprechend zeigt die auf zwei Jahre angelegte Untersuchung, dass Kinder von Akademikern und höheren Angestellten am Gymnasium überproportional häufig vertreten sind. Die Kinder einfacher Angestellter oder ungelernter Arbeiter sind dagegen in der Minderheit. Auf der Hauptschule ist es genau umgekehrt.
Neben der Schichtzugehörigkeit steigere das dreigliedrige Schulsystem auch die Differenzierung ethnischer Gruppierungen. So besuchen Schüler türkischer Herkunft mehrheitlich die Hauptschule, an den Gymnasien sind sie dagegen seltener zu finden. Dies gelte allerdings nicht für alle Schüler, deren Eltern aus dem Ausland zugewandert sind. 40 Prozent der Kinder aus Osteuropa besuchen Gymnasien. Bei den Deutschen sind es mit 42 Prozent nur wenig mehr.
Dem Lernen abgeneigt

Grundsätzlich fiel die Bewertung von Schule und Bildung aus der Sicht der Schüler eher negativ aus. So gaben 51 Prozent der Befragten an, die Schule habe sie nicht zum Weiterlernen angeregt. Bei einer gleichartigen Untersuchung in Bradford in Großbritannien waren es nur 32 Prozent. Der Wert von Bildung für die weitere berufliche Entwicklung wird gering geschätzt. So stehen die Schüler dem Lernen mehrheitlich ablehnend gegenüber, gehen kurioserweise aber oft davon aus, dass sie später Führungspositionen bekleiden. Immerhin 29 Prozent wähnen sich nach Verlassen der Schule in der Position leitender Angestellter.
So sieht Cohen eine der wesentlichen Herausforderungen künftiger Bildungspolitik darin, den Schülern den unmittelbaren Bezug zwischen Bildungsqualifikationen und Arbeitsmarktchancen stärker zu verdeutlichen. Geschehen könne dies durch eine stärkere Präsenz von Berufsberatern, die den Schülern erklärten, wie es in der "wirklichen Welt" zugeht.

 

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
14.04.2003