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Mit Hase und Igel im Lesesaal

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
14.04.2003

Mit Hase und Igel im Lesesaal

Lebendiger Campus Adlershof: Eine kleine Entdeckungsreise vor der Langen Nacht der Wissenschaften

Von Ljiljana Nikolic

SERVICE AUS EINER HAND. Im Erwin-Schrödinger-Zentrum sind Kommunikation und Information konzentriert.
Foto: D. Ausserhoder

Im Erwin-Schrödinger-ZentrumEs gibt viel zu entdecken bei der diesjährigen Langen Nacht der Wissenschaften - auf dem soeben bezogenen neuen Campus der Humboldt-Universität. In Adlershof werden am 14. Juni fünf naturwissenschaftliche Institute der HU und neun außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wieder faszinierende Einblicke gewähren. In diesem Jahr haben die Besucher aber auch die Möglichkeit, zwei neue Gebäude der Universität kennen zu lernen, die im Februar diesen Jahres fertig gestellt wurden. Das Institut für Physik, das den Namen Lise Meitner-Haus trägt, und das Erwin Schrödinger-Zentrum gehen zum Semesterstart in Betrieb.
Das Schrödinger-Zentrum ist der Sitz der Zentralbibliothek Naturwissenschaften und des Computer- und Medienservice (CMS, vormals Rechenzentrum), hier wird während der Langen Nacht auch der Hauptanlaufpunkt für die Besucher sein. Lassen Sie uns schon jetzt einen kleinen Spaziergang durch die beiden Gebäude machen.
Das Schrödinger-Zentrum, ein Werk des Architekten Daniel Gössler, ist ein Zusammenspiel von Alt und Neu. Ehemalige Werkhallen der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt e.V., die von 1912 bis 1945 ihren Sitz im Umfeld des Flughafens Johannisthal hatte, waren aus Gründen des Denkmalschutzes in das neue Gebäude einzubeziehen. Obwohl die Werkhallen aus Backstein in einem miserablen Zustand waren, wie der Architekt bei einer Führung betonte, wurden sie saniert und integriert. Dabei wurde die Atmosphäre des rohen Materials der alten Flugzeughallen erhalten und auch im Innenbereich teilweise fortgeführt, beispielsweise im 80 Meter langen und acht Meter hohen Foyer aus Sichtbeton.

Die Augen der Universitätsmitglieder wie Standortpartner sind auf das Zentrum gerichtet. Denn viele erhoffen sich, dass sich hier ein Kommunikationszentrum entwickelt - wie auf einer italienischen Piazza, wo Unternehmer, universitäre und außeruniversitäre Forscher und Studierende zusammenkommen, sich kennen lernen, zusammen diskutieren, Projekte beginnen. Obwohl sich die Infrastruktur der Wissenschaftsstadt in der vergangenen Zeit um einiges verbessert hat, so ist sie doch noch einer der Schwachpunkte im Gebiet. Es fehlt vor allem an gemütlichen Ecken.
Das wird nun anders, ein einladendes Café und ein Bücherladen sollen zum längeren Verweilen am Standort animieren. In unmittelbarer Nähe ist auch der Konferenzsaal untergebracht. Mit seinem hohen technischen Niveau, Konferenzsaal, Vortragsraum, zehn Hörsälen und Seminarräumen bietet das Haus ideale Bedingungen für wissenschaftliche Zusammenkünfte aller Art.
Service aus einer Hand
Das Erwin Schrödinger-Zentrum ist aber nicht nur als Kommunikations-, sondern auch als Informationszentrum konzipiert. Vielleicht mag die Idee, eine Bibliothek und ein Computer- und Medienzentrum zusammenzuführen, im ersten Moment nicht sensationell erscheinen, doch es handelt sich um eine Neuerung, die den Nutzern enorme Vorteile bringt und in Deutschland einmalig ist. "Service aus einer Hand", lautet das Leitmotiv.

Der Besucher kann sich das folgendermaßen vorstellen: Er betritt das Gebäude durch den Haupteingang an der Rudower Chaussee. Im erwähnten Foyer stehen einige Internet-Terminals zur Schnellrecherche "in Hut und Mantel" bereit. Unser Besucher geht aber einige Schritte geradeaus weiter. Bibliothek und CMS verfügen im Eingangsbereich über einen Servicepunkt, an dem alle Dienste und Auskünfte angeboten werden. Anmeldung, Ausleihe und Rückgabe von Büchern, Auskünfte über Datenbanken und Kataloge sind ebenso möglich, wie Informationen über Möglichkeiten, multimediale Elemente in Arbeiten zu integrieren.
Passiert der Nutzer den Servicebereich, kann er die Freihand-Bibliothek, den Lesesaal und den PC-Saal nutzen, wo neben den normalen Rechnerarbeitsplätzen auch Multimediaplätze zur Verfügung stehen und gleich nebenan das notwendige Weiterbildungsprogramm durchgeführt wird.
Der zentrale Lesesaal ist ein Ort der Ruhe und Konzentration. Er ist um 1,25 Meter abgesenkt, hölzerne Möbel und Wandverkleidungen sowie ein roter Teppich sorgen für eine warme, schallgedämpfte Atmosphäre. Eine besondere Attraktion des Lesesaals werden wahrscheinlich die beiden Fahrzeuge des fahrerlosen Transportsystems sein, "Hase" und "Igel". Das System bewegt sich mit speziellen Transportkisten fast lautlos auf vorgegebenen Bahnen um den Lesesaal und fährt mehrere feste übergabestationen an. "Hase" und "Igel" können sogar selbstständig den Fahrstuhl bedienen und die Mitarbeiteretagen erreichen. Eines dürfen und sollen sie allerdings nicht, die Nutzer durch die Bibliothek kutschieren.

Das Reizvolle am mathematisch-naturwissenschaftlichen Campus ist, dass jedes Gebäude die Handschrift eines anderen Architekten trägt, einige Institute sind schlicht gehalten, andere verspielt, und alle zusammen bilden ein harmonisches Ganzes. Das fantasievollste Gebäude dürfte das Institut für Physik sein. Die Architekten Georg Augustin und Ute Frank haben sich bei der Architektur von der Arbeit am Institut für Physik leiten lassen: dem Experiment. Dies kommt insbesondere bei der Fassade zum Ausdruck, an der ein einmaliges Projekt zur Fassadenbegrünung und dezentralen Regenwasserbewirtschaftung durchgeführt wird.
Zwar wird es in diesem Jahr noch nicht sichtbar werden, aber bereits im nächsten Jahr sollen an der Südfassade und in den fünf Innenhöfen aus 150 Fassadenkübeln Kletterpflanzen wachsen. Blauregen, Clematis, wilder Wein, Trompetenblume und sogar Kiwi werden auf verschiedenen Höhen die Gänge im Gebäude in den Sommermonaten beschatten und die Luft über die Verdunstung von Wasser kühlen. Im Spätherbst, Winter und Frühjahr dagegen, wenn die Fassadenbegrünung unbelaubt ist, wird die Sonnenstrahlung ungehindert die Glasfront passieren. Wird es in den Fluren zu heiß, können Klappen zur besseren Belüftung geöffnet werden. Es geht bei der grünen Fassade aber nicht nur um Kühlung, sondern auch um die ökologische Bewirtschaftung von Regenwasser. Denn das Gebäude hat keine Regenwasserableitung. Das Regenwasser wird in fünf Zisternen gesammelt, überschüssiges Wasser wird durch den überstau eines Teiches im Innenhof zur Versickerung gebracht. Das Wasser wird für die Bewässerung der Fassadenvegetation genutzt und gelangt in Kühlungsanlagen, die die Gebäudeklimatisierung in den technischen Gebäudeteilen gewährleisten.
Regen- statt Trinkwasser
Damit soll nicht nur die Umwelt entlastet, sondern auch die Betriebskosten des Gebäudes gesenkt werden. Die Nutzung von Regenwasser anstelle von Trinkwasser führt hierbei zu einer Wassereinsparung im doppelten Sinn, da das ionenarme Regenwasser bei der Verdunstung weniger Abwasser erzeugt. Die Reduzierung des Wasser- und Energieverbrauchs lässt sich bei der Planung von neuen innovativen Projekten allerdings nicht abschätzen. Auch, ob die Kühlung so funktionieren wird, wie es sich die Verantwortlichen wünschen, muss sich zeigen.

Daher wird das Modellprojekt im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Fachbereich ökologischer Städtebau, wissenschaftlich begleitet. Die Untersuchungen erfolgen durch eine Kooperation zwischen der Humboldt-Universität, der TU Berlin, Institut für Landschafts- und Umweltplanung, und der Fachhochschule Neubrandenburg.
So viel zu den neuen Gebäuden, wie sieht die nahe Zukunft in Adlershof aus? Bis zum Ende des Jahres werden zwei weitere Institute nach Adlershof ziehen: das Geographische Institut und das Institut für Psychologie. Damit wird sich die Studierendenzahl auf dem Campus auf über 5300 Studierende fast verdoppeln. Dann wird es von der Atmosphäre her schon während des Semesters wie zur Langen Nacht der Wissenschaften sein: lebendig und intensiv.


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