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Nele Alder-Baerens

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
14.04.2003

"Menschen wollen fliegen"

Nele Alder-Baerens ist taub und im Studium so erfolgreich wie im Sport

Von Anke Assig

NELE ALDER-AERENS
Foto: D. Ausserhofer
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Nele Alder-Baerens ist anders: Sie ist schnell. Nur achteinhalb statt der regulären zehn Semester hat sie bis zur Diplomprüfung in Biophysik gebraucht. Im Februar begann sie - mit 24 Jahren - zu promovieren. Doch nicht nur beruflich macht die junge Frau Tempo. In ihrer Wohnung reiht sich eine sportliche Auszeichnung an die nächste.
Seit 1997 ist kein Jahr vergangen, in dem die Leichtathletin nicht auf dem Siegertreppchen gestanden hätte. Nele Alder-Baerens hat Europa- und Weltrekorde über 2000 und 5000 m aufgestellt und bekam im letzten Jahr vom Bundespräsidenten das Silberne Lorbeerblatt verliehen - die höchste Auszeichnung, die Deutschland an seine Spitzensportler zu vergeben hat. Trotzdem wurden ihre Wettkämpfe noch nie live im Fernsehen übertragen, denn die "Deaflympics" sind hierzulande eigentlich kein Begriff. Ohne moderne Medizintechnik im Ohr wäre Nele Alder-Baerens taub.
Sie war 17, als ihr nach über einem Jahr völliger Gehörlosigkeit eine Elektrode in die Ohrschnecke implantiert wurde. Das erste Hörerlebnis war enttäuschend. "Alles hat sich so angehört, wie wenn Regen auf ein Blechdach trommelt", erinnert sie sich. "Ich konnte nichts unterscheiden, da waren noch nicht mal Töne. Ich musste die Bedeutung der Geräusche wieder neu lernen." Nach drei Monaten Hörtherapie klang die Welt wieder vertraut, wenn auch nie wieder normal. Nele spielte Basketball, schrieb Gedichte und träumte von einem Medizinstudium.

Vorlesung per Funk

Nach einem Schülerpraktikum in der Pathologie der Charité orientierte sie sich neu. Sie entschied sich für Biophysik, einen kleinen Studiengang an der Humboldt-Universität, in dem jährlich nur 25 Anfänger immatrikuliert werden. "Das klang gut, da habe ich zugeschlagen." Mit ihrer Beeinträchtigung wurde das Studium für sie eine ganz besondere Herausforderung. Die Dozenten sprachen oft zur Tafel gewandt, so dass sie nicht von deren Lippen lesen konnte, die Unruhe im Grundstudium tat ihr Übriges. Ohne Mikroport-Anlage ging gar nichts. Sie bat die Lehrenden einen Funksender zu tragen, den Empfänger koppelte sie an ihr Hörgerät. "Für manche Dozenten war die Anlage überhaupt kein Problem, andere haben sich erst ein wenig gesträubt." Mitunter verlieren die Professoren unbemerkt das Mikrofon, Nele hört dann nichts: "Oft waren sie so in ihre Gedankenwelt verstrickt, dass sie minutenlang nichts bemerkt haben." Erschwerend kommt die extreme Kurzsichtigkeit der Studentin hinzu. Mit zwölf Dioptrien sind Tafelbilder oft selbst aus der ersten Reihe nicht lesbar. Skripte, mit deren Hilfe sie sich auf den unbekannten Stoff vorbereiten kann, gibt es kaum. Eigentlich genügend Gründe, den Behindertenbeauftragten der Universität zu fragen. Ein Gedanke, der Alder-Baerens nie kam: "Ich staune selber, wie gut ich durchs Studium gekommen bin."

Berufsziel Forschung

Und dann ist da noch der Sport. Bis zu sechs Mal in der Woche trainiert sie, davon zwei Mal mit einem Trainer beim Olympischen SC. Oft steht sie morgens früh auf, um das Laufpensum vor der Vorlesung zu schaffen. "Ich habe den Sport um meinen Stundenplan in der Uni herum gebastelt, nicht umgekehrt." Dabei hatte alles erst kurz vor dem Abitur und völlig unverhofft begonnen: Testlauf, Sieg, Delegation zu den World Games of the Deaf, den Olympischen Spielen der Gehörlosen, dort einen Monat später vierter Rang im Staffellauf, Aufnahme in die Nationalmannschaft. Von da an eilt die zierliche Frau von Medaille zu Medaille, startet bei nationalen und internationalen Wettkämpfen sowohl für Hörende als auch für Gehörlose. "Am Start fragt man sich: Warum mache ich das? Aber wenn man es dann geschafft hat, fühlt man sich großartig."
Ein Wermutstropfen für Nele und ihre gehörlosen Sportsfreunde: "Die öffentliche Aufmerksamkeit fehlt. Es interessiert keinen." Auch wenn sie die Anfeuerungsrufe der Zuschauer nicht hören, so könnte die Menge sie doch beflügeln. Vielleicht ist es das, woran Nele dachte, als sie mit 17 in ein Gedicht schrieb: "Menschen wollen fliegen." Wenn sie ihre Promotion beendet hat, möchte Nele in die Wirtschaft gehen. Alles spricht dafür, dass sie weder eine Frauen- noch eine Behindertenquote brauchen wird, um in der Forschung erfolgreich zu sein.

 

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
14.04.2003