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Schattenseite des Erbes

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
14.04.2003

Schattenseite des Erbes

Wie die Humboldt-Universität mit dem dunkelsten Kapitel ihrer Vergangenheit umgeht

Von Rüdiger vom Bruch

UNTER DEM HAKENKREUZ. Kundgebung mit Studenten vor der Universität.
Fotos: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz
hakenkreuz.jpg

Vor siebzig Jahren, im Frühjahr 1933, erhielt Werner Weisbach, Berliner Kunsthistoriker jüdischer Herkunft, die Mitteilung, er dürfe ab sofort keine Vorlesungen mehr abhalten. Weisbach erlebte sehr unterschiedliche Reaktionen seiner Schüler. Einer schrieb ihm am 5. Mai: "Die Ereignisse haben allen und schlimmsten Prophezeiungen leider nur allzu recht gegeben. Allerdings hätte ich kaum zu fürchten gewagt, dass der Bankrott aller anständigen Gesinnung ein so vollständiger sein würde." Ein anderer Schüler erklärte ihm etwa zur gleichen Zeit, man müsse sich den Tatsachen anpassen, ohne auf Verhältnisse und Überzeugungen, die einer durch den Umbruch beendigten Epoche angehörten, Rücksicht nehmen zu können.

Glühende Anhänger

Neben Betroffenheit und Zynismus gab es andere Verhaltensweisen. Glühende Anhänger der NS-Rassenideologie waren eher selten. Mehrheitlich überwog bei jungen Wissenschaftlern, die in der Weltwirtschaftskrise der späten Weimarer Republik nur geringe akademische Aufstiegschancen erblickten, ein opportunistisches Karrieredenken im Interesse der eigenen Laufbahn, eine schmiegsame Nützlichkeitsorientierung, um das Fachgebiet gemäß den nun herrschenden Maximen aufzuwerten, sowie eine geschickte Abstimmung der eigenen fachwissenschaftlichen Ressourcen mit den von Partei und Staat unter bestimmten Prämissen zur Verfügung gestellten Ressourcen.
Das war, wenn auch graduell unterschiedlich, in Berlin nicht anders als an anderen Universitäten. Allerdings galt die größte deutsche Universität nicht nur als Flaggschiff der deutschen Forschungsuniversität. Am Beispiel Berlins war im Sinne von selbstdisziplinierender Bildung, von humanistischem Ethos und von strenger Forschungsgesinnung immer wieder eine Idee der nach 1800 begründeten modernen deutschen Universität beschworen worden. Mochte vieles davon schon vorher ein Mythos sein - die Wirklichkeit zwischen 1933 und 1945 sah völlig anders aus.
Die heutige, seit 1949 mit diesem Namen ausgestattete Humboldt-Universität verweist bei ihrem Anspruch auf wieder zu gewinnende Exzellenz auf die Verpflichtung eines reichen Erbes. Um so mehr hat sie sich den Schattenseiten dieses Erbes zu stellen.
Im Januar 2002 hat der Akademische Senat der Humboldt-Universität eine Kommission zum öffentlichen Umgang mit der Verstrickung dieser Hochschule in die NS-Vernichtungspolitik eingesetzt, veranlasst durch die sechzigjährige Erinnerung an den Generalplan Ost am 28. Mai 1942. Der Berliner Agrarwissenschaftler Konrad Meyer hatte damals dem Reichsführer SS Heinrich Himmler die überarbeitete Fassung eines interdisziplinär erstellten Plans zur zwangsweisen, in der Wirkung genozidalen Umsiedlung von Millionen Menschen aus besetzten polnischen Gebieten zum Zweck reichsdeutscher Besiedelung in nunmehr menschenleeren Räumen übergeben.
Eine scheinbar nüchterne, auf der Höhe damaliger wissenschaftlicher Standards erfolgte Reißbrettplanung setzte massenweise Deportation und Vernichtung voraus. Vor diesem Hintergrund gaben die Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät und der Präsident der Humboldt-Universität in Abstimmung mit der von mir geleiteten Senatskommission am 28. Mai 2002 Erklärungen dazu ab, doch das konnte nicht genügen.

Neben dem Generalplan Ost und seinem weiteren Umfeld kamen zunehmend Verstrickungen der Medizinischen Fakultät in Verbrechen des NS-Regimes in den Blick der Kommission, wurden darüber hinaus andere Problemfelder und Grauzonen zwischen bereitwilliger Wissenschaft und NS-Politik thematisiert, wurde über 1945 hinaus auf Probleme der Erinnerungskultur hingewiesen. Dem trug auch der neue Titel der Kommission Rechnung: "Die Berliner Universität und die NS-Zeit. Verantwortung, Erinnerung, Gedenken." Eine Umfrage innerhalb der Universität löste eine Welle von Mitwirkungsangeboten aus. Daher wird eine von der Kommission für das Sommersemester erarbeitete Ringvorlesung in den kommenden Semestern fortgesetzt werden.
Die jetzige Ringvorlesung erinnert zunächst an die bewegende Begegnung mit ehemaligen, seit 1933 vertriebenen jüdischen Kommilitonen im Oktober 2001 in der Humboldt-Universität und an die von den studentischen Paten eigenständig erstellte und im Mai/Juni 2002 präsentierte Ausstellung "Kommilitonen von 1933". Zwei ehemalige jüdische Kommilitonen werden bei der Auftaktveranstaltung mitwirken.
Es folgt eine Veranstaltung der Stiftungsinitiative 10. Mai zum Thema "Verbranntes Denken - Ideelle Restitution". Weitere gelten dem "Generalplan Ost", drei folgende Abende konzentrieren sich auf Mediziner im Dienste des Nationalsozialismus. Einen vorläufigen Abschluss markiert am 2. Juli die Podiumsdiskussion "Lernen aus unserer Vergangenheit?" Die Arbeit der Kommission steht nicht isoliert. Enge Berührungen ergeben sich mit Präsidentenkommission der Max-Planck-Gesellschaft zur Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in der NS-Zeit und insbesondere mit der Forschergruppe zur Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Parallel wird in diesem Sommer im MPG-Archiv ein Hauptseminar zu exponierten Kaiser-Wilhelm-Instituten 1933-1945 angeboten.

Stipendienprogramm

Für Studierende aus Mittel- und Osteuropa, den GUS-Staaten, Israel und den USA, deren Angehörige Opfer des NS-Regimes geworden sind, hat die Humboldt-Universität ein Stipendienprogramm aufgelegt. Die Mittel entstammen dem Fonds "Erinnerung und Zukunft" der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft". Das Programm fördert auch Studierende, die sich in ihren Heimatländern intensiv mit Fragen des Nationalsozialismus und der Zwangsarbeit auseinandersetzen.
Die Stipendien werden jährlich vergeben, erstmals zum Wintersemester 2003/04. Das Programm ist zunächst auf drei Jahre befristet. Die Stipendiaten können zwei Semester an der Humboldt-Universität oder einer ihrer Partnerhochschulen (FU, TU, UdK, FHW) studieren. Darüber hinaus wird ein umfangreiches Begleitprogramm mit Exkursionen, Veranstaltungen und Vorträgen angeboten. So sollen die Programmteilnehmer die Möglichkeit bekommen, Deutschland als modernes, demokratisches Land kennen zu lernen.

Mehr Informationen im Internet.

Auch für Stipendienbewerber gibt es Informationen im Netz.

 

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14.04.2003