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Weisheiten aus Büchern genügen nicht mehr

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
14.04.2003

"Weisheiten aus Büchern genügen nicht mehr"

Der Vizepräsident für Lehre und Forschung erklärt, wie das Programm "ÜberGänge" Schüler in die Forschung bringt

Von Heinz-Elmar Tenorth

ERFAHRUNGEN IM LABOR und im Experimentieren - Kinder können auch die Möglichkeiten der Universität nutzen.
Foto: Christa Petersen
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Professor Tenorth, der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft hat das Aktionsprogramm "ÜberGänge" der Humboldt-Universität zu Berlin mit 100000 Euro prämiert. Was ist im Kern das Ziel dieses Programms, wer sind die Adressaten und welche Aufgabe kommt Ihnen dabei zu?
Das Programm soll die Kooperation von Schule und Hochschule fördern. Die Adressaten sind Schulen, Universitäten und Institute sowie Schüler, Lehrer und Hochschullehrer, aber auch die übrigen Beteiligten am Lernprozess, also Eltern und Öffentlichkeit. Als Vizepräsident für Lehre und Studium kann ich diese Kooperation anregen, fördern, auch finanziell und institutionell absichern.

Kinder und Jugendliche wollen sich erproben und die Welt erkunden. Wie unterstützen die Projekte des Programms "ÜberGänge" sie dabei? Können die Wissenschaften den Heranwachsenden helfen, die herausragenden Probleme ihrer Generation zu lösen?
Die Projekte setzen diese Ziele in ganz unterschiedlicher Weise um. Aber allen ist gemeinsam, dass die Schülerinnen und Schüler in der Universität und mit den Vertretern der Hochschule selbst an Themen und Problemen arbeiten, Erfahrungen im Labor und in Seminaren sowie mit Texten und Experimenten sammeln. Ein Verständnis für Wissenschaft entwickeln und selbst wissenschaftlich arbeiten - darauf zielen die Projekte, weil selbstständige Teilhabe an einer wissenschaftsbasierten Zivilisation das allgemeine Lernziel ist.

Schon Max Weber hat gewarnt: Hervorragende Gelehrte sind nicht automatisch gute Lehrer. Was gibt Ihnen die Zuversicht, dass die Projekte vor den Kindern und Jugendlichen bestehen können?
Wir lassen nicht jeden Lehrenden teilnehmen, und wir nehmen die Rückmeldungen der Jugendlichen sehr ernst, versuchen selbst zu lernen, also ihren Möglichkeiten und Erwartungen gerecht zu werden.

Ist das Projekt "Känguru" immer noch das populärste Angebot bei den Schülerinnen und Schülern in Deutschland?
Meines Wissens ja. Es ist der bei weitem größte Mathematikwettstreit. An dem in Deutschland von der HU unterstützten Wettstreit waren 200000 Mädchen und Jungen von der dritten bis zur 13.Klasse beteiligt. Zu den selben Mathematikaufgaben suchten am selben Tag Schüler in mehr als zwanzig europäischen Ländern, insgesamt weit über 2000000, nach Lösungen. Der Wettbewerb hat das Ziel, die mathematische Bildung an der Schule breit zu unterstützen und die Freude an der Beschäftigung mit der Mathematik zu wecken und zu festigen. Durch das Angebot von interessanten Aufgaben soll die selbstständige Arbeit der Schüler im Unterricht gefördert werden.

Werden Mädchen im Programm "Übergänge"anders als Jungen berücksichtigt?
Im Prinzip nein, aber einige unserer Projekte versuchen besondere Lernmöglichkeiten für Mädchen bereitzustellen, etwa in der Informatik. Dort können sie sich unabhängig von der "Störung" durch Jungen erproben. Das Projekt "Recruiting und Management weiblichen Nachwuchses für die Informatik"möchte gerade Schülerinnen zum naturwissenschaftlichen Studium, besonders der Informatik, motivieren. Der gegenwärtige Projektschwerpunkt liegt darauf, ein projektbezogenes Netzwerk einzurichten und mit anderen Aktivitäten in Berlin und der Bundesrepublik zu koordinieren.

Beschreiben Sie bitte kurz ein Projekt für Ihre jüngsten Adressaten, die Kinder in der Grundschule, näher.
Im Projekt UniLab sind eigene Module, wie Experimente, Möglichkeiten der Erfahrung der Natur sowie der Teilhabe an Experimenten, entwickelt worden, die sie so nicht in der Schule vorfinden. Bei diesen Unternehmungen gehen wir von den alltäglichen Erfahrungen der Kinder aus und führen sie zum wissenschaftlichen Denken und Arbeiten. Die jüngeren Schulkinder führen detaillierte quantitative Untersuchungen durch und üben sich anschließend bei der Präsentation ihrer Ergebnisse im modernen Stil. Wir arbeiten dabei mit den Lehrern und den Kindern zusammen.

Laut Arend Oetker, dem Präsidenten des Stifterverbandes, zielt das Aktionsprogramm darauf, dass die Hochschulen mit ihren Angeboten in den Schulen präsenter werden sollen als bisher - gerade für die Natur- und Ingenieurwissenschaften sollte dies gelten, und zwar in allen Klassenstufen. Was ist an Ihren Angeboten anders als an dem, was in den Schulbüchern geschrieben steht? Genügen Lehrbuchweisheiten nicht mehr?
Lehrbücher allein sind in den Naturwissenschaften unzureichend, Experimente und eigene Erprobung müssen hinzu kommen. Denn der Kontakt mit Forschern in einem Forschungslabor kann in der Schule nicht simuliert werden.

Der Vorsitzende der Jury, IBM Deutschland-Chef Erwin Staudt, lobt den Einfallsreichtum und systematischen Aufbau der Angebotspalette. Was bezwecken Sie mit genau dieser Systematik?
Die Besonderheit unserer Programme ist, dass sie sich nicht allein auf die Naturwissenschaften konzentrieren, sondern auch andere Fächer - wie Deutsch oder Geschichte - einbeziehen. Wir wollen auch nicht allein den Übergang vom Gymnasium auf die Universität, also rund um das Abitur, berücksichtigen, sondern auch die Grund- und Mittelstufe sowie den Übergang von Lehrern in ihren Beruf. Letztlich sollen die Leistungen der Schüler im Studium angerechnet werden können.

Wofür werden die Prämiengelder verwendet?
Wir unterstützen die Ausstattung von Schulen und Projekten, etwa mit PCs oder Büchern, wir finanzieren die Lehre von Hochschuldozenten an Schulen, von Lehrern an Hochschulen, wir fördern Sommerschulen, entwickeln Module für Schulen und Labore, wir betreuen Schüler in der Arbeit an Universitäten und wir fördern Weiterbildung von Lehrern.
Wie viele Mitarbeiter der Humboldt-Universität beteiligen sich an dem Vorhaben?
Intern sind etwa 60 Mitarbeiter involviert, und wir haben - die Schüler ausgenommen - genau so viele externe Partner.
Das Gespräch führte Uwe Reyher.

Die Internetseite wird derzeit eingerichtet, Kontakte sind möglich über:
Gabriele.Kuhn@uv.hu-berlin.de.

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
14.04.2003