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Schriftstücke entdeckt

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
10. April 2004

Schriftstücke entdeckt

"Evangelische Wochenbriefe" des Theologieprofessors Adolf Deißmann

Von Ralf Golling

In der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität, die eine traditionsreiche und bewegte Geschichte, wie Kriege und gesellschaftliche Umwälzungen, hinter sich hat, sind durch Zufall so manche interessante Schriftstücke zum Vorschein gekommen. So wurden kürzlich bei Aufräumarbeiten zehn lose Schreibmaschinenseiten aus dem Jahre 1915 gefunden. Dabei handelt es sich um eine unvollständige und zwei vollständige Ausgaben der "Evangelischen Wochenbriefe" des weithin bekannten protestantischen Theologieprofessors Adolf Deißmann (1866 - 1937). Dieser lehrte seit 1908 an der hiesigen Universität, die damals den Namen Friedrich-Wilhelms-Universität trug. Deißmanns Werke "Licht vom Osten. Das Neue Testament und die neuentdeckten Texte der hellenistisch-römischen Welt (1908, 4., völlig neubearb. Aufl. 1923) und "Paulus. Eine kultur- und religionsgeschichtliche Skizze (1911, 2., völlig neubearb. Aufl. 1925) markieren Höhepunkte seines wissenschaftlichen Schaffens auf dem Gebiet des Neuen Testaments. 1)

Die vollständigen Ausgaben der "Evangelischen Wochenbriefe" tragen die Nummern 30 und 31. Innerhalb der gesamten deutschen Bibliothekslandschaft ist lediglich Nr. 1 von 1914 in der Staatsbibliothek zu Berlin nachgewiesen. Andere Bibliotheken verfügen über die Ausgaben aus dem Zeitraum von 1917 bis 1921. Die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (vormals in der Ost- Berliner Stadtbibliothek) verwahrt den umfangreichen Nachlass Deißmanns, in dem auch die "Evangelischen Wochenbriefe", die zunächst nur in hektographierter Form im Umlauf waren, zu finden sind. Hierzu gehören auch Adressenlisten der Bezieher sowie Materialien und Manuskripte zu diesen Briefen. Das Studieren der beiden genannten Briefe gibt den Impuls, sich näher mit diesem Teil des Nachlasses zu beschäftigen.

Zu Beginn des 1. Weltkrieges begann Deißmann mit dem Schreiben dieser Wochenbriefe, die er ins zunächst neutrale Ausland, besonders in die USA, schickte. Seine Absicht dabei war, Auskunft zu geben über die religiöse Bewegung, die nach seiner Sicht gerade im Krieg einen ungeheuren Auftrieb erfahren hatte (hierzu gibt es von ihm auch zahlreiche gedruckte Zeugnisse für die deutsche Öffentlichkeit), und darüber hinaus Vorurteile gegenüber Deutschland zerstreuen zu helfen (Nr. 31, S. 2, 4). Er hoffte, dass mit dieser Aktion "die internationale christliche Gemeinschaft wenigstens zu einem kleinen Teil gestärkt werden könnte" (Nr. 31, S. 4). In der Auseinandersetzung mit einer scharfen Äußerung eines amerikanischen Theologen zu seinen Briefen erinnert Deißmann an die Meinungsverschiedenheiten über den Krieg zwischen amerikanischen und deutschen Christen: hier nütze kein Ausweichen, es helfe "nur offene brüderliche Aussprache" (Nr. 31, S. 2). Wie ernst Deißmann dieses Anliegen war, unterstreicht sein Appell, der an Aktualität nichts eingebüßt hat: "Hüten wir uns doch im Kriege doppelt vor Verallgemeinerungen. Sie sind eine Quelle der schwersten Schäden." (Nr. 31, S. 5) 2)

Wenn Deißmann damit vom allgemein verbreiteten chauvinistischen Trend seiner Zeit, dem auch zahlreiche Theologen und Kirchenführer verfallen waren, abwich, so lag ihm ein Hinterfragen des Waffendienstes fern, vielmehr galt ihm das gemeinsame Kämpfen aller christlichen Gemeinschaften in dem Weltkrieg als fester Bestandteil der von ihm beobachteten religiösen Hochstimmung in Deutschland, wie es der Wochenbrief Nr. 30 im Zusammenhang mit der Schilderung des aufopfernden Einsatzes von Mitgliedern der Evangelischen Gemeinschaft an der Front und auf humanitärem Gebiet belegt. In die erstarkte religiöse Bewegung, in dem die evangelischen Landeskirchen durch die Verflechtung mit jeweiligen Territorialherrschaften und durch die Zugehörigkeit eines Großteil ihrer Bewohner zu letzteren, dominierten, sieht Deißmann auch die unabhängigen evangelischen Freikirchen, wie gerade die Evangelische Gemeinschaft, voll einbezogen. Ausgehend von seiner Feststellung, "dass die ernste Zeit des großen Krieges .... auch das öffentliche Interesse für die Freikirchen bis weit in die landeskirchlichen Kreise hinein belebt hat" (Nr. 30, S. 1), spannt sich ein Bogen zu seiner Feststellung, die seine Initiativen für die Förderung der ökumenischen Bewegung nach dem Krieg bestimmen sollten: "Ich glaube, je mehr wir Glieder der großen Landeskirchen selbst einen Einblick in diese Arbeit der Freikirchen erhalten, umso mehr werden wir lernen, sie in brüderlicher Gesinnung als berechtigte Glieder der an individueller Ausprägung so reichen deutsch-evangelischen Christenheit zu schätzen." (Nr. 30, S. 4).

Das von Deißmann beobachtete Zusammenwachsen von christlichen Gemeinschaften auf nationaler Ebene ergänzt sich mit seiner auf eine internationale Wirksamkeit ausgerichteten christlichen Verantwortung. Beides konnte er in seine vielfältigen ökumenischen Aktivitäten einbringen. Als Beispiel sei sein 1925 publizierter Bericht über die Weltkirchenkonferenz für Praktisches Christentum in Stockholm ("Die Stockholmer Weltkirchenkonferenz") genannt. Zur Konsequenz seiner auch in extremen Situationen sich zu bewährenden christlichen Haltung gehören nicht zuletzt die menschlichen Hilfsaktionen in der NS-Zeit gegenüber Menschen, die wegen ihrer jüdischen Herkunft in Bedrängnis geraten waren. Hierzu nutzte er seine in Jahrzehnten geknüpften Auslandskontakte.3)

1) Einen Einstieg in eine umfassende Information über Deißmann gibt die "Theologische Realenzyklopädie", Bd. 8 (1981), Art.: Deißmann, Adolf (1866 - 1937), S. 406-408, verfasst von Eckhard Plümacher.
2) Vgl. Adolf Deißmann: Inneres Aufgebot. Deutsche Worte im Weltkrieg. Berlin 1915; in einem der hier vereinigten Kriegsaufsätze hat er 4 "Evangelische Wochenbriefe" von 1915 (unter der Überschrift: Vom geistigen Kampfesfeld. Vier Briefe nach Amerika), darunter auch Nr. 31, in gedruckter Form zugänglich gemacht, S. 64 - 98.
3) Siehe Günter Wirth: Adolf Deißmann und der Arierparagraph, in: Deutsches
Pfarrerblatt 91 (1991), S. 508-510.

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10. April 2004

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