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Reisen in die Wunderkammern der Natur

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
10. April 2004

Reisen in die Wunderkammern der Natur

Weltweit erstes und größtes naturhistorisches Netzwerk ermöglicht Forschungsaufenthalte

Von Carsten Lüter

AN BORD DER VALDIVIA: SammelexkursionWie erforscht ein britischer oder spanischer Wissenschaftler einen mehrere hundert Kilogramm schweren Dinosaurierknochen, der in den Archiven des Berliner Museums für Naturkunde lagert? Er muss sich auf den Weg in die deutsche Hauptstadt machen, denn ein Postversand des unhandlich schweren und gleichzeitig zerbrechlichen Objektes seiner wissenschaftlichen Begierde ist weder sinnvoll noch bezahlbar.
Genau diese Forschungsreisen innerhalb Europas ermöglicht jetzt das weltweit größte Netzwerk naturhistorischer Institutionen aus elf europäischen Staaten, SYNTHESYS genannt. Es wird in den nächsten fünf Jahren von der EU mit 13 Millionen Euro gefördert. Koordiniert wird das Programm vom naturhistorischen Museum in London. Erstmals beteiligt sich das Museum für Naturkunde zusammen mit dem Botanischen Garten der FU an einem Verbundprojekt dieser Größenordnung und knüpft damit an seine traditionelle Position an, die es als Referenzzentrum für biosystematische, paläontologische und erdgeschichtliche Forschung in Deutschland bereits unmittelbar nach seiner Gründung 1890 inne hatte.
Über 300 Anfragen ausländischer Wissenschaftler haben das Museum für Naturkunde und der Botanische Garten im Vorfeld des Projektes erhalten, womit die beiden Institute schon jetzt zu den begehrtesten naturkundlichen Forschungseinrichtungen im Projekt gehören.
Mehr als 330 Millionen Objekte lagern in den Sammlungen aller an SYNTHESYS beteiligten 20 Institutionen, davon allein 25 Millionen im Museum für Naturkunde - eine wahre Fundgrube für Spezialisten und ihre Forschungsarbeiten. Dies gilt insbesondere für die zahlreichen Typus-Exemplare. Als "Typen" bezeichnen die Wissenschaftler diejenigen Organismen, die als Grundlage für die Beschreibung einer neu entdeckten Tier- oder Pflanzenart gedient haben. Die Sammlungen des Museums für Naturkunde sind voll von solchen Typus-Exemplaren, denn die Ausbeute zahlreicher Expeditionen vor allem des 19. Jahrhunderts erbrachten enorme Mengen nie zuvor gesehener Lebewesen, die nach ihrer Beschreibung in den Archiven des damaligen "Zoologischen Museums Berlin" verwahrt wurden.

Vielfalt an einmaligen Sammlungspräparaten

"Endlich haben wir die Chance, aus ganz Europa Spezialisten in unsere Sammlungen einladen zu können, die uns helfen werden, dieses riesige Archiv der Biodiversität wissenschaftlich aufzuarbeiten und dadurch zugänglich zu machen", sagt Michael Ohl, Kurator für eine der sechs Insektensammlungen des Museums. Neben den weltbekannten Fossilien des Museums für Naturkunde, wie zum Beispiel dem best erhaltenen Exemplar des Urvogels Archaeopteryx oder den Dinosauriern aus der im heutigen Tansania liegenden Grabungsstätte Tendaguru, ist es vor allem die ungeheure Vielfalt an einmaligen Sammlungspräparaten auch aus weniger bekannten Tiergruppen, die das europaweite Interesse auf sich ziehen. Dazu zählen etwa die vom Berliner Dichter und Naturforscher Adalbert von Chamisso während der Weltumsegelung mit dem russischen Schiff "Rurik" in den Jahren 1815-1818 gesammelten Salpen. Diese Organismen erinnern auf den ersten Blick an durchsichtigen Wackelpudding, entpuppen sich bei genauerem Hinsehen aber als Kolonien der den Wirbeltieren verwandtschaftlich nahe stehenden Manteltiere. Oder die mit der gefährlichen "Portugiesischen Galeere" verwandte Tiefsee-Staatsqualle Bathyphysa abyssorum, die während der Reparaturarbeiten an den ersten Atlantik-Telefonkabeln von Sir William Siemens, dem Bruder des Firmengründers Werner von Siemens, als eine bis dato unbekannte Tierart gesammelt wurde.
So selten wie viele der konservierten Präparate in den Sammlungen des Museums für Naturkunde sind auch die Spezialisten, die sich mit der Evolution dieser Organismen wissenschaftlich auseinander setzen. Gerade deshalb ist das jetzt gestartete Projekt SYNTHESYS nicht nur für die Berliner Einrichtungen so bedeutsam. Aus ganz Europa können naturkundliche Forscher geförderte Gastaufenthalte an renommierten Einrichtungen durchführen, und dort an den für ihre Arbeit wichtigen Objekten forschen und zusammen mit ihren Kollegen gemeinsame Forschungs- und Sammlungsstandards entwickeln. Und alle profitieren davon: Der Wissenschaftler erhält Zugang zu seinem Forschungsgegenstand, das beherbergende Institut bekommt - wenn auch zeitlich begrenzt - einen Spezialisten, und zwischen den beteiligten Wissenschaftlern entstehen Kooperationen, die weit über das Projekt hinaus gehen können.
Und genau diese Chance werden sich auch die Wissenschaftler des Museums für Naturkunde nicht entgehen lassen. Ihr Expertentum ist in den Partnerinstitutionen hoch willkommen, und bereits jetzt haben viele Wissenschaftler des Museums konkrete Pläne für eigene Projekte. So freut sich Flugsaurierspezialist David Unwin, Kurator für fossile Wirbeltiere im Museum für Naturkunde, auf die Möglichkeit, außerordentlich gut erhaltene Fossilien im Zoologischen Museum in Kopenhagen bearbeiten zu können: "Sie haben dort einen Flugsaurier in dreidimensionaler Erhaltung. Das ist sehr ungewöhnlich und hoch interessant für meine Arbeit", schwärmt Unwin. Die meisten Exemplare gut erhaltener Flugsaurier sind über viele Sammlungen in Europa verteilt. Unwin sieht das gelassen: "Man muss in viele verschiedene Museen reisen, um sich ein genaues Bild von diesen Tieren machen zu können. Dank der Förderung durch SYNTHESYS werde ich genau das jetzt tun können."

Abbildung: AN BORD DER "VALDIVIA": Forscher sammelten 1898/99 diese Schildkröten an Küsten Afrikas und Asiens; Foto: MfN

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
10. April 2004

© Humboldt-Universität | Referat Presse- und Öffentlichkeitsarbeit | 22.4.2004 hz