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Was die Seele berührt

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
10. April 2004

Was die Seele berührt

Wie schnell Gefühle im Gehirn verarbeitet werden, untersuchen Emotionsforscherinnen am Institut für Psychologie

Von Heike Zappe

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Abb.: Im Labor wird die Wirkung von emotionalen Gesichtsausdrücken und Wörtern gemessen Fotos: Institut für Psychologie

Freude, Trauer, Wut und Scham - wie entstehen eigentlich Gefühle? Was ist das, was sich in Erröten, Schweißausbruch, Zittern oder erhöhter Pulsfrequenz äußert? "Gefühle sind der Motor unseres Handelns", sagt Katja Werheid. "Emotionen sind Ursachen oder Auslöser dafür, dass Freundschaften geschlossen, Kinder erzogen, Ehen zerbrochen, Kriege geführt oder Unternehmen in den Ruin getrieben werden." Katja Werheid widmet sich gemeinsam mit ihrer Kollegin Annekathrin Schacht am Institut für Psychologie der Erforschung von Emotionen.

Waren Emotionen im vergangenen Jahrhundert als etwas sehr Individuelles und nicht Messbares vernachlässigt worden, so wendet sich die wissenschaftliche Psychologie diesem Gebiet in den letzten Jahren verstärkt zu. Nicht zuletzt hat das Aufkommen neurowissenschaftlicher Untersuchungsmethoden diese Entwicklung begünstigt.

Wie lassen sich Gefühle wissenschaftlich erforschen? Die Befragung wäre eine Methode, jedoch würde man hierbei nur einen kleinen Ausschnitt erfassen, den nämlich, der der Sprache zugänglich ist. Emotionen sind mehr als reflektiertes Denken. Sie hinterlassen Spuren, lange bevor wir sie in Worte kleiden können. Emotionale Verarbeitung von Gesichtern sind das Untersuchungsgebiet von Katja Werheid. Annekathrin Schacht dagegen befasst sich mit der Wirkung emotionaler Wörter. "Die Emotionalität von Wörtern wird langsamer wirksam als die von Gesichtern", sagt Schacht. Etwa 250 Millisekunden braucht es, bis ein emotionales Wort - wie "schmusen" oder "zerfleischen" - im Gehirn eine Reaktion hervor ruft. Gesichtsausdrücke werden schon nach 150 Millisekunden wahrgenommen.

Wasserzeichen auf der Seele

Es gibt einen ganzen Kanon von Gefühlen, über den jedes menschliche Wesen verfüge, sagen die beiden Psychologinnen. "Emotionen haben wir alle", erklärt Katja Werheid, "bloß zeigt sie jeder verschieden." Erfahrung, Temperament, Erziehung, Moral, Orientierung an Bezugspersonen, Erwartungshaltungen sind einige Aspekte, die uns das Sichtbarmachen unserer Gefühle kontrollieren lassen.

Lange Zeit waren Wissenschaftler der Annahme, der Mensch besäße ein einziges Gefühlszentrum: das "limbische System". Heute weiß man durch moderne neurologische Untersuchungen, dass es sich um multiple Zentren handelt. Im Laufe der Evolution haben sich verschiedene Hirnregionen auf einzelne Emotionen spezialisiert. Abschließend lokalisiert sind sie allerdings noch nicht. "Zwar haben Forschungsarbeiten gezeigt, dass emotionale Signale statistisch betrachtet eher in der rechten Gehirnhälfte verarbeitet werden", so die Neuropsychologin Werheid, "das Entschlüsseln des Gesichtsausdrucks einer anderen Person ist jedoch ein komplexer Vorgang, der beide Gehirnhälften beansprucht." Dicke Nervenstränge, die beide Gehirnhälften miteinander verbinden, funktionieren dabei wie "Datenautobahnen".

Gemessen werden die Reaktionszeiten mittels EEG, der Elektroenzefalografie. Der Proband befindet sich in dem Versuch in einem hermetisch abgeschiedenen Raum, ausgestattet mit Tisch, Stuhl, Bildschirm und Knöpfen, mittels derer er seine Entscheidung kundtut. Auf dem Kopf trägt er eine Kappe, die mit vielen Elektroden ausgestattet ist. "Über die Elektroden werden Hirnströme in Echtzeit gemessen", erklärt Annekathrin Schacht. Die Auswertung zeige, wann und wo die Person mit Potentialveränderungen auf emotionale Wörter oder Gesichter reagiere. "Unsere Versuchspersonen sehen in einem Experiment zur Verarbeitung des emotionalen Gesichtsausdrucks nicht nur ein einziges ärgerliches Gesicht, sondern bis zu 50", sagt Katja Werheid.

Starke Erinnerungen

Auffallend sei, dass positive oder negative Mimik oder Wörter stärker wirken als neutrale. Das Gehirn scheint bereits nach 100 bis 150 Millisekunden das Auftreten eines emotional bedeutsamen Ereignisses zu "entdecken". Etwa nach 400 bis 600 Millisekunden analysiert das Gehirn das Gesehene, und erst danach kann der Mensch bewusst auf das Gesicht reagieren und angeben, um welche Emotion es sich handelt.

Ob etwas als "angenehm" oder "unangenehm" empfunden wird, verarbeitet das Gehirn selbst dann, wenn die Aufgabenstellung gar nicht direkt auf das Erkennen des emotionalen Gehalts gerichtet ist.

Die Emotionsforschung hat auch gezeigt, dass positiv und negativ Empfundenes besser erinnert wird. Allerdings könnte dies auch ein reiner Übungseffekt sein. "Man kennt das: Wir rufen uns Dinge, die uns emotional berühren - ob es eine tolle Party mit Freunden ist oder eine fiese Bemerkung - öfter ins Gedächtnis und wiederholen sie damit automatisch", beschreibt Katja Werheid das Phänomen. Sie wollen in Erfahrung bringen, ob der Zusammenhang zwischen Emotion und Erinnerung auch für neu erworbenes Wissen gilt. Und schließlich, wäre ein starker Zusammenhang zwischen Gefühl und Gedächtnis nachweisbar, wie wäre dieser beispielsweise beim Aneignen von Lernstoff oder bei der Behandlung von Alzheimer-Patienten nutzbar

Zur "Langen Nacht der Wissenschaften" am 12. Juni 2004 werden im Labor der Arbeitsgruppe Biologische Psychologie zwei Experimente zur Gesichterwahrnehmung und zur Verarbeitung emotionaler Wörter demonstriert und dabei hirnelektrische Potentiale gemessen. Wolfgang-Köhler-Haus, Rudower Chaussee 18, Campus Adlershof.

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
10. April 2004

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