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Alkoholisierte Fische mögen es kalt

Der zerstörte Ostflügel des Museums für Naturkunde wird zum modernen Sammlungsarchiv umgebaut

Von Andreas Kunkel

Mit einem leisen „Plopp!“ springt der Deckel an diesem heißen Sommertag hoch und fällt neben den gläsernen Zylinder. Wenn Peter Bartsch, der zuständige Wissenschaftler im Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität, und seine Mitarbeiterin Christa Lamour dies nicht bemerken, würde der Alkohol im Glasgefäß allmählich verdampfen. Das wertvolle Sammlungsobjekt in dem Glas, ein Buntbarsch aus Afrika, würde vertrocknen und damit schwer beschädigt werden. Doch die Sorgen um das wertvolle Sammlungsgut sollen in einigen Jahren der Vergangenheit angehören, denn Ende des Jahres beginnen große Bauarbeiten am Naturkundemuseum. Der Ostflügel, eine der letzten Kriegsruinen Berlins, wird wieder aufgebaut. Die großen und außerordentlich wertvollen Alkoholsammlungen des Museums können dann endlich unter optimalen Bedingungen untergebracht werden.


Fische in Formaldehyd
Foto: Museum für Naturkunde

Es handelt sich dabei neben Fischen um zahlreiche andere Tiere, beispielsweise Schlangen, Säugetiere, Tintenfische, Würmer, Krebse und Medusen – fast ein Querschnitt durch das Tierreich. Die Sammlungen sind seit jeher in nicht klimatisierten Sälen untergebracht, deren Fenster zudem inzwischen nicht mehr dicht schließen. Hier verändert sich die Temperatur deshalb mit der Außentemperatur, was dazu führt, dass sich der Alkohol in den Gefäßen im Sommer ausdehnt und im Winter zusammenzieht. Im Extremfall springen dann im Sommer die Deckel ab, im Regelfall heben sie sich allerdings nur leicht. Die Folge ist in beiden Fällen, dass die Gefäße undicht werden, was leicht am permanenten Alkoholgeruch in den Sammlungssälen zu erkennen ist.

Die Temperaturschwankungen schaden zudem den Präparaten selbst. Ein weiteres Problem sind die Lichtverhältnisse. Die Säle besitzen große Fenster, durch die trotz der zugezogenen Vorhänge ständig etwas Tageslicht auf die wertvollen Objekte hinter den Glastüren der Schränke fällt. Dies birgt die Gefahr des Ausbleichens.

Bedenkt man, um welches herausragende Sammlungsgut es sich dabei handelt – manche Präparate sind bereits 200 Jahre alt, darunter nationales Kulturgut wie die Sammlung Bloch, die wohl älteste noch erhaltene Fischsammlung der Welt –, besteht dringender Handlungsbedarf. Ende dieses Jahres kann das Museum endlich damit beginnen, seinen Ostflügel mit Mitteln der Universität und der Bundesregierung wieder aufzubauen. Die Baukosten betragen 30 Millionen Euro. Die Bauarbeiten sollen bis Mitte 2009 abgeschlossen sein.

Das Architekturbüro Diener & Diener aus Basel hat eine gute Lösung für moderne Sammlungs- und Forschungsnotwendigkeiten und denkmalschützerische Erfordernisse gefunden. Es ist geplant, die Fassade des dreistöckigen Gebäudes zu rekonstruieren und dabei alte und neue Elemente zu kombinieren. Im Inneren soll Platz für etwa 257 000 Gläser mit hauptsächlich in Alkohol konservierten Präparaten entstehen, in den Kopfbauten sollen modernisierte Arbeitsräume untergebracht werden.

Das Museum gewinnt durch den Wiederaufbau dringend benötigte 2000 Kubikmeter Lagervolumen in Form von klimatisierten und fensterlosen Magazinen. Modernste Sammlungsschränke werden es zudem möglich machen, die Sammlungsbestände auf engerem Raum zu lagern, sodass auch Platz für zukünftiges Material entstehen wird, eine wichtige Voraussetzung für die wissenschaftliche Arbeit. Eine naturkundliche Sammlung, die nicht mehr wachsen kann, ist wissenschaftlich tot.

Neben den klimatisierten Sammlungsräumen sind im Ostflügel auch zoologische Präparationsräume auf dem neuesten Stand der Technik geplant, womit ein weiteres Defizit des Naturkundemuseums beseitigt werden kann. In diesen Präparatorien sollen neben Material für Wissenschaft und Forschung auch Schauobjekte für die Ausstellungen des Museums entstehen. Endlich wird das Museum wieder in der Lage sein, große Tiere aufzunehmen, zum Beispiel aus dem Zoo.

Der neu errichtete Ostflügel wird aber nicht nur für die Wissenschaft ein Gewinn werden, sondern auch für die Museumsbesucher. Der neue Sammlungsraum im Erdgeschoss soll Teil der öffentlichen Ausstellungen werden. Damit schließt sich nach über 60 Jahren endlich wieder der Museumsrundgang, der derzeit in der Abteilung „Fische, Lurche und Kriechtiere“ als Sackgasse endet.

Vor der Bombardierung des Ostflügels im Jahr 1944 konnte man von dort weiter in eine anatomische Ausstellung gehen. Es wird also zukünftig jedem Museumsbesucher möglich sein, im Rahmen des dann barrierefreien Rundgangs auch ein Magazin zu besichtigen. Das Museum nähert sich damit seiner ursprünglichen Konzeption, die vorsah, sämtliche Sammlungsmagazine zugänglich zu machen, eine Idee, die allerdings nie umgesetzt wurde.

Zukünftig könnten die Besucher also das Glück haben, einen Wissenschaftler oder einen Präparator bei der Arbeit im Magazin beobachten zu können. Dort darf die Temperatur aber nicht über 18 Grad steigen, damit die Alkoholsammlungen mit ihren großen Alkoholmengen keine Brandgefahr darstellen. Möglicherweise sieht man dann auch Peter Bartsch entspannt vor einem Sammlungsschrank stehen, – ohne Angst, dass die Deckel der historischen Stücke heimlich „Plopp!“ machen.

Das Museum im Internet:

www.museum.hu-berlin.de

1810

Gleichzeitig mit der Gründung der Berliner Universität Unter den Linden entstehen drei Museen für die wissenschaftlichen Sammlungen: das Anatomisch-Zootomische, das Mineralogische und das Zoologische Museum. Sie sind Vorläufer des Museums für Naturkunde.

1880

Die über 600 000 Objekte der Sammlungen – darunter auch von Alexander von Humboldt gesammelte Mineralien – füllen zwei Drittel des Hauptgebäudes der Universität. Der Bau eines neuen Museums wird beschlossen.

1885

Auf dem Gelände der ehemaligen königlichen Eisengießerei an der Invalidenstraße wird nach Plänen von August Tiede das Berliner Museum für Naturkunde gebaut. Fertiggestellt wird das dreigeschossige Haupthaus 1889.

1914 -1945

Für die ständig wachsende Sammlung entsteht ein zusätzlicher Quertrakt. Im Februar 1945, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, wird der Ostflügel bei einem Bombenangriff zerstört.