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Humboldts Eros

Von Klaus M. Beier

Wilhelm von Humboldt ist den meisten durch seine bildungspolitische Großtat – die Gründung der Berliner Universität im Jahre 1810 – bekannt. Dass er sich wie sein jüngerer Bruder Alexander um die Entdeckung des „Kosmos“ bemühte, ist dagegen in Vergessenheit geraten. Dies mag daran liegen, dass sich Wilhelm auf die „innere“ Welt des Menschen konzentrierte und sich Erkenntnisse aus diesem Feld weniger gut vergegenständlichen lassen – anders als die Forschungen seines Bruders. Dieser beschrieb bekanntlich die äußere Natur und konnte hierfür Pflanzen, Gesteine, Zeichnungen von Flussverläufen und Gebirgen präsentieren.

Dabei waren Wilhelm von Humboldts Erkenntnisse ausgesprochen fortschrittlich – womöglich zu gewagt für seine Zeit. Er machte deutlich, dass das innere Erleben nicht abzukoppeln ist von der Geschlechtlichkeit der Menschen. Aus heutiger Sicht würde man sagen: nicht abzukoppeln von ihrer sexuellen Präferenz. Humboldt behauptete damit, dass die Geschlechtlichkeit eines Jeden sein inneres Erleben und Verhalten bestimmt.

Seine erstmals 1795 in der von Friedrich Schiller herausgegebenen Monatsschrift „Die Horen“ publizierten Gedanken zur Geschlechtlichkeit waren so kühn, dass Immanuel Kant sich bemüßigt sah, diese neue Richtung des Denkens in Misskredit zu bringen. Kant ging von zwei Stämmen der Erkenntnis aus – Sinnlichkeit und Verstand. Wilhelm von Humboldt wies dagegen nach, dass es sich um einen einzigen Baum der Erkenntnis handelte. Sinnlichkeit und Verstand ließen sich nicht wirklich voneinander trennen. Insbesondere im Sexuellen, so Humboldt, seien rationale und irrationale Einflüsse verknüpft. Aus heutiger neurowissenschaftlicher Sicht würde man sagen: „Keine Kognition ohne Emotion“. Da die Sinnlichkeit in der Geschlechtlichkeit wurzele, empfahl Humboldt als Ausgangspunkt der Humanwissenschaften das Studium menschlicher Geschlechtlichkeit. Dies beinhalte naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Elemente. Für ihn war klar, „dass die physische Natur nur ein großes Ganzes mit der moralischen ausmacht und die Erscheinungen in beiden nur einerlei Gesetzen gehorchen“.

Dieses Konzept hat Wilhelm von Humboldt auf seine späteren Sprachforschungen ausgedehnt und dabei herausgearbeitet, dass auch der „Gedanke der letzte Sprössling der Sinnlichkeit“ ist und damit der Ursprung des Geistes in der Geschlechtlichkeit liegt. Das organisierende Prinzip der Natur sei Eros: Die Liebe zum Anderen, die Spannung, die Differenz ist das eigentlich Bewegende. Der Eros bestimme die körperliche wie die geistige Anziehungskraft sowie die Erweiterung des eigenen Selbst durch den Anderen.

Im Humboldtschen Sinne leitet sich daraus ab, auf das bisher Fremde zu achten und dies in die eigene Weltsicht zu integrieren. Genau dasjenige, was trennt und die Differenz markiert, werde zu etwas Verbindendem. Dies funktioniert aber nur in der Aufmerksamkeit für das, was vom Anderen in Abweichung zur eigenen Weltsicht vorgebracht wird. Ist diese Aufmerksamkeit nicht gegeben – indem nur auf das Gleiche geachtet wird, oder auf das, was von einem selbst ausgeht – dann versiegt im Körperlichen das Zusammenspiel und im Geistigen bricht ein Dialog ab.

Das von Wilhelm von Humboldt entwickelte Gesamtverständnis des Menschen und sein Blick auf den inneren Kosmos ist für die heutige Sexualwissenschaft von größter Bedeutung – für die Grundlagenforschung als auch für die klinische Arbeit. Sein zentraler Gedanke, dass sich das geistige Schaffen des Menschen und letztlich auch sein Handeln von seiner „sinnlichen Natur“ nicht trennen lasse, findet sich in den Studien von Havelock Ellis, dem englischen Pionier der Sexualforschung („Studies in the Psychology of Sex“, 1897-1910). Gleiches gilt für Sigmund Freud und seine „Abhandlungen zur Sexualtheorie“ (1905). Insbesondere finden sich Humboldts Gedanken auch bei Iwan Bloch („Das Sexualleben unserer Zeit“, 1906), dem Begründer der Sexualwissenschaft.

Wilhelm von Humboldt fasste schließlich 1827 sogar den Plan, eine Geschichte der Prostitution zu schreiben – im selben Jahr, in dem auch Alexander von Humboldt seine berühmten Kosmosvorlesungen an der Berliner Singakademie hielt. Wilhelms Werk zur Prostitution blieb Entwurf. Das war möglicherweise auch seiner Erkrankung geschuldet; Humboldt litt an Symptomen, die auf die Parkinson-Krankheit hindeuten.

Bisher wurde sein gedankliches Vermächtnis nicht ausreichend gewürdigt. Mit dem Ziel, seine Erkenntnisse zu bewahren, wurde 2006 die Wilhelm-von-Humboldt-Stiftung gegründet. Förderung und Schutz des Bewusstseins von Geschlechtlichkeit, Sexualität und Partnerschaft als elementaren Bestandteilen der menschlichen Natur ist ein Ziel der Stiftung. Sie unterstützt Wissenschaftler, die sexualwissenschaftliche Fragestellungen in Forschung, Klinik und Lehre bearbeiten wollen.

 

Neuer Preis


Die Wilhelm-von-Humboldt-Stiftung verleiht am 22. Juni 2007, dem 240. Geburtstag Wilhelm von Humboldts, erstmalig ihren Stiftungspreis. Dieser soll Persönlichkeiten oder Institutionen auszeichnen, die sich in besonderer Weise mit dem Werk Wilhelm von Humboldts oder Fragen der geschlechtlichen, sexuellen und partnerschaftlichen Selbstbestimmung auseinandergesetzt haben. Zur Preisverleihung veranstaltet die Stiftung einen Humboldt-Dialog über die „Einheit von geistiger und physischer Natur“, an dem sich Philosophen, Sprachforscher, Sexualforscher und Physiker beteiligen. Die Veranstaltung findet in der „Hörsaal-Ruine“ der Charité im Medizinhistorischen Museum von 10 - 14 Uhr statt.
HU

Weitere Informationen:
www.humboldtstiftung.de