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So klingt die Welt

Von Einstein bis Wilhelm II.: Nirgendwo sind so viele Stimmen verewigt wie im Lautarchiv der Humboldt-Universität

„Ich bin eine ausgesprochene Abenteurernatur“, dokumentiert die knisternde Aufnahme einer Schelllackplatte. Mit fester Stimme verkündet der galante Ganove Fritz Wald, wie er auf 20 Raubzügen eine halbe Million Schmückstücke an sich brachte: „Da mir bekannt war, dass der Besitzer der Villa sehr reich ist und ich den Standpunkt vertrete, dass niemand durch Hände Arbeit sehr reich werden kann, so hielt ich meinen Raub für gerechtfertigt, denn ich hatte ja auch Arbeit dafür zu leisten.“ Nicht Habgier, sondern Abenteuerlust sei Grund für sein Handeln gewesen, beteuert Wald, der in den 1920er Jahren als „Fassadenkletterer“ in die Kriminalgeschichte einging.

Es sieht recht unspektakulär aus in dem schmalen Raum im Haus am Kupfergraben 5, dort, wo diese historische Sprachaufnahme zu hören ist. Hier ist das Lautarchiv der Humboldt-Universität untergebracht. In grünen Stahlschränken lagern etwa 7500 Schelllackplatten. Zum größten Teil handelt es sich um Sprachaufnahmen. Etwa ein Drittel der Platten enthält Musikaufnahmen. Die älteste noch vorhandene Aufnahme stammt aus dem Jahr 1909, die jüngste wurde 1944 angefertigt. Neben den Schelllack- und Gelatineplatten finden sich alte Wachswalzen und ein altes, mechanisches Gerät aus Eisen und Holz: In den „Edison Home Phonograph“ wird eine Wachswalze eingespannt, eine Nadel tastet die Rillen ab. Auch wenn die Walzen lange nicht benutzt wurden, weil beim zwanzigsten Abspielen die Laute verblassen und deshalb geschont werden müssen, zerfällt das weiche Material trotzdem: Schimmel setzt den Walzen zu.

In den letzten sieben Jahren hat der Musikethnologe Jürgen-K. Mahrenholz diese weltweit einzigartige Sammlung historischer Dokumente systematisch erschlossen, die Aufnahmen digitalisiert und mit vorhandenem verschriftlichtem Begleitmaterial in einer Datenbank archiviert. „Wir haben die Plattenaufnahmen jetzt vollständig gesichert“, sagt der Archivar stolz. „Bei jedem Anhören der Schelllackplatten ging mit der alten Technik auch immer ein Stück Hörqualität verloren“. Auf das Rauschen der Platten wollte der Wissenschaftler beim Überspielen und Sichern auf digitale Datenträger jedoch nicht verzichten: „Das Knistern gehört dazu, es macht die Aufnahmen authentisch.“ Nun ist es zudem möglich, die wertvollen Aufnahmen auch öffentlich zugänglich zu machen.

Angefangen hat alles vor 100 Jahren mit einem sehr ehrgeizigen Vorhaben eines enthusiastischen Neuphilologen: Unter strengster Geheimhaltung plante der Gymnasiallehrer und Sprachwissenschaftler Wilhelm Doegen mitten im Ersten Weltkrieg Schelllackaufnahmen in Kriegsgefangenenlagern auf deutschem Territorium durchzuführen. Ein „Stimmenmuseum der Völker“ sollte entstehen.

Dieses Unterfangen sollte eine Verflechtung von Wissenschaft, Politik, Kolonialismus und Industrie werden. In den Gefangenenlagern fand er ideale Bedingungen für sein Vorhaben, fremdländische Musik, Sprachen und Dialekte aufzunehmen: Menschen aller Kontinente und Sprachfamilien auf engstem Raum und kurze Transportwege für die notwendige Technik. Zudem erhielt er Unterstützung aus der Industrie und wusste eine Reihe ambitionierter Wissenschafter an seiner Seite.

Die Gefangenen waren Forschungsobjekte für Sprachwissenschaftler, Ethnologen und Anthropologen, die vom wissenschaftlichen Ehrgeiz des beginnenden 20. Jahrhunderts angetrieben danach strebten, originäre und „exotische“ Sprachen einzusammeln. So entstanden bis zum Ende des Ersten Weltkrieges in fast 50 Kriegsgefangenenlagern mehr als 2600 Schelllackplatten und Wachswalzen mit Liedern und Mundarten.

Neben den Tonaufnahmen wurden Personalbögen angelegt, phonetische und orthographische Niederschriften und Übersetzungen ins Deutsche angefertigt – allesamt nummeriert, registriert, einsortiert. Die Wissenschaftler wollten ihren Kollegen und Studenten empirisches Material zur Verfügung stellen, um es zu didaktischen Zwecken in Schulen und Universitäten einzusetzen.

Neben den „Stimmen der Völker“ aus den Kriegsgefangenenlagern, die rund 250 Sprachen dokumentieren, bilden Aufnahmen deutscher Mundarten, die überwiegend aus den 20er Jahren stammen, einen zweiten Schwerpunkt der Sammlung. Darüber hinaus beherbergt das Lautarchiv eine Sammlung von Stimmportraits berühmter Persönlichkeiten des Deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik: Kaiser Wilhelm II., Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg oder der erste sozialdemokratische Präsident Paul Loebe sprachen in die Lauttrichter ebenso wie Max Planck und Albert Einstein, und so blieben ihre Stimmen der Nachwelt erhalten. Die Webseite hält einige MP3-Dateien zur Veranschaulichung vor.

Perspektivisch soll das Lautarchiv Teil des „Humboldt-Forums“ werden, das auf dem Schlossplatz entstehen und den Bogen von Wissenschaft zu Öffentlichkeit meistern soll. Derzeit sucht Jürgen Mahrenholz unter Kultur- und Sprachwissenschaftlern nach Verbündeten, um das in seiner Art einmalige kulturelle und wissenschaftsgeschichtliche Erbe dauerhaft für Forschung und Öffentlichkeit nutzbar zu machen.

Neben den Wissenschaftlern sind es heute vor allem Medienleute, die im Lautarchiv fündig werden: Die BBC nutzte unlängst Tonmaterial für eine Dokumentation, und auf der diesjährigen Berlinale war der Film „The Half Moon Files“ zu sehen, der sich auf Sprachmaterial aus dem Lautarchiv stützt und sich auf eine experimentelle Spurensuche begibt. Die unlängst ausgestrahlte Dokumentation „Görlitz, die Griechen und die geheime Kommission“ rückt Gesänge, Sprache und Musiken der mit Gaststatus in Görlitz während des Ersten Weltkrieges lebenden griechischen Soldaten nun erstmalig in das öffentliche Bewusstsein.

Ob die „ohrenpsychologische Stimmanalyse“ des Fassadenkletterers Fritz Wald und seiner Kollegen dereinst dazu verholfen hat, typische Profile von Verbrechern abzuleiten und die Überführung von Gesetzesbrechern zu ermöglichen, ist nicht bekannt. Als Zeitdokument sind die Aufnahmen eine Rarität – und als Stoff für künftige Filme durchaus geeignet.

Heike Zappe

Die Filme „The Half Moon Files“ und „Görlitz, die Griechen und die geheime Kommission“ sind zur Langen Nacht der Wissenschaften am 9. Juni 2007 um 19.30 Uhr im Kinosaal des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität, Unter den Linden 6, zu sehen. Mit anschließendem Filmgespräch.

Mehr Informationen im Internet:
www.hu-berlin.de/lautarchiv