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„Die Seelen des schwarzen Volkes“

David Levering Lewis, Biograf von W.E.B. Du Bois, hält eine Lecture über den Bürgerrechtler, der einst in Berlin studierte

Seit zehn Jahren veranstaltet die Abteilung Amerikanistik des Instituts für Anglistik und Amerikanistik der Humboldt-Universität die W.E.B. Du Bois Lectures und seit 2002 die Distinguished W.E.B. Du Bois Lectures. Sie bringen renommierte amerikanische Gäste aus Wissenschaft, Kultur und Politik an die Humboldt-Universität. Am 15. April 2008 spricht der Historiker und Du Bois-Biograf David Levering Lewis, dessen zweibändige Biografie zweimal mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. David Levering Lewis ist zurzeit als Ellen Maria Gorrissen Fellow an der American Academy in Berlin zu Gast. Der Vortrag „W.E.B. Du Bois in Germany and Germany in W.E.B. Du Bois“ findet um 18.30 Uhr im Senatssaal statt.

David Levering Lewis, Foto Frank Steward
David Levering Lewis (Foto: Frank Steward)


Du Bois, der Name dieses wichtigen Intellektuellen, Bürgerrechtlers und Autoren, ist in Deutschland nicht so bekannt wie der jüngerer afroamerikanischer öffentlicher Personen. Was zeichnet Du Bois aus?

Als 1993 der erste Band meiner Biografie erschien – 30 Jahre nach Du Bois’ Tod als Mitglied der Kommunistischen Partei und freiwilliger Exilant in Ghana – beurteilten ihn viele ältere Amerikaner skeptisch. Die meisten hätten ihn wahrscheinlich als den Autor von „The Souls of Black Folk“, den Schöpfer des Satzes „Das Problem des 20. Jahrhunderts ist das Problem der Rassentrennung (color line)“ und als Gründer der ältesten amerikanischen Bürgerrechtsbewegung NAACP identifiziert. Die Rassentrennung stellte sich tatsächlich als das Problem des Jahrhunderts heraus. Seit 1945 wurde nach dem Sturz europäischer Reiche und der Auflösung von Apartheidregimes die Behebung von rassistischem Unrecht zur großen Aufgabe der westlichen Demokratien. Der Fortschritt der nationalen und internationalen Menschenrechte verdankt sich maßgeblich dem Pan-Afrikanismus von Du Bois und seinen sozialdemokratischen Ideen. Er erkannte zuletzt, dass das Grundproblem des 20. Jahrhunderts nicht „Rasse“, sondern ungeregeltes Kapital ist. Du Bois schrieb: „Die Tatsache, dass viele zivilisierte Menschen willens sind, in Komfort zu leben, selbst wenn der Preis dafür die Armut, Unbildung und Krankheit ihrer Mitmenschen sind; dass Menschen, um dieses Privileg zu behalten, Kriege führen ...“

Du Bois war von 1892 bis 1894 an der Friedrich-Wilhelms-Universität als Doktorand eingeschrieben. Welche Bedeutung hatte Deutschland für sein Werk?

Die Einflüsse von Fichtes Volk und Hegels Zeitgeist sind im Werk von Du Bois sehr deutlich. Hegels und Fichtes Vorstellungen von den getrennten, aber gleichen Beiträgen der „Rassen“ und Jakob Grimms und von Treitschkes Ideen über die bleibenden Unterschiede innerhalb der Menschheit waren enorm wichtig für ihn. Jede „Rasse“ besaß ihre eigene Vergangenheit, Gegenwart und ihre eigene Zukunft. Du Bois’ Schwarze sollten anfangen, ihre Zukunft zu schreiben. Elf Jahre nach der Publikation von „The Souls of Black Folk“ fand das lange 19. Jahrhundert in Sarajevo sein Ende. Du Bois’ Gefühle angesichts der deutschen Kriegsführung waren, wie die vieler anderer Amerikaner, die in Deutschland studiert hatten, zutiefst widersprüchlich. Es war, als müsse er den intellektuellen Leidenschaften seiner Jugend abschwören. Du Bois erinnerte seine Leser daran, dass er trotz der Wut des Krieges „tiefe Gründe“ habe, „das deutsche Volk zu lieben“, denn die Deutschen hätten ihm ermöglicht, doch noch „an die essenzielle Menschlichkeit der Weißen“ zu glauben.

Als nächstes besuchte Du Bois Deutschland während des Nationalsozialismus. Wie reagierte er?

Du Bois war sich bewusst, dass er das Zentrum des gefährlichsten politischen Sturms der Moderne betrat. Er streifte weit herum und schickte regelmäßige Berichte an den Pittsburgh Courier, eine wichtige schwarze Zeitung. Er schrieb zwar, dass der Goldmedaillengewinner Jesse Owens ständig von Autogrammjägern umzingelt war, aber seine beiden Texte über die Olympischen Spiele wirken eher als Pflichtübung. Ihm war eindeutig klar, dass das Herunterschrauben der nationalistischen Propaganda und das Entfernen antisemitischer Schilder und Schriften bewusst inszeniert wurden. Durchschnittstouristen, die kein Deutsch sprachen, „würden genauso wenig eine offene Unterdrückung von Juden sehen“, betonte er, „wie ein amerikanischer Nordstaatler auf einem Besuch in Mississippi die Unterdrückung der Schwarzen“.

Wie gestaltete sich Du Bois’ weiteres Verhältnis zur Humboldt-Universität, seiner deutschen Alma Mater?

Einen Monat nach seinem 90. Geburtstag gab das Oberste Gericht Du Bois seinen Pass zurück. Im August 1958 segelten er und Shirley Graham Du Bois nach Osteuropa. In Anerkennung für seine internationale Forschung und Politik verlieh ihm die Humboldt-Universität die Ehrendoktorwürde in Ökonomie, die er „65 Jahre früher begehrt hatte, ... im Senatssaal zu den Klängen von Bach“. Inzwischen, so beobachtete Du Bois zufrieden, „gab es dort viele Studentinnen, die 1892 noch keinen Zutritt hatten“.

Sie haben über eine Vielzahl von anderen Themen, Perioden und Menschen gearbeitet: die Dreyfus-Affäre, Martin Luther King, die Harlem Renaissance, über europäischen Kolonialismus in Afrika, und zuletzt über den Islam in Europa. Hat der transnationale Geist von Du Bois’ etwas mit Ihrer Wahl von Forschungsfeldern zu tun? Sind Sie beide in dieser Hinsicht Kameraden im Geiste?


Du Bois’ transnationale Perspektive finde ich sehr inspirierend. Vielleicht gibt es eine Art geistiger Kameradschaft. Auf jeden Fall glaube ich, dass Geschichte am sinnvollsten komparatistisch betrieben wird.

Das Gespräch führte Dorothea Löbbermann.

David Levering Lewis (71) ist Professor für Geschichte an der New York University. In diesem Jahr ist Lewis Fellow der American Academy in Berlin – und zu Gast an der Humboldt-Universität.

Ein Kämpfer für die Gleichberechtigung

Mit W.E.B. Du Bois (1868-1963) hat die Vorlesungsreihe einen Namensgeber, der zu Zeiten der Rassentrennung unermüdlich für die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung Amerikas kämpfte und an Studien zum sozio-ökonomischen, politischen und kulturellen Status der Schwarzen arbeitete.

Du Bois entstammte selbst einer schwarzen Familie in Massachusetts, die schon früh ins Bürgertum aufgestiegen war. 1885 erwarb er einen Bachelortitel und arbeitete als Lehrer an einer Landschule. 1888 setzte er seine Studien in Harvard fort, wo er 1892 einen Mastertitel in Geschichte erwarb. Du Bois studierte als Doktorand an der Friedrich-Wilhelms-Universität (der heutigen HU). 1895 war er erster afroamerikanischer Promovend in Harvard. Du Bois gehörte ab 1903 zu den meistpublizierten und meistgelesenen schwarzen Autoren Amerikas – als sein Buch „The Souls of Black Folk“ erschien. 1958 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität. HU