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Akademiker gewinnen immer

Nach sechs Semestern in den Job – oder lieber ins Masterstudium: Die Uni öffnet viele Wege ins Berufsleben

Radio entsteht heute am Computer. Wie genau, erfahren zehn Berliner Studierende, die in dem kleinen, akkurat aufgeräumten Büro von Jörg Sucker um den PC herumstehen. Während der Wirtschaftsredakteur des Deutschlandradios schnell mit der Maus über den Bildschirm hüpft, hier ein Stück Ton und dort eine Nachricht platziert, schauen ihm alle aufmerksam über die Schulter. Die Studierenden sind mit der Arbeitsagentur gekommen – auf Exkursion in die oft unklare berufliche Zukunft. Gut die Hälfte von ihnen studiert im neuen Studiensystem, hat bereits einen Abschluss oder wird ihn bald haben.

Uwe Jens Nagel, Vizepräsident für Lehre und Studium an der HU, kann die Ängste der Absolventen nachvollziehen, die Situation auf dem Arbeitsmarkt für Akademiker sei in der Tat unklar. „Das Berufsbild eines Bachelors muss sich erst noch herausschälen“, sagt Nagel. Er warnt aber vor Panik: Akademiker sind selten arbeitslos, auch mit den neuen Abschlüssen. Die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit geben ihm Recht. 2007 lag die Quote der arbeitslosen Akademiker zwischen drei und vier Prozent, ermittelte die Bundesagentur. Die Erwerbslosenquote ist damit unter Hochschulabsolventen halb so niedrig wie unter Menschen mit einer Berufsausbildung im dualen System.

Wer sich als Absolvent bewirbt, dem helfen Soft Skills und Fremdsprachenkenntnisse, aber auch ein Grundverständnis für BWL, heißt es bei der Arbeitsagentur. Vorteilhaft seien auch Berufserfahrungen durch Praktika oder Nebenjobs. Die Hochschulen stellen sich darauf ein. Für die Bachelor-Studenten an der HU ist es seit der Bologna-Reform Pflicht, 30 Studienpunkte, also ein Sechstel der Gesamtleistung, durch berufsbezogene Zusatzqualifikationen zu erbringen. Dazu gehört ein Praktikum, das mindestens sechs Wochen dauert. Das soll den Studierenden helfen, frühzeitig Bereiche ausfindig zu machen, in denen sie später arbeiten wollen, und Kontakte zu knüpfen.

Zusätzlich müssen die Studierenden auch praxisrelevante Lehrveranstaltungen besuchen. Das können Sprachkurse, bestimmte Veranstaltungen des Hochschulteams der Bundesagentur für Arbeit sein, aber auch Kurse am Career Center der Uni. An der von der EU finanzierten Einrichtung können Bachelor-Studenten bei Seminaren wie „Rhetorik“ Soft Skills trainieren oder Präsentationstechniken einüben. Die Dozenten der Kurse kommen aus der Praxis – haben lange Berufserfahrung in der Personalleitung oder im Coaching. Carolin Pecho studiert bereits im Master Geschichte an der HU. Ihre berufsbezogenen Kurse im Bachelor bewertet sie positiv: „Der Kurs im Bewerbungstraining war wirklich sehr gut – danach war ich sicher, keine formalen Fehler mehr zu machen.“ Besonders für Geisteswissenschaftler seien solche Zusatzqualifikationen sinnvoll.

Die Studierenden konzentrieren sich durch die gezieltere Berufsorientierung im Bachelor offenbar auf besonders anwendungsbezogene Studiengänge. Nach aktuellen Erhebungen des Statistischen Bundesamts haben sich im Jahr 2008 so viele Studienanfänger wie nie zuvor immatrikuliert. Dabei waren Fächer wie Jura, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sowie Ingenieurwesen am beliebtesten. Das dürfte die Unterzeichner der Initiative „Bachelor welcome!“ freuen. Mit ihrer Erklärung wollen Personalmanager führender deutscher Unternehmen den Studenten Mut machen, nach dem Bachelor in den Beruf zu gehen.

Firmen wie Daimler, die Deutsche Bahn, Eon und Bertelsmann versichern, dass sie Bachelor- und Masterabsolventen „attraktive Tätigkeitsfelder und Entwicklungsperspektiven“ anbieten. Wie schon 2004 und 2006 rufen die Unternehmen nach mehr Absolventen mathematisch-naturwissenschaftlicher und technischer Studiengänge. Um den Praxisbezug der Studiengänge zu verbessern, haben sie sich verpflichtet, mehr Angebote für Praktika, die Betreuung von Abschlussarbeiten und Stipendien zu machen.

Dass das Bekenntnis zum Bachelor nicht nur ein bloßes Lippenbekenntnis ist, beweist eine Studie des Stifterverbandes. Demnach spielt es für Berliner Unternehmer bei der Stellenbesetzung keine Rolle, ob ein Bewerber einen Bachelor- oder einen Magisterabschluss hat. Allein die persönliche Leistung sei ausschlaggebend. Trotzdem kann ein weiterführendes Studium sinnvoll sein. Gehaltsunterschiede von bis zu 4000 Euro im Jahr sind für viele ein Anreiz, an der Uni zu bleiben – oder nach einer ersten Berufstätigkeit an die Hochschule zurückzukehren.

Auch Uwe Jens Nagel hält ein Masterstudium für sinnvoll, gerade für Absolventen der ersten Bachelor-Jahrgänge. Zahlen, wonach fast drei Viertel der jungen Menschen einen Master draufsetzen, überraschen ihn nicht: „Die Realität passt sich an die Situation des Arbeitsmarktes und der Absolventen an.“ Auch wenn viele Studierende Sorgen haben, dass für sie kein Master-Platz übrig sei – die Ist-Situation sei anders, betont Nagel.

Gerade in den Lehramtsstudiengängen könnten alle, die die Voraussetzungen mitbringen, ein Master-Studium aufnehmen. In anderen Fächern wie Informatik sei es dagegen sogar schwer, genug qualifizierte Bewerber zu finden. Ob das allerdings in fünf Jahren noch so sei, könne er nicht garantieren. „Auf Dauer werden derart hohe Übergangsquoten wohl nicht zu halten sein“, gibt Nagel zu. Die HU strebe aber eine Übergangsquote von ungefähr 70 Prozent an.

Für Carolin Pecho war es gar keine Frage, dem Geschichts- und Skandinavistikbachelor einen Master folgen zu lassen. Weil sie einen Job als studentische Hilfskraft an einem Lehrstuhl angeboten bekam, bewarb sie sich während der Abschlussphase ihres Erststudiums für den Master in Geschichte. Mit ihr zusammen fingen lediglich zehn andere Studierende an. Die Vorteile des zweigliedrigen Studiensystems liegen für Pecho auf der Hand: „Ich habe bereits einen Abschluss – das beruhigt ungemein. Außerdem ist meine Abschlussnote nicht von einem einzigen Jahr und wenigen Prüfungen abhängig.“

Was nach dem MA kommt, weiß Pecho noch nicht. Sie will sich ungefähr ein Jahr vor dem Abschluss umsehen und bewerben. Sorgen, dass der Jobeinstieg nicht klappen könnte, mache sie sich nicht. Einige ihrer Freunde hatten sich auch schon nach dem Bachelorstudium um Jobs beworben, die meisten haben dann aber doch einen Master gemacht – „weil das Angebot interessanter war“.

Trotz sorgfältiger Planung gelingt der Übergang vom Bachelor in das Berufsleben oder den Master-Studiengang nicht immer auf Anhieb. Uwe Jens Nagel kann verstehen, dass Studenten frustriert sind, die sich als Versuchskaninchen fühlen. Wichtig sei aber auch, was man außer dem Fachwissen gelernt habe. Die Fähigkeit, sich in Neues einzuarbeiten, böte vielseitige Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Beim Deutschlandradio fragt eine jungen Frau, welcher Abschluss denn nun der beste sei, um ein Volontariat beim Deutschlandradio zu bekommen. „Das Studium ist an und für sich egal“, sagt Wirtschaftsredakteur Jörg Sucker. „Wichtig sind praktische Erfahrungen. Wenn jemand noch nie für den Hörfunk gearbeitet hat, ist es unwahrscheinlich, dass er einfach einen Platz bekommt.“

Constanze Voigt