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Die lustige Seite der DDR

Eine neue Publikation wendet sich dem Vergnügen im Sozialismus zu

„Vergnügen in der DDR“, das klingt als Buchtitel irritierend und vertraut zugleich. Sofort verbinden sich damit gedanklich Bilder aus Filmen wie Sonnenallee oder Goodbye Lenin. Doch bei diesem Sammelband handelt es sich nicht um eine ostalgische Rückschau auf Pittiplatsch, Nudossi, Pionierhalstuch und Aluchips, sondern um eine sorgfältige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Alltag in der DDR. Diese stand bislang in vielen Fällen biografischen Erzählungen und medialen Darstellungen völlig unvermittelt gegenüber.

Die beiden Herausgeber Ulrike Häußer und Marcus Merkel, Doktoranden am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität, haben das zum Anlass genommen, mit ihrem Buch eine neue Perspektive auf den DDR-Alltag zu eröffnen. Sie verbinden wissenschaftliche Betrachtungen mit literarischen Texten und fügen dem Band durch zahlreiche Fotografien noch eine dritte erzählerische Ebene hinzu. Damit fächert das Buch ein ganzes Panorama an Perspektiven auf, das in dieser Form wohl einzigartig ist.

Foto: Archiv FinkBeeindruckend ist auch das Themenspektrum, das die 25 Autorinnen und Autoren bearbeitet haben: Frauentage, die Feiern zum 1. Mai oder Pioniergeburtstage sind Beispiele dafür, wie Freizeit in der DDR gesellschaftlich organisiert und vom Regime durchdrungen war. Zugleich war der Erlebnischarakter dieser Feierkultur – man denke an die Brigadefeste – auch ein wichtiges identitäts- und gemeinschaftsstiftendes Moment für die Ostdeutschen, sei es beim Pressefest der Zeitung „Neues Deutschland“ oder auf einem der anderen jährlich stattfindenden 5000 Feste und Feierlichkeiten zwischen Thüringer Wald und Ostseeküste. Der Historiker Gerd Dietrich, der an der Humboldt-Universität Zeitgeschichte lehrt, zeigt dann auch sehr eindringlich, wie das Vergnügen als Produktivkraft für den Aufbau des Sozialismus genutzt werden sollte und die Vertreibung von Langeweile als ein revolutionärer Beitrag galt.

Vergnügen in der DDR, das war aber auch der Versuch, aus den Begrenzungen des Alltags auszubrechen und sich private Freiräume zu schaffen, sei es als Punk, in der Laubenkolonie, in der Disco, beim Camping oder beim privaten Glücksspiel. Überraschend sind die Beiträge, die in literarischer Form eine Kneipentour durch den Prenzlauer Berg der 1980er Jahre oder Auswärtsfahrten von BFC-Fans schildern. Der Fotograf Harald Hauswald erzählt in seiner unaufdringlichen Bildsprache von verrauchten Kneipen und Liebespaaren.

Der wissenschaftliche Blick sorgt dagegen für eine Tiefe, die auch populären Themen der DDR-Freizeitkultur neue Aspekte abgewinnt. So wird im Beitrag zur Freikörperkultur (FKK) der Versuch von staatlicher Seite beschrieben, den Nacktbadenden an den Ostseestränden Einhalt zu gebieten. Der erste Kulturminister der DDR, Johannes R. Becher, ist mit dem Ausspruch zitiert: „Habt Mitleid! Zeigt Erbarmen! Schont die Augen der Nation!“ Aufschlussreich ist, wie der Volkskundler Lutz Thormann in seinen Recherchen entdeckt hat, dass der Staatsmann selbst leidenschaftlicher Nacktbader am Ostseestrand in Ahrenshoop war.

An diesem Beispiel zeigt sich, dass die Grenzen zwischen Öffentlich und Privat im Bereich des Vergnügens oft verschwammen. Den Beiträgen des Sammelbandes gelingt es, die Ambivalenzen in den alltäglichen Auseinandersetzungen mit dem Leben in der DDR deutlich zu machen. Sichtbar werden diese letztlich auch in den Witzen, die man sich erzählte: „Auch in diesem Jahr findet wieder das Festival des politischen Witzes statt. Erster Preis: Zehn Jahre Winterurlaub in Sibirien.“ Und so dokumentiert der Sammelband „Vergnügen in der DDR“ auf frische, kritische und anschauliche Weise, wie in der DDR geliebt, gelacht und gefeiert wurde.

Heike Zappe

Vergnügen in der DDR: Herausgegeben von Ulrike Häußer und Marcus Merkel, Panama Verlag 2009, 464 Seiten, Preis: 24,80 Euro