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Vor der Hitze warnen

Klimawandel in der Großstadt: Geografen entwickeln ein Alarmsystem für extrem heiße Tage

Der Frühling hat begonnen, und viele hoffen auf warme, sonnige Tage. Schnell ist bei diesem Wunsch vergessen, dass manche mediterran anmutende Hitzewelle in Berlin eigentlich untypisch für das norddeutsche Klima ist und als Folge der globalen Erwärmung auch bedrohliches Potenzial in sich trägt.

Foto: Dawin Meckel
Foto: Dawin Meckel

„Bei den Hitzewellen 1994 und 2003 wurde in Deutschland eine überdurchschnittliche Sterblichkeit bei Menschen mit Erkrankungen des Herzkreislaufsystems und der Lunge verzeichnet“, sagt Wilfried Endlicher, Klimatologe am Geographischen Institut. Im Jahrhundertsommer 1994 stieg die Sterblichkeitsrate während der zwei Wochen andauernden Hitzewelle in Berlin sogar um das Doppelte. „Vorauszusehen ist, dass bei unserer alternden Gesellschaft bei künftigen Hitzewellen immer mehr Menschen unter thermischem Stress leiden werden“, sagt Endlicher.

Hinzu kommt, dass Klimaforscher nicht nur häufigere, sondern auch dramatischere Hitzewellen berechnen. Welche Anpassungsstrategien für besonders betroffene Bevölkerungsgruppen, insbesondere ältere und kranke Menschen der Metropolregion Berlin etabliert werden können, soll nun in einem Projekt untersucht werden. Endlicher wird in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Charité und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) über die Folgen von „Hitzewellen, Fein- und Ultrafeinstaubbelastung auf die menschliche Gesundheit“ forschen. „Wir wollen beispielsweise ein telemetrisches Hitzewarnsystem weiterentwickeln, das kranke oder alte Personen vor Gesundheitsbelastungen warnt.“ Betroffene Menschen sollen individuelle Informationen erhalten, etwa wie heiß die eigene Wohnung ist, welche Stadtteile kühler sind und sich zum Verweilen besser eignen. Manchmal geht es auch darum, dass bestimmte Medikamentengaben bei Hitzebelastung erhöht werden müssen. Auch dafür müssen Informationen zur rechten Zeit am rechten Ort sein. Das Forschungsvorhaben ist ein Teilprojekt des „Innovationsnetzwerks Klimaanpassung Region Brandenburg-Berlin“ und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert.

Denn der globale Klimawandel bringt eine doppelte Herausforderung mit sich. Es geht einerseits um den häufig diskutierten Klimaschutz, also die Reduzierung von Treibhausgasen, in der Fachsprache Mitigation genannt. Was weniger öffentlich diskutiert wird, aber genauso wichtig ist, ist die Anpassung, Adaption. „Hier geht es darum, sich auf die Auswirkungen der unausweichlichen, jetzt schon nicht mehr zu vermeidenden Folgen des Klimawandels vorzubereiten“, betont Endlicher. „Entscheidend ist, den Klimawandel in einer ganzheitlichen Weise anzugehen und in gleichem Maße Klimaschutz und -anpassung zu bedenken.“

Raum- und Stadtplaner können dazu einen entscheidenden Beitrag leisten. Denkbar ist, Flächen freizuhalten oder freizugeben, um mehr begrünte oder beschattete Plätze in der Stadt zu schaffen oder beim Bauen die Nutzung von Sonnenlicht für Photovoltaikanlagen einzuplanen. Denn in einer Metropole wie Berlin kommt verstärkend hinzu, dass Beton, Asphalt und Ziegel die Sonnenstrahlen in Wärme umwandeln und sie in Gebäuden und Straßen speichern.

Das Phänomen „städtische Wärmeinsel“ ist keine Folge des Klimawandels, führt aber zu einer weiteren Erwärmung der Stadt. So kann es sein, dass hierzulande Großstädte an manchen Sommerabenden sogar mehr als zehn Grad wärmer sind als ihr Umland. „Maßnahmen, um Wärmeinseln zu vermeiden, sind beispielsweise die Erhöhung des Baumbestands, grüne Dächer oder auch begrünte Straßenbahngleise“, sagt Endlicher, der auch Mitglied im Klimaschutzrat der Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz ist. Neben diesen „grünen“ Maßnahmen werden von Klimaexperten auch „blaue“ diskutiert – die Einbindung von kühlenden Wasserflächen in die Stadtlandschaft.

Während die Berliner und Brandenburger Klimatologen zu neuen Strategien forschen, gibt es schon heute etliche klimafreundliche Techniken zur Gebäudeklimatisierung bei Hitzewellen. Fernwärme oder Solarenergie können als Antriebsenergie für Kältemaschinen genutzt werden, ebenso ist es möglich, mit Hilfe von Grundwasser oder Nachtluft zu kühlen. Diese Maßnahmen kommen ohne großen Energieeinsatz aus, betont Endlicher. Wer bei Hitzewellen Rettung in der konventionellen „Air Condition“ sieht, sollte auch bedenken, dass deren Betrieb den Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid zur Folge hat.

Die zur Verfügung stehenden Maßnahmen zur Klimaanpassung würden von der Berliner Politik bislang kaum umgesetzt, kritisiert der Klimatologe. Dabei hat Berlin eine gute Ausgangslage: Viele Grünflächen in der Innenstadt sorgen für Abkühlung, dank der nordöstlichen Lage herrscht hier im Vergleich zu süddeutschen Städten kühlere, trockenere Luft. Aber das dürfe niemanden dazu verleiten, untätig zu sein. Denn die nächste Hitzewelle kommt bestimmt.

Ljiljana Nikolic


Gemeinsam mit Friedrich-Wilhelm Gerstengabe hat Wilfried Endlicher eine Broschüre herausgegeben: Der Klimawandel. Einblicke, Rückblicke und Ausblicke (Potsdam, 2007).

Die Broschüre im Internet:

www.geographie.hu-berlin.de/navigation/aktuelles/broschuere_klimawandel