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Von Zwängen gequält

Am Institut für Psychologie wird die psychische Störung erforscht, um Patienten besser helfen zu können

Der New Yorker Schriftsteller Melvin, gespielt von Jack Nicholson, leidet an Zwangsstörungen. In Restaurants benutzt er sein eigenes Plastikgeschirr, seine Hände wäscht er immer mit einem neuen Stück Seife, das er auf eine ganz bestimmte Weise auspacken muss. Was im Film „Besser geht’s nicht“ die Zuschauer zum Lachen bringt, ist eine ernsthafte Erkrankung. An Zwangsstörungen, zu deren Symptomen beispielsweise stundenlanges Duschen oder zwanghafte Gedanken gehören, leiden immerhin zwei Prozent der Menschen im Laufe ihres Lebens.

„Das Gefühl, etwas wiederholt denken oder tun zu müssen, kennen viele Menschen. Nehmen diese Erfahrungen aber solche Ausmaße an, dass die Betroffenen darunter leiden, der Tagesablauf oder auch Beziehungen beeinträchtigt werden, handelt es sich wahrscheinlich um eine Zwangsstörung“, erklärt Norbert Kathmann. Der Professor für Klinische Psychologie ist Leiter des Forschungs- und Behandlungszentrums für Zwangsstörungen. Dieses ist angeschlossen an die Hochschulambulanz für Psychotherapie und Psychodiagnostik am Institut für Psychologie in Adlershof und in seiner Form einmalig in Berlin.

Foto: Heike Zappe
Foto: Heike Zappe


Im Zentrum werden nicht nur mit Gesprächen und verschiedenen Tests differenzierte Diagnosen gestellt und Betroffene verhaltenstherapeutisch behandelt. Die Mitarbeiter führen auch eine Reihe von Studien durch, zurzeit sind es fünf. Es geht darum, mehr über Entstehung, Verlauf und Behandelbarkeit der Störung zu erfahren. Denn bislang sind die Ursachen der Zwangsstörung noch nicht geklärt. Neben psychologischen werden auch neurobiologische und genetische Ursachen angenommen.

Bei der Forschung am Institut für Psychologie stehen zwei Themen im Mittelpunkt: das prozedurale Lernen und das Handlungsmonitoring. Prozedurales Lernen ist automatisiertes Lernen, das beispielsweise durch Übung erlangt wird. Bei Zwangspatienten ist diese Art von Lernen beeinträchtigt, sie findet langsamer statt im Vergleich zu Gesunden. Betroffene kompensieren dieses Defizit mit verstärkter Kontrolle von Handlungen. Das bedeutet, eigentlich selbstverständliche, automatisierte Abläufe werden ganz bewusst durchgeführt. „Eine solche Veränderung in den Gehirnprozessen könnte die Empfänglichkeit für die Entwicklung einer Zwangsstörung erhöhen“, erläutert der Psychologe.

Als eine Ursache für Zwangsstörungen werden Beeinträchtigungen der Handlungskontrolle angenommen. „Patienten mit Zwangsstörungen zeigen andere Reaktionen auf begangene Fehler und Konfliktsituationen als gesunde Probanden“, verdeutlicht Kathmann. „Die Überwachung von Fehlern und Konflikten ist wichtig, aber gesteigerte Reaktionen darauf könnten zu Unsicherheiten im Verhalten führen und der Auslöser für das Bedürfnis nach Kontrolle und Wiederholung sein.“ In einer der Studien geht es deshalb darum, mehr über Gehirnreaktionen auf Fehler zu erfahren.

Bei einer ersten Studie haben die Wissenschaftler bereits herausgefunden, dass Patienten erhöhte Gehirnaktivitäten sowohl nach Fehlern als auch nach richtigen Reaktionen aufweisen. Dieses Ergebnis wollen die Psychologen in weiteren Tests überprüfen.

Damit die Wissenschaftler sehen können, wie das Gehirn in unterschiedlichen Situationen reagiert, werden die Probanden, Gesunde wie Patienten, beispielsweise per Computer in harmlose Konfliktsituationen gebracht. Sie müssen so genannte „Flanker-Aufgaben“ per Tastendruck lösen, einfache Aufgaben, bei denen es um schnelle, fehlerfreie Reaktionen geht. Dabei werden die Gehirnaktivitäten per EEG oder auch mit Hilfe von Augenbewegungen gemessen. In einer der Studien werden Probanden im Kernspintomographen mit Bildern von bestimmten Szenen und Objekten konfrontiert, die im Alltag Symptome auslösen. Dabei wird das Gehirn „online“ aufgenommen.

„Für viele Probanden ist die Teilnahme an den Studien nicht nur interessant, weil sie mehr über die Hintergründe ihres Leidens erfahren, sondern auch der Einstieg in eine Therapie“, sagt der Psychologe Kathmann. Das ist wichtig, denn das Leiden vergeht nicht von alleine, sondern muss therapiert werden. Allerdings unterziehen sich bisher nur zehn bis zwanzig Prozent der Betroffenen einer Therapie, die anderen leiden weiter, aus Scham oder Angst, sich jemandem anzuvertrauen.

Ljiljana Nikolic


Das Forschungs- und Behandlungszentrum für Zwangsstörungen sucht regelmäßig Probanden mit Zwangssymptomen, wer Interesse hat, kann sich melden bei Anja Riesel und Lisa Kloft, Telefon: 030/ 2093-9339; E-Mail: zwang@hu-berlin.de