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„Es war zu spüren, dass Frechwerden geht“

Aus der Volksarmee in die Humboldt-Universität der Vorwendezeit: Der Intendant und Dramatiker Thomas Oberender über sein Studium.

Thomas Oberender, Sie haben am ältesten Theaterwissenschaftlichen Seminar der Welt, an der Humboldt-Universität, studiert. Welchen Stellenwert hat diese Sequenz in Ihrem Leben?

Das Besondere dieses Studiums war, dass es auf produktive Weise unpraktisch war. Das Studium ist letztlich die einzige Zeit im Leben, in der Sie etwas lernen können, ohne dass es unmittelbar etwas nützt. Das Gelernte trägt seinen Reiz und Wert in sich. Das ist im Jura- oder Medizinstudium vielleicht anders, aber in einer kultur- oder geisteswissenschaftlichen Ausbildung bilden Sie in dieser diffusen Weltkarte des Wissens erst mal so etwas wie eine persönliche Ahnung von intellektuellen Himmelsrichtungen, Kategorien und Breitengraden heraus.

Sie sind in Thüringen aufgewachsen, das bekanntermaßen bedeutende Klassiker der deutschen Sprache und Literatur hervorbrachte. Wie hat Sie dieses geistige Umfeld beeinflusst?

Ob Weimar, die Dornburger Schlösser oder der Anatomieturm in Jena, Schillers Gartenhaus in Jena, die Orte von Herder, Liszt und Nietzsche in Weimar und Bad Kösen. Ich bin der geschichtlichen Präsenz dieser Persönlichkeiten an diesen Orten, die ja doch auch immer für ein anderes Land, eine andere Geschichte standen, relativ früh bewusst geworden.

Fühlten Sie sich dem jungen Werther nahe?

Überhaupt nicht, nein (lacht). Ich hab keine gelbe Weste getragen und war auch nicht suizidgefährdet.

Weil es zu wenige Plätze auf der erweiterten Oberschule (EOS) gab und Sie kein Arbeiterkind waren, mussten Sie nach einer Alternative suchen, um Abitur machen zu können.

Ich hatte zwar die besten Noten in der Klasse, aber der Abiturplatz ging weg an ein Arbeiterkind, meinen besten Freund übrigens, das war in der 8. Klasse. Ein ähnliches Problem gab es in der 10. Klasse, aber meine Eltern fanden mit sehr viel Engagement eine Lehrstelle in einem Schwermaschinenbaukombinat. Dort konnte ich neben der Berufsausbildung ein eingeschränktes Abitur machen. Allerdings musste ich mich als 15-Jähriger verpflichten, nach dem Abitur ein Ingenieursstudium zu absolvieren, um später für einen kleinen Landmaschinenbaubetrieb zu arbeiten. Mein ganzer Lebensweg war mit 15 beschlossene Sache!

Wann hat sich Ihre Affinität für das Theater herausgebildet?

Mein Großvater war Bühnenbildner. Aber erst in der Berufsschule in Weimar wurde ich durch einen guten Lehrer, der vielleicht auch mein Talent spürte, auf einen Jugendclub am Nationaltheater hingewiesen. Dort begann ich zu spielen. Ich war der Vogel Nummer acht in „Die Vögel“ von Aristophanes.

Was bedeutete Ihnen die Berührung mit der Bühne?

Der Horizont erweiterte sich explosionsartig. Dort habe ich entschieden, den sozialistischen Planwirtschaftsweg, der für mich vorgesehen war, zu verlassen und bin ausgestiegen. Nach dem Abitur begann ich als Bühnentechniker am Theater in Rudolstadt zu arbeiten, weil ich unbedingt in diese Welt reinkommen wollte.

Nach dem Abitur mussten junge Männer zunächst in der Volksarmee dienen. Bei Ihnen waren das drei Jahre, warum so lange?

Ich hatte mich verpokert. Ich wollte nicht in die SED, hatte aber in der 12. Klasse entschieden, dass ich Theaterwissenschaften studieren will. Da ich die Jugendgeschichten meines Vaters im Ohr hatte, der an der Humboldt-Uni studiert hatte, und ich Berlin immer als eine Art von freier Stadt in der DDR erlebt habe, wollte ich dorthin. Es wurden alle zwei Jahre zwölf Leute immatrikuliert. Die meisten kamen dort mit Beziehungen hin, die hatte ich nicht und dachte, drei Jahre bei der Armee würden mir helfen. Ich wollte dann aber verkürzen.

Die Aufnahmeprüfung in der Uni war jedoch nicht erfolgreich.

Ja, es fehlte die theaterpraktische Erfahrung. So kam ich ins Abitur, hatte keinen Studienplatz, eine erneute Bewerbung war ohne Armeedienst nicht möglich. Also musste ich einrücken, und das war ziemlich furchtbar.

Die meisten Studienanfänger in der Theater- oder Kulturwissenschaft hatten bereits in Galerien oder Kulturhäusern gearbeitet. Hat sich das auf das Klima in der Seminargruppe ausgewirkt?

Ich fand meine Kommilitonen größtenteils reifer, weil sie aus Künstlerfamilien kamen oder schon am Theater als Regieassistenten gearbeitet hatten. Im Vergleich zu ihnen, verschüchtert, wie man von der Armee eh zurück kam ins zivile Leben, war ich ein Grünschnabel und kleinlaut, zumal ich heftig an einem Provinzlerkomplex litt.

Sie begannen Ihr Studium ein Jahr vor dem Fall der Mauer. Beschreiben Sie bitte die Atmosphäre in Berlin und speziell an der Universität.

Im Studiengang prägten geistig sehr liberale Leute die Atmosphäre. In diesem Theoriestudium gab es Strukturen und Studienbedingungen, die eigentlich einer Kunsthochschule entsprachen. Wir waren zwölf Studenten. In West-Berlin waren es tausend. Man hatte ein sehr intimes Verhältnis zu den Lehrern. Die waren zwar alle in der Partei; aber alle auch irgendwie clever, offen, ein bisschen verschwurbelt, also um zwei linke Ecken denkend, aber eben so, dass dahinter ein freies Feld lag.

Der Parteileitung waren die progressiven Geister der Sektion Ästhetik/Kunstwissenschaften offenbar nicht recht; Ende der 80er Jahre drohte die Sektion wegen „Gorbatschowinismus“ abgewickelt zu werden.

Gespürt habe ich ein Aufatmen unter der Dozentenschaft in der Wendezeit, denn intellektuell waren sie ja eh längst schon dissident, schrieben uns Giftscheine für die Bibliotheken aus und ermunterten uns zu freier Rede, aber zugleich waren die Chefs nun nicht eben das, was man Straßenkämpfer nennt. Der ängstliche Parteisekretär, froh, endlich habilitiert zu sein, würde nicht in erster Reihe mitdemonstrieren, das war klar. Dennoch war an der Uni zu spüren, dass Frechwerden geht; dass das zum Erwachsenwerden gehört. Dazu sind wir ermuntert worden, zum Selberdenken, und ich danke ihnen dafür bis heute.

Mindestens zweimal im Studium sollte man am Studentensommer teilnehmen. Haben Sie?

Jeder bekam ja Geld vom Staat, und das nicht als Kredit, sondern als Stipendium, um zu studieren. Und dafür mussten wir, vielleicht auch, damit man den Kontakt mit der werktätigen Klasse nicht verliert, als Gegenleistung Arbeitseinsätze leisten. Ich war Heizer an der veterinärmedizinischen Fakultät und im Reinigungstrupp des Hauptgebäudes. Später arbeitete ich als Pfleger in der Unfallambulanz eines Krankenhauses, in einer Zeit, wo viel medizinisches Personal die DDR fluchtartig verlassen hatte und es akuten Personalmangel gab.

Wie schlug sich der politische Umbruch in den Studieninhalten nieder?

Meinen allerersten Text, ein Essay über Heiner Müllers Inszenierung „Der Lohndrücker“, durfte ich in den Dramaturgischen Blättern des Deutschen Theaters veröffentlichen. Das war ziemlich verrückt, da ich ein Student des ersten Studienjahres war, und dennoch selbstbewusst genug, diesen Beitrag an Alexander Weigel, mein Idol als Dramaturg, zu schicken. In diesem Text sagte ich, dass es einerseits gut ist, wenn ein lange Zeit tabuisiertes Stück aus den Gründerjahren der DDR nun endlich gespielt werden kann. Wichtiger aber wäre, dass dieser Vorgang Folgen hat, die über die Aufführung hinausgehen; dass sich das Land verändert.

Hatte es für Sie negative Folgen an der Uni?

Im Gegenteil: Unser Dramaturgieprofessor, Herr Kautz, befreite mich fortan von allen Prüfungen – als Erstsemestler (lacht)! Dozenten wie er waren Leute, die ihr Akademikerdasein als Lebensfreiraum genutzt haben. Im Grunde fand er uns zu Recht ziemlich blöd, weil wir ahnungslos waren, und er immerhin die Nazizeit und die Stalinjahre überlebt hatte - und zwar mit Humor, also durch Schmerz geschärfte Intelligenz. Das wurde eben, wo es ging, weitergegeben.

Mit dem Mauerfall ergaben sich für Sie völlig neue Perspektiven ...

Uns öffnete sich die Welt. Wir konnten nun auch Lehrangebote in Westberlin nutzen. Andererseits kamen auch Westberliner Studenten an die HU. Es sprach sich herum, dass es ein interessantes Studium ist und auch deutlich progressiver als im Westen. Auf einmal waren wesentlich mehr Studenten in der Universitätsstraße 3b, statt zwölf wurden es es bald drei- oder vierhundert.

Warum entschieden Sie sich, das Studium an der HU in Ost-Berlin abzuschließen, statt beispielsweise ins Ausland zu gehen?

Sie dürfen nicht vergessen, ich habe mir dieses Studium ja auch irgendwie erlitten. Die drei Jahre Wehrdienstzeit waren ein Opfer, das ich dafür gebracht habe. Ich war, als es endlich losging, so hungrig. Ich habe sogar das Luftholen meiner Dozenten mitgeschrieben. Ich wollte alles wissen, das war mein Lebenstraum. Und ich war hochmütig genug zu glauben, dass ich das, was mich dort interessiert, sowieso nirgends besser studieren kann. Und vielleicht stimmte das sogar.

Welche Beziehung haben Sie heute zur Humboldt-Universität?

Nur noch eine sentimentale. Ich bin neulich als „Berlinheimkehrer“ reingehuscht in die Uni und war sehr berührt von der Atmosphäre. Die Humboldt-Uni erachte ich als einen exzellenten Ort für Bildung. Das bleibt bei mir ein Klischee.

Stichwort exzellent – wie definieren Sie den Begriff?

Exzellenz im Sinne der alten englischen Universitäten heißt, dass man sich Werten verpflichtet fühlt, die zu erschließen Zeit braucht, Bindung, Betreuung, die der Bildungsvermittlung eine gewisse Ruhe und Sorgfalt zurückerstattet, was dem Ruf einer Hochschule wiederum zukommt. Ich habe keine Ahnung, wie kaputt oder gesund reformiert die Universität heute ist, aber ihr Plus ist ihre Geschichte, und wenn „Exzellenz“ zu einer wirklichen Wertschätzung und besseren Dotierung von Qualität führt, schreckt ein solcher Begriff nicht. Sein Gegenteil schon.

Würden Sie Ihrem Sohn raten zu studieren?

Letztlich schon, ja. Aber er kann auch ein guter Tischler werden. Ich glaube nur, dass die schöne Variante dieses Berufs mittlerweile im Aussterben ist. Da, wo das Handwerk auch Kunst ist, hat es gestalterische Momente von hoher Selbstorganisation der Mittel und etwas sehr Kreatives und Freies, was sich als gutes Können am Markt bewähren muss. De facto leben Akademiker länger, deshalb sollte man ihm zum Studium raten (lacht).

 

Das Gespräch führte Heike Zappe.

Alle Alumni-Interviews auch online.

 

Lese-Empfehlung:
Thomas Oberender/ Andrea Schurian

Das schöne Fräulein Unbekannt. Gespräche über Theater, Kunst und Lebenszeit. Verlag Müry Salzmann, 2011. 216 Seiten, 19,50 Euro