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Die Kunst des Lehrens lernen

Nikolai Mäkitalo fühlt sich auf sein Referendariat an der Rütli-Schule gut vorbereitet. Mehr Praxis im Studium fände er aber gut.

Das Thema Heterogenität im Unterricht ist Nikolai Mäkitalo in seiner Ausbildung inzwischen mehrmals begegnet. Zum ersten Mal beschäftigte er sich damit im fachdidaktischen Seminar an der Universität, als ihm und seinen Kommilitonen Methoden der Binnendifferenzierung vermittelt wurden. Das war noch im Bachelor-Studium. „Sehr interessant, aber in einem Rahmen, der noch sehr weit von der Schule entfernt war“, erinnert er sich. Was Heterogenität im Unterricht tatsächlich bedeutet, hat sich dem 27-Jährigen erst in den vergangenen Wochen voll erschlossen: Seit Schuljahresbeginn ist er Referendar für Mathematik und Sport an der Rütli-Gemeinschaftsschule in Neukölln.

In seiner 10. Klasse sitzen Schüler, die sich mit Mühe auf den Mittleren Schulabschluss vorbereiten, gemeinsam mit denjenigen, die bis zum Abitur an der Schule bleiben werden. „Die Leistungsunterschiede sind enorm“, sagt der angehende Lehrer. „Das wird mir jetzt erst so richtig bewusst.“

Im Frühjahr war er noch Student im Lehrer-Masterstudiengang, jetzt ist Nikolai Mäkitalo befristet verbeamtet und Teil eines völlig neuen Systems: Für das Referendariat, die zweite Phase der Lehrerbildung, sind Schulpraktiker zuständig. Drei Tage pro Woche ist Mäkitalo an der Schule, zwei Tage im schulpraktischen Seminar. Die Rütli-Schule ermöglicht ihm einen sanften Einstieg in den Beruf. Sieben Stunden pro Woche muss er unterrichten, davon zwei Stunden Sport im Grundkurs der Klasse 13 und fünf Stunden Mathe in der 10. Klasse. Im ersten Halbjahr ist er nie alleine in der Klasse, sondern immer gemeinsam mit einem erfahrenen Kollegen.

„Der Lehrernachwuchs muss mit Heterogenität umgehen können“, sagt Stefan Kipf, Professor für Didaktik der Alten Sprachen und Direktor der Professional School of Education (PSE) an der Humboldt-Universität. Im Schulalltag füllt sich diese Prämisse mit Leben – nicht nur für den Referendar. Heterogene Lerngruppen sind an Berliner Schulen die Regel: Es gibt viele Schüler aus Zuwandererfamilien mit unterschiedlichen sprachlichen Kompetenzen, hochbegabte Schüler und solche mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Der professionelle Umgang mit Leistungsunterschieden im Unterricht ist daher eine der Säulen der 2011 eingerichteten PSE. Schwerpunkte sind die Hochbegabtenförderung und die Sprachförderung im Bereich Deutsch als Zweitsprache. So muss etwa jeder Lehramtsstudierende im Bachelor- und Masterstudium das zweistufige Modul „Deutsch als Zweitsprache“ belegen. „In dem Bereich sind wir schon gut aufgestellt“, sagt Kipf. Anders sehe es noch im Hinblick auf die Inklusion aus, bei der vieles noch am Anfang stehe.

Inklusion, der flächendeckende gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderungen, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Schulen. Künftig soll es eine gemeinsame Schule für alle Schüler geben – so sieht es die 2009 von Deutschland unterzeichnete Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen vor. Die Bundesländer müssen dafür entsprechende Konzepte entwickeln. In Berlin ist der flächendeckende Start der Reform auf das Schuljahr 2015/16 verschoben worden; das überarbeitete Inklusionskonzept der Senatsbildungsverwaltung muss noch vom Parlament verabschiedet werden.

Der Umbau der Schulen hin zu einem inklusiven System stellt auch die Lehrerbildung vor neue Herausforderungen – und damit die Universitäten, an denen die erste Phase der Ausbildung stattfindet. Bislang sind sonderpädagogisches und allgemeinbildendes Lehramt separate Studiengänge. Künftig soll in alle lehrerbildende Studiengänge ein Inklusionsmodul integriert werden. Diese und andere Schwerpunkte zur Reform der Lehrerbildung in Berlin hat die Experten-Kommission zur Lehrerbildung um den Bildungsforscher Jürgen Baumert vor einigen Monaten vorgelegt. Das reformierte Lehrerbildungsgesetz soll noch in diesem Jahr im Abgeordnetenhaus verabschiedet werden. „Allerdings ist das Gesetz so konzipiert, dass alle zentralen Detailfragen erst im Rahmen von Verordnungen geklärt werden“, sagt Vera Moser, Professorin für Pädagogik bei Beeinträchtigungen des Lernens und Allgemeine Rehabilitationspädagogik an der HU. Vieles bleibt also zunächst offen.

Die Humboldt-Universität bereitet sich dennoch bereits auf die Implementierung der Inklusion in alle Studiengänge vor. Dabei kooperiert die PSE eng mit dem Institut für Rehabilitationswissenschaften, etwa bei der Gestaltung des diesjährigen Fritz-Karsen-Chairs. Die seit 2012 vergebene internationale Gastprofessur steht in diesem Jahr im Zeichen der Inklusion – und der Blick richtet sich nach Finnland. Im Wintersemester sind zwei weitere Gastaufenthalte von Markku Jahnukainen, Professor an der Universität Helsinki, an der HU geplant. Im Juni war der Experte für international vergleichende Inklusionsforschung bereits zu einem Workshop in Berlin. Auf dem Programm stehen Vorträge zum finnischen Bildungssystem und zur Inklusion in finnischen Schulen. Weiterhin sind Schulhospitationen geplant, gemeinsame Forschungsprojekte und im Januar Workshoptage für Nachwuchswissenschaftler zum Thema „Inklusion International“.

PSE-Direktor Stefan Kipf zufolge wird es im November außerdem eine Tagung zu der Frage geben, wie sich Inklusion in den Fachdidaktiken umsetzen lässt. Zum Aufbau der nötigen Strukturen werde an der Universität in den nächsten Monaten eine Stelle für Organisationsentwicklung an der PSE eingerichtet. Die PSE will das Thema Inklusion im kommenden Jahr zum Schwerpunkt machen.

Stefan Kipf und Vera Moser begrüßen es, dass künftig in allen Lehramtsstudiengängen sonderpädagogische Inhalte vorkommen werden sollen. Allerdings warnen beide vor zu hohen Erwartungen an die Hochschulen. „Für die Inklusionsmodule sind nur wenige Studienpunkte vorgesehen“, sagt Vera Moser. „Davon sind keine Professionalisierungseffekte zu erwarten, sondern es können nur Informationen vermittelt werden.“ Um den Studierenden wirklich sonderpädagogische Kompetenzen vermitteln zu können, müssten insbesondere in den Fachdidaktiken Schwerpunkte für den Unterricht mit heterogenen Lerngruppen aufgebaut werden, möglicherweise in Zusammenarbeit mit Kollegen aus den Rehabilitationswissenschaften und mit Bezug zum Praxissemester, sagt Moser. „Aber das ist noch Zukunftsmusik.“

Fest steht: Die Lehrerbildung steht vor einem Umbruch – auch wenn viele Details noch entschieden werden müssen. Dabei wird auch die Verzahnung mit der Praxis eine entscheidende Rolle spielen. Das jetzige Lehramtsstudium besteht aus einem sechssemestrigen, polyvalenten Bachelorstudium, das den Weg in andere Studiengänge und Berufe noch offenlässt, und aus einem lehramtsspezifischen Masterstudium von zwei bis vier Semestern Dauer. Drei vierwöchige Schulpraktika müssen die angehenden Lehrer während des Studiums bislang absolvieren. „Das ist zu wenig. Vor allem sind vier Wochen viel zu kurz, um wirklich in die Schule integriert zu werden“, sagt Nikolai Mäkitalo rückblickend. „Denn das Kollegium weiß: Der ist eh bald wieder weg, und es kommt ein anderer Praktikant.“ Vor allem im Masterstudium sei eine engere Anbindung an die Schulen hilfreich.

Genau das sieht das reformierte Lehrerbildungsgesetz vor. Es bleibt bei dem orientierenden vierwöchigen Praktikum im Bachelor. Aber im Master wird es ein ganzes Praxissemester geben. Dafür werden Kipf zufolge zunächst Mentoren an den Schulen gezielt vorbereitet, welche die Studierenden später betreuen sollen.

Nikolai Mäkitalo wird von der Neuerung nicht mehr profitieren, begrüßt die Pläne aber trotzdem. „Fachlich hat mich die Uni gut auf den Beruf vorbereitet, aber im Studium hat es kaum Schnittstellen mit der Schule gegeben“, sagt er. „Ein Praxissemester, das wäre gut. Dann könnte man im Referendariat auch gleich voll ins Unterrichten einsteigen.“ Ganz ohne Angst vor dem Praxisschock.

Barbara Kerbel