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Berliner Dialekt

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12.10.2002
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Schrippe, Stulle und Molle

Die Berliner Schnauze ist auf dem Rückzug. Im Westen galt der Dialekt schon lange als Proletendeutsch, nun wird er auch bei den Ost-Berlinern zunehmend unbeliebt

Von Ruth Reiher

„Alle andern Landstriche, die pflegen ihrn Dialekt. Wo er nich jeflecht wird, is in Berlin.“ Dieser Satz eines Westberliner Beamten beschreibt wohl am besten, was Sprachwissenschaftler in den letzten Jahren beobachten. Der Berliner Dialekt genießt heutzutage kaum großes Ansehen. Das war nicht immer so. Berlinisch ist die in der Stadt Berlin und im Brandenburger Umland gesprochene Variante der regionalen Umgangssprache. Die wesentlichen lautlichen Merkmale finden wir in dem Spruch „Icke, dette, kieke mal, Oogen, Fleesch und Beene“ zusammengefasst. Wörter wie Schrippe, Stulle, Molle, kieken, mittenmang oder auch grammatische Besonderheiten wie der „Akkudativ“ in „Ick liebe dir“ lassen den Berliner erkennen.

Berlinisch gilt als eine der am besten untersuchten Stadtsprachen im deutschsprachigen Raum. Am Anfang des 20. Jahrhunderts standen die Arbeiten von Agathe Lasch (1879 - 1942), mit denen die Soziolinguistin die Stadtsprachenforschung mit begründete. Einen gewaltigen Schub erhielten die Forschungen zum Berlinischen aus Anlass des 750jährigen Stadtjubiläums 1986. Zwei voneinander unabhängige Forschungsprojekte - eines an der Freien Universität im Westteil der Stadt und das andere an der Akademie der Wissenschaften der DDR - ermittelten den aktuellen Stand zu Vorkommen, Gebrauch und Bewertung des Berlinischen im West- und Ostteil der damals noch geteilten Stadt. Unterschiede oder auch Gemeinsamkeiten in Ost und West konnten nicht untersucht werden.

Umso wichtiger war es, gleich nach der Maueröffnung die Berliner Stadtsprache im gesamten Stadtgebiet systematisch zu beobachten, die sprachlichen Veränderungen, wie sie sich während der langjährigen Teilung der Stadt vollzogen haben, zu dokumentieren sowie die Angleichung des Sprachgebrauchs im Zuge der Vereinigung linguistisch zu beschreiben. Die Ergebnisse der über zehnjährigen Forschung können in dem Buch „Berlinisch heute“ nachgelesen werden. Sehr produktiv wirkte sich die Ansiedlung dieses Unternehmens an der Humboldt-Universität aus. Das Thema „Berliner Stadtsprache“ fand Eingang in zahlreiche Lehrveranstaltungen. Oft lieferten Prüfungsarbeiten sowie kleinere Analysen von Studenten wichtige Bausteine zum Gesamtbild des heutigen Berlinisch.

Existierten zu Beginn der 1990er Jahre noch gravierende Unterschiede in der Verwendung und Bewertung des Berlinischen durch Ost- und Westberliner, so zeigt sich seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre eine Angleichung des Sprachgebrauchs der Ostberliner an den Westberliner Standard. Worin bestanden die Unterschiede und wie vollzog sich die Angleichung?

Die Insellage Westberlins, die sprachliche Heterogenität der Bevölkerung sowie eine stark ausgeprägte soziale Differenzierung der Westberliner Gesellschaft waren verbunden mit einer Abwertung des Berlinischen als Sprachvariante der Unterschicht, die stigmatisiert wurde und fast ausschließlich in privaten Situationen Verwendung fand. Im Ostteil der Stadt war die Berliner Umgangssprache nicht nur auf den Alltag beschränkt, sondern galt als Medium der Verständigung auch in halböffentlichen und öffentlichen Situationen. Ursache hierfür war zum einen der ständige Kontakt mit dem auch berlinisch sprechenden Umland, zum anderen die nicht so ausgeprägte hierarchische Differenzierung der verschiedenen sozialen Gruppen wie im Westteil der Stadt.

Diese gegensätzlichen Haltungen zum Berlinischen führten nach der Maueröffnung 1989 zu Irritationen auf beiden Seiten. Die abweichende Verwendung und Bewertung der Berliner Stadtsprache kennzeichneten die Sprecher nicht nur als Ost- oder Westberliner, sondern bildeten darüber hinaus eine Quelle gegenseitiger Vorurteile. So identifizierten die Westberliner die Bewohner des Ostteils der Stadt auf Grund ihres starken Dialektgebrauchs und bewerteten diesen häufig negativ als „katastrophal“, „ordinär“, „Proletendeutsch“ oder restringierten Code. Viele Ostberliner hingegen bekannten sich zu ihrer Berliner Sprachvariante, wie eine Ostberliner Lehrerin. Nach ihrer Einstellung zum Berliner Dialekt befragt, stellt sie klar, dass zu ihrem Leben das Berlinische gehört. Auch andere bewerteten in den Untersuchungen die situationsunabhängige hochsprachliche Ausdrucksweise im Westberliner Sprachraum negativ als „jebildet“ und „hochnäsig“. Aus diesem Gegensatz von Hochsprache und Berliner Umgangssprache resultierte ein Konflikt, der vor allem bei arbeitsplatzbedingter Durchmischung von Ost und West wirksam wurde.

Wie sieht es nun heute, nach gut zwölfjähriger Entwicklung aus? Unsere Untersuchungen belegen, dass im Osten Berlins nach wie vor stärker berlinert wird als im Westen, und das nicht nur in privaten, sondern auch in öffentlichen Situationen. So übersteigt die Häufigkeit Berliner Varianten in den östlichen Bezirksverordnetenversammlungen diejenige ihrer westlichen Pendants. Obwohl einzelne Westberliner eine positive Wirkung für die Bewahrung des Berlinischen durch den Sprachgebrauch der Ostberliner erhofften, ist im Westen der Stadt keine Zunahme berlinischer Elemente nachweisbar. Im Gegenteil: Auch in den östlichen Bezirken wird der Gebrauch des Berlinischen - und das nicht nur in der Öffentlichkeit - nach und nach eingeschränkt.

Diese distanziertere Haltung der Ostberliner gegenüber dem Berliner Stadtidiom ist Folge eines Wertewandels. Denn soziale Aufstiegschancen sind eng an die Beherrschung der Hochsprache gebunden. Berlinern kann dem nur abträglich sein. So belegte eine Fallstudie an Ostberliner Gymnasien von 1998, dass die Abiturienten zwar noch zu ihrer Berliner Ausdrucksweise stehen, die jüngeren Schüler hingegen durch den lenkenden Einfluss von Eltern und Lehrern der Hochsprache den Vorzug einräumen.

Und die Folge für die weitere Entwicklung des Berlinischen? Durch dessen Stigmatisierung und den daraus resultierenden Rückzug wird auch die sprachliche Kompetenz der (Ost-)Berliner für diese Sprachvarietät eingeschränkt, sodass es in einigen Jahren schwer sein könnte, solche Probanden für weitergehende Studien zu finden, die auch im Interview freiweg berlinern - eine Erfahrung, die unsere Forscher im Westteil der Stadt schon zu Beginn der 1990er Jahre gemacht haben.

Die Autorin ist Professorin am Institut für deutsche Sprache und Linguistik der Humboldt-Universität. Ihr Buch „Berlinisch heute. Kompetenz - Verwendung - Bewertung“ ist 2001 im Peter Lang Verlag erschienen.