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Tunnel über der Spree

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12.10.2002
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Denker im „Tunnel über der Spree“

Im Dunstkreis der alten Berliner Universität traf sich die Crème von Preußens Kunst und Kultur

Von Anke Assig


„Es braucht nicht jeder um drei Uhr früh aufzustehen und fünfzehn Stunden Steine zu klopfen; man kann sich auch anderweitig im Leben nützlich machen.“ Der das sagte, war kein Geringerer als Theodor Fontane. Seine ersten Berufsjahre mögen dem gelernten Apotheker eintönig wie die Arbeit in einem Steinbruch vorgekommen sein. Um so mehr, als er sich seit 1844 im literarischen Sonntagsverein „Tunnel über der Spree“ mit den humanistisch Gebildeten der Stadt traf. Die da sonst vorwiegend als hohe Beamte, Juristen, Offiziere oder Journalisten in preußischen Amtsstuben oder Korrespondenzbüros saßen, produzierten am Ende der Woche in den Hinterzimmern der Restaurants ihre literarischen „Späne“. So nannten die Tunnelmitglieder ihre künstlerischen Arbeiten – Gedichte, Balladen, aber auch Zeichnungen und sogar Gemälde.

Anders als die Damen der höheren Gesellschaft, die zur gleichen Zeit in ihren berühmt-berüchtigten Salons Freunde und Gäste aus aller Welt mit kultivierter Geselligkeit unterhielten, mussten sich die – ausschließlich männlichen – Tunnelmitglieder bei ihren Sitzungen den freundlich-kritischen Wertungen ihrer Mitstreiter stellen. Von „sehr schlecht“ bis „Akklamation“ reichten die Prädikate, wie sie die Statuten des Vereins vorsahen.

Was 1827 unter der Führung des skandalträchtigen Journalisten Moritz Gottlieb Saphir als eine lose Vereinigung dichtender Amateure begonnen hatte, entwickelte sich zu einem wirklichen Dichterverein. Nicht nur Fontane alias „Lafontaine“, wie er im Verein genannt wurde, hatte hier im kleinen Kreis seine ersten ermutigenden Erfolge. Auch Emanuel Geibel, Moritz Graf von Strachwitz, Christian Friedrich Scherenberg und der spätere Literaturnobelpreisträger Paul Heyse alias „Hölty“ zeugen vom zunehmenden Niveau der Literaturszene. Theodor Storm und Gottfried Keller waren mehrmals zu Gast, wie das „Fremdenbuch" des Vereins bezeugt. Denn bei aller künstlerischen Kreativität war man doch stets auch darauf bedacht jede Sitzung und jede Vereinsaktivität protokollarisch festzuhalten.

Die Universität erbte einen Schatz

Urkunde für Ehrenmitglieder des 'Tunnels', gestaltet von Adolph MenzelDieser preußischen Ordnungsliebe ist es zu verdanken, dass die Friedrich-Wilhelms-Universität 1912 Erbin eines wertvollen Schatzes geworden ist - des Nachlasses des „Tunnel über der Spree“: Schon 1835 hatte man sich geeinigt, dass die „betreffenden Scripturen, Effecten und Bücher des Archivs (...) der Universität hierselbst“ zufallen sollten. Doch lange blieb der Schatz ungehoben. Während des Zweiten Weltkrieges wurde ein Teil ausgelagert und ging dabei verloren. Germanisten der Humboldt-Universität fanden ihn schließlich - verteilt an drei verschiedenen Orten im Hauptgebäude. Professor Roland Berbig, der 1988 wissenschaftlicher Mitarbeiter war, erinnert sich: „Der Holzschrank, das Schmuckstück, war ramponiert und enthielt sonst was, nur nicht das Archiv. Die Leitung der Universitätsbibliothek hat uns geholfen, es an einen Ort zu bringen. Mit einzelnen Diplomarbeiten haben wir dann versucht Zugänge zum Material zu finden.“

Mit zwar spätem, aber unglaublichem Erfolg. Wie sich herausstellte, waren die insgesamt 214 Mitglieder des Tunnels „viel interessanter als man lange dachte“, sagt Roland Berbig. „Historiker erkannten in einigen Männern solche wieder, die später in der jüdischen Reformbewegung in Berlin federführend wurden.“

Zusammen mit denen, die später als Schriftsteller in die Literaturgeschichte eingegangen sind, tauchten immer mehr prominente Namen auf: der Maler Adolph Menzel, der Kunsthistoriker Franz Kugler, Louis Schneider, Vorleser des preußischen Königs, der Justizminister Heinrich von Friedberg und andere.

Nicht wenige von ihnen waren Studenten oder Professoren an der Berliner Universität. „Sie ist ein Konzentrationspunkt für literarisches Leben gewesen. Sowohl Professoren als auch Studierende haben immer wieder versucht, sich ins gesellschaftliche Leben einzubringen“, schwärmt Roland Berbig. Sie haben Spuren hinterlassen - diesseits und jenseits des Katheders. 1986, als die Berliner Germanistik einhundert Jahre alt wurde, folgte man ihnen systematisch. „Berliner Studenten und deutsche Literatur“ heißt die Studie. Mit Franz Mehring, Stefan George, Alfred Döblin, Kurt Tucholsky und Walther Benjamin reiht sich Name an Name. Nicht jeder studierte Literatur. Den wachen Augen weniger Professoren ist es zu verdanken, dass einige dieser „Klassiker“ schon in ihrer Studienzeit als herausragende Schöpfer zeitgenössischer Literatur entdeckt wurden.

Studenten schwärmten durch Salons

Roland Berbig hat es ihnen, von der aktuellen Berliner Literaturszene begeistert, nachgetan. Mit seinen Studenten schwärmte er vor drei Jahren aus in die Salons, auf die Lesebühnen und in die Literaturzirkel der Metropole. Die gesammelten Texte junger Autoren wurden zu einer Momentaufnahme dessen, was Berlin literarisch heute bieten kann. Der Fontane-Experte bewundert aufrichtig „den Spürsinn, den die Studierenden für zeitgenössische Autoren entwickelt haben“. Auch Wladimir Kaminer entging 1999 diesem Spürsinn nicht, heute kennt jeder Feuilletonist seinen Namen.

Wenn nun das Wintersemester beginnt, wird wieder landauf, landab in den Hörsälen das klassische literarische Erbe gepflegt. Fontane gehört dazu: „Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben“, schrieb er im „Stechlin“.


Im Internet unter: www.ub.hu-berlin.de/bibliothek