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Liebe Jugendfreunde!

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
22.10.2004

"Liebe Jugendfreunde!"

Eine natürliche Sprache: Germanisten untersuchen das Deutsch im Alltag der DDR

Von Ruth Reiher

Wer schrieb zu welchem Zweck Brigadetagebücher? Wie wurde im Industriebetrieb, in Hausgemeinschaftsleitungen oder unter Jugendlichen gesprochen? Welche Kommunikationsstrategien entwickelten die Teilnehmer des Zentralen Runden Tisches der DDR und welcher Kommunikationsstil prägte die erste frei gewählte Volkskammer?

Fragen über Fragen zur Sprache in der DDR, die bislang kaum gestellt, geschweige denn beantwortet wurden. Wenn über Sprache in der DDR gesprochen und geschrieben wird, so werden immer wieder die gängigen Stereotype des offiziellen Sprachgebrauchs angeführt, die Stephan Heym als "Hoch-DDRsch, gepflegt bürokratisch, voll hochtönender Substantive, die mit entsprechenden Adjektiven verbrämt werden", charakterisierte. Diese Starrheit und Variationsarmut des offiziellen Sprachgebrauchs existierte tatsächlich und prägte den öffentlichen Diskurs. Aber die einseitige Konzentration auf das öffentliche Sprachregister verstellte den Blick auf die sprachliche Vielfalt.

Denn das Deutsche in der DDR war eine natürliche Sprache wie das Deutsche in der Bundesrepublik, in Österreich oder in der Schweiz. So unterschieden sich auch hier Reden in der Öffentlichkeit von inoffiziellen Gesprächsrunden. Die institutionelle Stellungnahme zu einer Eingabe war anders formuliert als die von einem ungeübten Schreiber verfasste Eingabe selbst. Die weithin bekannten Anredeformen "Werter Genosse/ Werte Genossin" erschienen - entsprechend der Situation - im Wechsel mit "Sehr geehrte Frau Professor", "Meine Damen und Herren" oder "Lieber Jugendfreund". All diese unterschiedlichen Facetten des Sprachgebrauchs waren Bestandteile der Sprache in der DDR. Nur wissen wir über diese einzelnen Seiten der sprachlichen Wirklichkeit nicht viel.

Diese Lücke zu schließen bemüht sich ein Sammelband zur Sprache in der DDR. Dessen Ausgangspunkt war ein Symposium im März 2003 an der Humboldt-Universität, in dem nach dem weiteren Umgang mit Texten aus der DDR gefragt wurde. Das Ergebnis sind 28 Beiträge, in denen die Autoren aus ost- und westdeutscher sowie aus der Außenperspektive in anschaulicher Weise darstellen, wie zwischen Ostsee und Erzgebirge gesprochen und geschrieben wurde.

Besondere Aufmerksamkeit gilt den Texten des bislang wenig beachteten halböffentlichen Bereichs, die sich als unschätzbare Fundgrube für sprachliche Differenzierungen in der DDR erweisen. Brigadetagebücher und Eingaben als DDR-spezifische Textsorten werden vorgestellt, mündliche Kommunikationsformen und -routinen im betrieblichen Alltag dokumentiert. So finden wir beispielsweise in Brigadetagebüchern Texte zu politischen und gesellschaftlichen Ereignissen im offiziellen Duktus: "Zu Ehren des 35. Jahrestages der DDR hohe Auszeichnungen für vorbildliche Leistungen im Wettbewerb …", aber auch Schilderungen von Brigadefeiern oder anderen gemeinsamen Unternehmungen mit subjektiver Ausdrucksweise.

Das zeigt die Beschreibung einer gemeinsamen Geburtstagsfeier: "Unsere Kollegin Christiane wurde -0.! Es soll ja Kollegen im Sektor geben, die mit Stillschweigen über ,Null-Geburtstage’ hinweggehen. Nicht so unsere Kollegin Christiane. Sie setzte sich über alle Vorurteile dieser Art hinweg und lud zur Feier am 8.6. auf die Datsche nach Schraplau ein. Da an diesem Tage sich das Wetter von der sommerlichen Seite zeigte, wurden die Freianlagen bis zum Einbruch der Dunkelheit genutzt. Und das waren nicht nur die beiden Grillgeräte nebst der langen Tafel. Gefragt war auch die Tischtennisplatte … Obwohl sich ein Teil nach Hause abholen ließ und dadurch den Sonnenaufgang in Schraplau nicht erlebten, war die einhellige Meinung: Die Gastgeberin kann im nächsten Jahr '30' werden."

Unter dem Gesichtspunkt "Was bleibt?" werden in dem Sammelband Wendungen und Begriffe, die im ostdeutschen Alltag bis heute gebraucht werden oder in der Nachwendeliteratur und in Spielfilmen wie "Good bye, Lenin!" wieder aufleben, erklärt. Gemeinsam ist allen Beiträgen das Bemühen, Sprachgebrauch und Kommunikationspraktiken unter dem Einfluss spezifischer Lebensformen in der DDR zu betrachten. Die Autoren sind sich deswegen einig: Es sollte nicht zugelassen werden, dass "die Geschichte der DDR, auch ihre Sprachgeschichte, marginalisiert wird, als habe sie - wenn überhaupt - irgendwo im Ausland stattgefunden", wie der Historiker Manfred Hellmann sagt. Denn, so Hellmann: "Auch die Sprachgeschichte der DDR ist zu dokumentieren, zu kodifizieren, zu beschreiben und zu erinnern als Teil unserer gemeinsamen deutschen Geschichte."

- Ruth Reiher/Antje Baumann (Hrsg):

Vorwärts und nichts vergessen. Aufbau Verlag, Berlin 2004. 384 Seiten, 9,95 ¬.

Zivilverteidigung

"Für alle weiblichen Studenten des zweiten Studienjahres ist es Pflicht, an einer 5-wöchigen ZV-Ausbildung teilzunehmen. Uns Mädchen mutete dies anfangs ziemlich seltsam und ungewöhnlich an und mit gemischten Gefühlen, teils etwas ängstlich, teils erwartungsvoll und neugierig ging es schließlich am 15. Mai 1972 mit einem Sonderzug nach Weißwasser. Dort angekommen, belächelten wir anfangs unsere zukünftigen Zug- und Gruppenführer in ihren Uniformen und bei ihrem zackigen Gleichschritt durch das Lager. Doch dies sollte uns bald vergehen. Denn kaum hatte jeder sein Bett, Regal, Schutzmaske, Zeltplane und Helm zugeteilt bekommen, hieß es auch schon, sich in die Kluft zu werfen und zum Essen anzutreten. Antreteordnung: Wir bekamen die ersten Kommandos und Antreteordnungen mit und im Gleichschritt ging es zur Essenbaracke." (Tagebuch einer Seminargruppe)

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"Liebe Jugendfreunde!"

Eine natürliche Sprache: Germanisten untersuchen das Deutsch im Alltag der DDR

Von Ruth Reiher

Wer schrieb zu welchem Zweck Brigadetagebücher? Wie wurde im Industriebetrieb, in Hausgemeinschaftsleitungen oder unter Jugendlichen gesprochen? Welche Kommunikationsstrategien entwickelten die Teilnehmer des Zentralen Runden Tisches der DDR und welcher Kommunikationsstil prägte die erste frei gewählte Volkskammer?

Fragen über Fragen zur Sprache in der DDR, die bislang kaum gestellt, geschweige denn beantwortet wurden. Wenn über Sprache in der DDR gesprochen und geschrieben wird, so werden immer wieder die gängigen Stereotype des offiziellen Sprachgebrauchs angeführt, die Stephan Heym als "Hoch-DDRsch, gepflegt bürokratisch, voll hochtönender Substantive, die mit entsprechenden Adjektiven verbrämt werden", charakterisierte. Diese Starrheit und Variationsarmut des offiziellen Sprachgebrauchs existierte tatsächlich und prägte den öffentlichen Diskurs. Aber die einseitige Konzentration auf das öffentliche Sprachregister verstellte den Blick auf die sprachliche Vielfalt.

Denn das Deutsche in der DDR war eine natürliche Sprache wie das Deutsche in der Bundesrepublik, in Österreich oder in der Schweiz. So unterschieden sich auch hier Reden in der Öffentlichkeit von inoffiziellen Gesprächsrunden. Die institutionelle Stellungnahme zu einer Eingabe war anders formuliert als die von einem ungeübten Schreiber verfasste Eingabe selbst. Die weithin bekannten Anredeformen "Werter Genosse/ Werte Genossin" erschienen - entsprechend der Situation - im Wechsel mit "Sehr geehrte Frau Professor", "Meine Damen und Herren" oder "Lieber Jugendfreund". All diese unterschiedlichen Facetten des Sprachgebrauchs waren Bestandteile der Sprache in der DDR. Nur wissen wir über diese einzelnen Seiten der sprachlichen Wirklichkeit nicht viel.

Diese Lücke zu schließen bemüht sich ein Sammelband zur Sprache in der DDR. Dessen Ausgangspunkt war ein Symposium im März 2003 an der Humboldt-Universität, in dem nach dem weiteren Umgang mit Texten aus der DDR gefragt wurde. Das Ergebnis sind 28 Beiträge, in denen die Autoren aus ost- und westdeutscher sowie aus der Außenperspektive in anschaulicher Weise darstellen, wie zwischen Ostsee und Erzgebirge gesprochen und geschrieben wurde.

Besondere Aufmerksamkeit gilt den Texten des bislang wenig beachteten halböffentlichen Bereichs, die sich als unschätzbare Fundgrube für sprachliche Differenzierungen in der DDR erweisen. Brigadetagebücher und Eingaben als DDR-spezifische Textsorten werden vorgestellt, mündliche Kommunikationsformen und -routinen im betrieblichen Alltag dokumentiert. So finden wir beispielsweise in Brigadetagebüchern Texte zu politischen und gesellschaftlichen Ereignissen im offiziellen Duktus: "Zu Ehren des 35. Jahrestages der DDR hohe Auszeichnungen für vorbildliche Leistungen im Wettbewerb …", aber auch Schilderungen von Brigadefeiern oder anderen gemeinsamen Unternehmungen mit subjektiver Ausdrucksweise.

Das zeigt die Beschreibung einer gemeinsamen Geburtstagsfeier: "Unsere Kollegin Christiane wurde -0.! Es soll ja Kollegen im Sektor geben, die mit Stillschweigen über ,Null-Geburtstage’ hinweggehen. Nicht so unsere Kollegin Christiane. Sie setzte sich über alle Vorurteile dieser Art hinweg und lud zur Feier am 8.6. auf die Datsche nach Schraplau ein. Da an diesem Tage sich das Wetter von der sommerlichen Seite zeigte, wurden die Freianlagen bis zum Einbruch der Dunkelheit genutzt. Und das waren nicht nur die beiden Grillgeräte nebst der langen Tafel. Gefragt war auch die Tischtennisplatte … Obwohl sich ein Teil nach Hause abholen ließ und dadurch den Sonnenaufgang in Schraplau nicht erlebten, war die einhellige Meinung: Die Gastgeberin kann im nächsten Jahr ,30’ werden."

Unter dem Gesichtspunkt "Was bleibt?" werden in dem Sammelband Wendungen und Begriffe, die im ostdeutschen Alltag bis heute gebraucht werden oder in der Nachwendeliteratur und in Spielfilmen wie "Good bye, Lenin!" wieder aufleben, erklärt. Gemeinsam ist allen Beiträgen das Bemühen, Sprachgebrauch und Kommunikationspraktiken unter dem Einfluss spezifischer Lebensformen in der DDR zu betrachten. Die Autoren sind sich deswegen einig: Es sollte nicht zugelassen werden, dass "die Geschichte der DDR, auch ihre Sprachgeschichte, marginalisiert wird, als habe sie - wenn überhaupt - irgendwo im Ausland stattgefunden", wie der Historiker Manfred Hellmann sagt. Denn, so Hellmann: "Auch die Sprachgeschichte der DDR ist zu dokumentieren, zu kodifizieren, zu beschreiben und zu erinnern als Teil unserer gemeinsamen deutschen Geschichte."

- Ruth Reiher/Antje Baumann (Hrsg):

Vorwärts und nichts vergessen. Aufbau Verlag, Berlin 2004. 384 Seiten, 9,95 ¬.

Zivilverteidigung

"Für alle weiblichen Studenten des zweiten Studienjahres ist es Pflicht, an einer 5-wöchigen ZV-Ausbildung teilzunehmen. Uns Mädchen mutete dies anfangs ziemlich seltsam und ungewöhnlich an und mit gemischten Gefühlen, teils etwas ängstlich, teils erwartungsvoll und neugierig ging es schließlich am 15. Mai 1972 mit einem Sonderzug nach Weißwasser. Dort angekommen, belächelten wir anfangs unsere zukünftigen Zug- und Gruppenführer in ihren Uniformen und bei ihrem zackigen Gleichschritt durch das Lager. Doch dies sollte uns bald vergehen. Denn kaum hatte jeder sein Bett, Regal, Schutzmaske, Zeltplane und Helm zugeteilt bekommen, hieß es auch schon, sich in die Kluft zu werfen und zum Essen anzutreten. Antreteordnung: Wir bekamen die ersten Kommandos und Antreteordnungen mit und im Gleichschritt ging es zur Essenbaracke." (Tagebuch einer Seminargruppe)

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