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Faszination Forschung - vom ersten Tag an

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
22.10.2004

Faszination Forschung - vom ersten Tag an

Warum Studienanfänger so früh wie möglich auf Entdeckungsreisen gehen sollten

Von Jürgen Mlynek

 

Wie heißt es doch bei Hermann Hesse: "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne." Wie war das bei meiner eigenen ersten Vorlesung als Student? Ich erinnere mich noch gut an den Geruch des Hörsaals und die eigenartige Mischung aus Aufregung und Wissensdurst vor mehr als dreißig Jahren. Das Auditorium Maximum war bis auf den letzten Platz besetzt: Alle blickten gespannt zum Pult, als der Professor die Stimme hob, um die Erstsemester zu begrüßen. Die Stifte waren gespitzt und die Sinne geschärft. Man erwartete Besonderes in der ersten Vorlesung und vom ersten Semester. Manche Erwartungen wurden erfüllt, andere mussten relativiert werden. Weiter als bis zu den ersten Semesterferien dachten nur wenige, denn alles Weitere lag noch in zu weiter Ferne. Welche berufliche Laufbahn wir einschlagen sollten, klärte sich erst später.

jüergen mlynekAn diesen bleibenden Eindrücken hat sich seither wohl kaum etwas geändert: Auch die heutigen Studienanfänger werden Ähnliches empfinden, wenn sie zum Studium zugelassen worden sind. Denn heute ist es gar nicht mehr so einfach, an den Studienort seiner Wahl zu kommen. Berlin und insbesondere die Humboldt-Universität scheinen besonders attraktiv zu sein. Auch für dieses Wintersemester überstieg die Zahl der Studienplatzbewerber mit etwa 22 000 die Zahl der Studienplätze im ersten Semester mit etwa 4600 wieder um ein Vielfaches. Warum erfreut sich die Humboldt-Universität so großer Nachfrage?

Seit dem Beginn der Neunzigerjahre hat die Humboldt-Universität einen grundlegenden Transformationsprozess durchlaufen und einen Aufholprozess gestartet, der alle Bereiche von Lehre, Forschung und Dienstleistung erfasste. Trotz sich ständig ändernder Rahmenbedingungen gehört die Humboldt-Universität im Ergebnis heute zur Spitzengruppe der deutschen Universitäten und belegt regelmäßig vordere Plätze in den zahlreichen veröffentlichten Rankings, so zuletzt in der Zeitschrift "Focus". Bei der Diskussion um Spitzen- oder Eliteuniversitäten ist die Humboldt-Universität ebenfalls in aller Munde, ohne dass sie sich selbst ins Gespräch bringen muss.

Was hat sie also zu bieten, diese 1810 von Wilhelm von Humboldt gegründete Universität, die sich selbst als "Mutter aller modernen Universitäten" bezeichnet? Sie hat mit Humboldt einen besonderen Namen, mit Berlin-Mitte einen unvergleichlichen Standort und sie hat eine eindrucksvolle Geschichte. Sie ist aber auch, und das ist für unsere Studienanfänger das Wichtigste, der Gegenwart zugewandt und der Zukunft verpflichtet.

Die Humboldt-Universität hat sich immer als Reformuniversität im Zeichen der Exzellenz verstanden, und in unserem Leitbild heißt es zu diesem Punkt: "Die Humboldt-Universität wurde als Reformuniversität in einer Situation der Krise gegründet, um in eigener Verantwortung herausragende wissenschaftliche Leistungen zu ermöglichen und durch kritisches Wissen die gesellschaftliche Entwicklung zu fördern. Selbst nach 200 Jahren ist dies ein bleibendes Vermächtnis. Wer hier arbeitet, soll den Willen und die Fähigkeit haben, durch eigene Leistungen das Wissen zu mehren und seine verantwortungsvolle Nutzung zu sichern."

Was heißt das im Klartext für unsere Studienanfänger? Es bedeutet, dass es in der Universität in erster Linie um die Suche nach Wahrheit geht, um die Beantwortung neugieriger Fragen, um die Förderung des forschenden Geistes. Von Albert Einstein, der zwischen 1913 und 1931 auch an der Universität in Berlin gelehrt hat, gibt es aus seiner späteren Zeit in Princeton folgende Anekdote: Einstein pflegte auch in fortgeschrittenem Alter noch Klausuren der Physikstudenten zu beaufsichtigen. Einmal, so geht die Legende, soll einer der Studenten zum Beginn der Klausurarbeit gefragt haben: "Herr Professor Einstein, das ist ja dieselbe Prüfungsfrage wie letztes Jahr!", worauf Einstein erwidert haben soll: "Richtig, junger Mann, aber dieses Jahr ist die Antwort anders."

Es geht also an der Universität darum, Neues zu entdecken und direkt zu vermitteln. Das Studium verlangt daher eine aktive Auseinandersetzung mit dem Wissen: Bekanntes Wissen muss mit Fleiß kritisch erarbeitet werden, neues Wissen muss mit Kreativität erzeugt werden, und zwar beides von Beginn des Studiums an.

Es ist unser Universitätsgründer Wilhelm von Humboldt, auf den die Einheit von Lehre und Forschung zurückgeht. Dazu bekennt sich die Humboldt-Universität noch heute: Die Lehre muss forschungsbasiert sein und die Forschung muss Impulse aus der Lehre gewinnen. Das heißt auch, dass bei diesem Prozess den Studierenden eine wichtige Rolle zukommt. Humboldt hat das Verhältnis von Lehrenden und Lernenden so formuliert: "Der erstere ist nicht für die letzteren, beide sind für die Wissenschaft da; sein Geschäft hängt mit an ihrer Gegenwart und würde ohne sie nicht gleich glücklich vonstatten gehen." In diesem Verständnis sind die Studierenden für die Dozenten Schüler und Partner zugleich.

Natürlich ist es für Studienanfänger nicht offensichtlich, wie sie von Beginn an mit der Forschung in Kontakt kommen können. Ich kann nur dazu auffordern, möglichst rasch auf die Suche nach einer Projektarbeit in einer der vielen Arbeitsgruppen unserer Universität zu gehen. Hier ist Eigeninitiative gefragt, die aber auf offene Ohren stoßen wird. Vielleicht ergibt sich daraus ja ein Praktikum oder sogar ein Beschäftigungsverhältnis als studentische Hilfskraft. Eine große Chance wäre vertan, wenn der erste Kontakt mit der Forschung und der von ihr ausgehenden Faszination erst gegen Ende des Studiums stattfinden würde.

Die Humboldt-Universität ist ein Forschungsparadies. Als "Universitas Litterarum" verfügt sie über ein breites Fächerspektrum. Auch dies ist im Leitbild festgehalten: "Forschung macht Wissen lebendig, sie ermöglicht und fordert zugleich ein kreatives und fruchtbares Überschreiten der Grenzen von Disziplinen und Institutionen. Erst die Präsenz der Natur- und Geisteswissenschaften, der Medizin sowie der Sozial- und Kulturwissenschaften gewährleistet die unerlässliche Interdisziplinarität." Es gibt also genug Möglichkeiten, seinem forschenden Geist freien Lauf zu lassen.

Ich hoffe, dass sich unsere Studierenden später in ihrem Berufsleben gerne daran erinnern, wie sie in ihrem Studium von Anfang an Einblick in die Prozesse des Forschens gewonnen haben und wie begeistert sie davon waren. Und wenn sie rückblickend voller Überzeugung sagen: An der Humboldt-Universität wird die Einheit von Forschung und Lehre vom ersten Tag an ernst genommen.

Der Autor ist Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin.

foto: david ausserhofer

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