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DER NACHWUCHS KOMMT: Wettbewerb der Ideen

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
22.10.2004

DER NACHWUCHS KOMMT: Wettbewerb der Ideen

Freie Bahn fürs Blut

An der Charité erforscht ein junger Neurologe, wie Schlaganfälle vorbeugend behandelt werden können

Von Ljiljana Nikolic

In Deutschland erleiden 200 000 Menschen jährlich einen Schlaganfall. "Er ist die dritthäufigste Todesursache und die häufigste Ursache für lang andauernde Pflegebedürftigkeit in der westlichen Welt", erklärt Matthias Endres, Neurologe an der Berliner Charité. Die überwiegende Zahl der Schlaganfälle ist darauf zurückzuführen, dass die Sauerstoffversorgung des Gehirns durch ein Blutgerinnsel unterbrochen wird, das häufig von den Halsschlagadern oder vom Herzen kommt. Vorbeugend behandeln können Mediziner den Schlaganfall bisher jedoch nur schlecht.

Das möchte Matthias Endres jetzt ändern. Demnächst tritt er an der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Charité eine Lichtenberg-Professur an, mit der die Volkswagenstiftung jungen Wissenschaftlern selbstständiges Forschen ermöglicht. Im Rahmen dieser Professur will Endres herausfinden, wie der Schlaganfall schon bekämpft werden kann, bevor die Sauerstoffversorgung im Hirn aussetzt: Ein präventiver und regenerativer Ansatz also.

Damit betritt Endres Neuland. Seit Mitte der Neunzigerjahre gibt es zwar Medikamente, die das Blutgerinnsel im Gehirn auflösen, wenn sie in den ersten drei Stunden nach dem Vorfall injiziert werden. Den Krankheitsverlauf können die Medikamente so positiv beeinflussen. Allerdings reduziert sich die Sterblichkeit und Pflegebedürftigkeit der Patienten dadurch nicht ausreichend. "Trotz aller Fortschritte in der Akutbehandlung behalten immer noch über die Hälfte der Patienten bleibende Behinderungen oder sterben", sagt Endres. "Die Begrenzung auf die Akutsituation behindert Erfolge in der Schlaganfall-Forschung."

Endres setzt für die Prävention auf körpereigene Systeme. Die will er anregen, um die Durchblutung des Gehirns bei Risikopatienten zu verbessern. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Gas Stickstoffmonoxid. Das kennen Laien eher als Luftschadstoff, das an der Bildung des bodennahen Ozons beteiligt ist. Für den Menschen kann sich ein Mangel an diesem Gas jedoch negativ auswirken: In Versuchen konnte nachgewiesen werden, dass dies zu einer Dysfunktion von Gefäßen führt – ein Risikofaktor, der beispielsweise Herzerkrankungen hervorruft.

"Zum möglichen Zusammenhang zwischen einer ähnlichen Gefäßdysfunktion und dem Schlaganfall existieren aber kaum Studien und Untersuchungen", berichtet Endres. Das leisten jetzt seine Forschungsvorhaben. Der ehemalige Postdoktorand der Harvard Medical School konnte in Laborversuchen bereits nachweisen, dass die Regulierung der körpereigenen Stickstoffmonoxid-Produktion Schutz in der akuten Schlaganfall-Situation bietet – das Hirn wird dann besser durchblutet.

Im Rahmen der Lichtenberg-Professur will er noch einen Schritt weiter gehen: Er möchte nun unter anderem herausfinden, ob die Steigerung der Stickstoffmonoxid-Produktion Menschen tatsächlich auch vor dem Schlaganfall schützen kann.

In Studien wurde bereits nachgewiesen, dass sich bestimmte Cholesterin senkende Medikamente günstig auf die Stickstoffmonoxid-Produktion in der innersten Gefäßschicht auswirken. Entzündliche Prozesse in den Blutgefäßen werden so gehemmt, was zum schnelleren Heilungsprozess beim Schlaganfall beiträgt.

"Darüber hinaus wurde durch das Stickstoffmonoxid auch die Produktion von Gefäßvorläuferzellen im Knochenmark gesteigert, was zu einer vermehrten Gefäßneubildung beitragen kann", sagt der Mediziner. Dies spiele bei der Reparatur der inneren Gefäßschicht genauso eine wichtige Rolle wie für das Entstehen neuer Gefäße nach einem Schlaganfall. Die Stickstoffmonoxid-Produktion kann selbst noch nach einem Schlaganfall angeregt werden, um protektive Wirkung vor einem zweiten Anfall zu entfalten.

Auch die Auswirkung körperlicher Aktivität auf die Gefäßfunktion will Endres erforschen. Denn bislang sei nur wenig über die molekularen Effekte körperlichen Trainings bekannt, sagt der Neurologe, der derzeit noch Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist.

Eine Patienten-Gruppe, die für sein Forschungsvorhaben interessant ist, sind beispielsweise Hochrisiko-Patienten, die bereits eine transitorisch-ischämische Attacke erlitten haben, eine Art "Mini-Schlaganfall" Wochen oder Monate vor dem Hirninfarkt. Rund zehn Prozent der Schlaganfälle kündigen sich so vorher an. Eine weitere Gruppe sind Patienten, die vor einer Herzoperation stehen. Denn gerade herzkranke Menschen haben ein erhöhtes Risiko, dass Blutbestandteile einen Blutpfropf bilden und ins Gehirn geschwemmt werden. Hier käme eine präventive Schlaganfall-Therapie ebenfalls zum Einsatz.

In seinem Forschungsvorhaben arbeitet der Wissenschaftler mit anderen Spezialisten, wie Kardiologen, Internisten, Gefäßspezialisten, Kardiochirurgen, zusammen. Als langfristiges Ziel gilt der Aufbau eines Berliner Schlaganfallnetzes mit klinischer und grundlagenwissenschaftlicher Expertise.

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22.10.2004
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