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Verlier mein nicht

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
22.10.2004

Verlier mein nicht

Informatik-Studenten entwickeln ein System, das Gruppen zusammenhält

Von Eva Königsmann

Sie sind schwieriger als ein Sack Flöhe zu hüten. Die quirligen Erstklässler schlagen die Ermahnungen der Lehrerin in den Wind. Und bleiben nicht zusammen. Spannendes zu entdecken gibt es schließlich auch abseits der Gruppe. Resultat des Museumbesuches: Zwei Kinder fehlen. Sie finden sich erst nach einer Nerven aufreibenden Suchaktion wieder an.

Diesen Albtraum eines jeden Schulausfluges haben sich vier Informatikstudenten der Humboldt-Universität zum Thema gemacht. Im Rahmen eines internationalen Informatikwettbewerbs entwickelten sie das Projekt "Plas.ma - Person Loss Avoidance System for Mobile Applications". "Plas.ma zielt auf alle Personengruppen, die sich unabhängig voneinander bewegen möchten, ohne sich dabei zu verlieren. Egal ob Reisegruppe oder Schulklasse", erklärt Miroslaw Malek, Professor für Rechnerorganisation und Kommunikation, der die angehenden Informatiker bei ihrem innovativen Projekt unterstützt hat.

Die Idee klingt einfach: Jede Person einer Gruppe wird mit einem Sender versehen, die miteinander über Funk in Verbindung stehen. Sie bilden auf diese Weise ein Funknetzwerk, welches von einem Empfänger überwacht wird. In regelmäßigen Abständen funken die einzelnen Sender an das Empfängergerät, zum Beispiel an ein Handy. Sie müssen dabei nicht in direktem Kontakt zum Empfänger stehen, da auch die Sender untereinander kommunizieren.

Sowohl die maximale Entfernung vom Empfänger als auch die Grenze des "Sender-Hopping" lassen sich vorher einstellen. Also auch, wie weit sich ein Kind von einem anderen Kind entfernen darf, bevor der Empfänger Alarm schlägt. Ein Kind gilt erst dann als verschwunden, wenn es außerhalb der fest gelegten Reichweite eines jeden Mitglieds der Gruppe ist. Die Lehrerin erfährt dann etwa: "Sarah ist 50 Meter in östlicher Richtung entfernt, Tom hat sie als letzter gesehen."

Im umgekehrten Fall kann auch das Kind selbst in einer Notsituation per Knopfdruck um Hilfe rufen. Möglich sind zudem voreingestellte Nachrichten an alle Gruppenmitglieder: "Treffpunkt am Ausgang in fünf Minuten." Die Bewegung von Kindern, die in einer Gruppe mit diesen Funksendern versehen werden, kann so von einer Aufsichtsperson leicht kontrolliert werden. Dabei verzichtet "Plas.ma" gänzlich auf Basisstation oder Antennen, ist also in jeder Situation vollkommen mobil einsetzbar.

Manch einen mag es dabei gruseln: Wie weit ist da der Schritt zum Überwachsungsszenario aus George Orwells "1984"? Diese Sorge schiebt Nikola Milanovic, Mentor des Studententeams, entschieden beiseite: "Wir haben ganz bewusst ein System entwickelt, welches nur schlecht zur Personenüberwachung missbraucht werden kann. Es werden nur Daten zur relativen Position einer Person in einer Gruppe übermittelt und nicht deren genaue Koordinaten." Doch könne schon durch den Einsatz von GPS (Global Positioning System) die Gefahr des Missbrauchs erheblich steigen, räumt er ein. Es sei wie bei jeder Technologie: Schattenseiten gebe es immer.

Für die Studenten jedoch stand der Sicherheitsaspekt im Vordergrund. In einer Anwendung, bei der die Nutzer nicht gegen ihren Willen überwacht werden, sondern wissentlich. Freiwillig. Wer geht schon gern verloren? Ausgestattet mit 400 Dollar Startkapital erreichten sie das Finale der zehn besten Teams eines Computerwettbewerbs in Washington, ausgerufen von der renommierten IEEE Computer Society. An dem Wettbewerb, der unter dem Motto "Make the world a safer place" stand, beteiligten sich 277 Teams.

Von der ersten Idee bis zum fertigen Prototyp vergingen sechs Monate, in denen sich Steffen Buhle, Mario Hensel, Dan Kreiser und Johannes Zapotoczky mit viel Herzblut und einer großen Portion Teamgeist ihrem Projekt widmeten. Kurz vor der Abreise wurde schon mal die eine oder andere Nacht im Institut verbracht. Dass sie es letztlich nicht unter die ersten drei geschafft haben, lag an einem defekten Kabel, welches vor Ort nicht ersetzt werden konnte. Doch auch der Platz neben dem Siegertreppchen war ein Erfolg für die Vier.

Derzeit erarbeiten sie einen Geschäftsplan, der aus dem Prototyp von der Größe einer Fernbedienung ein marktfähiges, handliches Produkt machen soll. Motto: Eine Idee mit Geschäftskonzept ist die bessere Idee. "Vorstellbar ist ein Funksender, der vom Kind als Armband getragen werden kann", sagt Johannes Zapotoczky. "Und natürlich müssen wir die Kosten minimieren." Schlug der Prototyp noch mit 75 Dollar zu Buche, soll beispielsweise die Ausstattung einer ganzen Schulklasse mit etwa 300 Dollar erschwinglich werden. Auf Projekte, die von Unternehmer-Geist beseelt sind, legt ihr Professor großen Wert. Und siehe da - die ersten Interessenten haben schon leise angeklopft.


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