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Denkst du, wie ich denke?

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
22.10.2004

Denkst du, wie ich denke?

Wie sich Persönlichkeitsunterschiede auf die Kommunikation auswirken

Von Heike Zappe

 

"Gleich und Gleich gesellt sich gern." - Dieser Ausspruch hält sich ebenso hartnäckig wie der, dass Gegensätze sich anziehen. Was ist dran an diesen Binsenweisheiten? Wie verstehen sich Menschen überhaupt? Welche Rolle spielen dabei Intelligenz und Persönlichkeitseigenschaften? Der Psychologe Jaap Denissen widmet sich diesen Fragen in seiner Doktorarbeit, die er derzeit am Bereich Persönlichkeitspsychologie unter der Leitung von Professor Asendorpf abschließt. Der Niederländer untersucht dabei den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsunterschieden und Kommunikation.

illu: kathi kaeppelDenissens Hypothese: Für den Verlauf eines Gesprächs sei es nicht förderlich, wenn zwei Gesprächspartner sehr unterschiedliche Intelligenzen haben. Denn einer der Partner benutzt Begriffe oder Wörter, die der andere nur schwer verstehen kann. Um dies zu beweisen, führte der Doktorand eine Studie durch: Es wurden Studentenpaare gebildet, die sich zu wichtigen Lebensbereichen unterhalten. Studium, Familie, Hobbys, Zukunftspläne waren die Themen. Anhand von Fragebögen wurden zunächst die individuellen Persönlichkeitseigenschaften bestimmt. Darauf aufbauend konnten sowohl Paare mit gleicher als auch mit unterschiedlicher Intelligenz zusammengesetzt werden. Wichtig war, dass sie sich vorher nicht kannten.

Unterhaltung mit Unbekannten

"Jeder versucht in einem Gespräch, sich so gut wie möglich darzustellen", sagt der Psychologe. Hier treten Persönlichkeitsmerkmale zutage: Welche Interessen verfolge ich, bin ich offen für Neues oder schotte ich mich ab; suche ich Konfrontation oder bin ich eher friedfertig eingestellt. Auch die Fähigkeit, Konflikte zu lösen, spielt eine große Rolle: Bin ich in der Lage, Gespräche so zu gestalten, dass Konflikte deeskaliert werden, kann ich inhaltlich angemessen reagieren und auf den anderen eingehen. "Die emphatische Fähigkeit ist auch Form von Intelligenz", sagt Jaap Denissen. "Wenn ein emphatischer Mensch auf einen Gesprächspartner trifft, der von den Feinheiten nichts wissen will, statt dessen nur klare Ansagen erwartet, kann das zum Problem werden." Wie man das Gesagte interpretiere, hänge immer davon ab, wie man zu dem anderen stehe. Eigene oder gemeinsame Erfahrungen spielen ebenso hinein wie die persönliche Situation des Einzelnen, die verschiedenen Lebenswelten und - die Intelligenz.

"Entgegen meiner Vermutung", so der Persönlichkeitsforscher, "hängen Intelligenzunterschiede nicht mit der Qualität des Gesprächs zusammen." Geselligkeit war den Teilnehmern wichtig. "Zudem gelang es vielen, zwischenmenschliche Unterschiede zu überbrücken." Man könnte daraus schlussfolgern, dass es sich lohnt, in Gesprächen aktiv nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Denissen: "Genau genommen teilen Menschen ja auch viele Lebensbereiche, zum Beispiel die Erfahrungen mit dem Wetter, mit ruppigen Busfahrern, Enttäuschungen oder Hoffnungen." Es kommt eher auf die Motivation an, solche Gemeinsamkeiten zu "entdecken", aktiv nachzufragen und Interesse zu zeigen. "Vermutlich schaffen sich Menschen daher gemeinsame Lebensräume, indem sie zusammen Fußball spielen oder Serien anschauen, um sich dann darüber auszutauschen."
Will man andere besser verstehen und verstanden werden, so sei es wichtig, persönliche Situationen zu beschreiben, Gefühle und Gedanken auszutauschen, die über das Allgemeine hinausgehen. Geht der Gesprächspartner auf diese Gedanken ein, entsteht ein Gefühl von Nähe. Die Faszination für die Lebenswelt des anderen hat großes Gewicht. "Wir gehen davon aus, dass sich Leute, die mehr über ihr seelisches Leben reden, besser verstanden fühlen", so Denissen.

Im Vergleich zu diesem "Test mit Unbekannten" fand der Psychologe auch heraus, dass Menschen Probleme in sozialen Beziehungen mit Unterschieden in ihrer Persönlichkeit und der Intelligenz verbinden. "Wenn man zwei Bekannte getrennt befragt, hängen Persönlichkeitsunterschiede nicht damit zusammen, wie zufrieden sie mit der Beziehung sind," berichtet Jaap Denissen. "Frage ich sie jedoch, wie intelligent sie sich selber und ihre Bekannten halten, dann stellt sich heraus, dass die unterschiedlichen Intelligenzen und die Beziehungsqualität zusammenhängen."

Das kann auch erklären, warum wir mit einer fremden Person im Zug ein anregendes Gespräch führen, während wir mit unserem Kollegen über Jahre hinweg nicht warm geworden sind.

INTERNET: www.psychologie.hu-berlin.de/per/

Illustration: kathi kaeppel, www.monogatari.de

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