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Wie die Stadt zur Metropole wird

Das Georg-Simmel-Zentrum erkundet Geschichte und Entwicklung urbaner Räume


„Wer die Welt verstehen will, muss in die Metropolen gehen“, so könnte das Leitmotiv des 2005 gegründeten Georg-Simmel-Zentrums (GSZ) für Metropolenforschung lauten. Während Anfang des 20. Jahrhunderts gerade einmal jeder zehnte Erdbewohner in einer Groß- oder Kleinstadt lebte, so prognostizierte die UNO bereits für das Jahr 2005, dass mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten zu Hause sein wird. Und ein Ende des Wachstums ist längst nicht in Sicht. Allein auf der Südhalbkugel wird sich die urbane Bevölkerung in den Städten in den kommenden 25 Jahren noch einmal verdoppeln. Mit welchen Folgen für menschliches Leben, Sein und Zusammensein in den Metropolen?

Metropolen sind eigenwillige Gebilde, Berlin zeigt dies exemplarisch: In der Nachwendezeit setzte der Senat verstärkt auf finanzintensive Bio- und Nanotech-Forschungen, mit Adlershof schuf er einen großen Hochtechnologiestandort. Unterdessen gedeiht seit knapp zwei Jahren ein äußerst erfolgreicher selbst organisierter Cluster der Design- und Modeindustrien im Bezirk Mitte. Wie geht man nun mit Nebeneffekten um? Was, wenn alteingesessene Bewohner verdrängt werden, soziale Schieflagen zunehmen und Lebensstile wie soziale Milieus aufeinander prallen?

Fragen wie diese an die Metropolen der Welt zu richten, ist das Programm des GSZ, in dem Geistes-, Sozial- wie Naturwissenschaftler zusammenwirken. Wissenschaftliche Institutionen, die sich explizit mit der Geschichte, der Entwicklung und der Bedeutung von Metropolen befassen, gab es in Deutschland bisher nicht. Das ist auch eine Folge der Tatsache, dass es im dezentralen Städtesystem Deutschlands – anders als etwa in Frankreich oder England – keine Stadt gibt, die in allen Bereichen der Gesellschaft die höchste Zentralität verkörpern würde.

Aber was charakterisiert eine Metropole und wie grenzt sie sich von der Großstadt ab? Metropolen zeichnen sich nicht nur durch Größe, transnationale Bedeutung und funktionale Reichhaltigkeit aus, mit ihnen ist auch ein bestimmtes Lebensgefühl verbunden. Als kulturelle Prismen gesellschaftlicher Entwicklung beeinflussen sie nicht zuletzt maßgeblich das Selbstbild eines Landes. Das Sein in der Stadt wird aber auch durch nüchtern zu messende Faktoren wie Luft, Wasser und Mobilität bestimmt, die die Qualitäten von Metropolen entscheidend prägen.

Das Metropolenverständnis des GSZ knüpft in zentralen Punkten an die Arbeit des Berliner Soziologen und Privatdozenten an der Berliner Universität, Georg Simmel, an, der 1903 einen Bahn brechenden Aufsatz mit dem Titel „Die Großstädte und das Geistesleben“ veröffentlicht hat. Wie kaum ein anderer hat dieser kurze Text das Denken zahlreicher Disziplinen über Wesen, Rolle und Bedeutung der Großstadt – und das war für Simmel: Berlin – für die Gesellschaft geprägt. Mit dieser Namensgebung soll nicht nur ein herausragender Wissenschaftler geehrt werden. Der Name ist auch Programm. Wesentliche, von Simmel entwickelte analytische Perspektiven sollen aufgegriffen und im Sinne einer interdisziplinären Metropolenforschung weiter entwickelt werden. Für Simmel war die Großstadt der Ort neuer gesellschaftlicher Organisation. Hier ordnete und sortierte sich die sodann urbanisierte Gesellschaft nach neuen Kriterien.

Das GSZ ist in zehn fachübergreifenden Forschungskreisen organisiert. Die Themen reichen von „Wissen, Kreativität, Innovation“ über „Metropolen in Osteuropa“ bis hin zu Fragen von Abwasser-, Wassermanagement und Geschichte der Stadthygiene im Forschungskreis „Wasser in der Stadt“. Bereits befasst hat sich das Zentrum mit dem Thema „Brennpunkte der Stadtentwicklung – der Fall Berlin“. An diesem Workshop nahmen im Sommer 30 nationale und internationale Graduierte aus den Bereichen Sozialwissenschaften, Planung, Architektur, aber auch Praxis und Verwaltung teil.

Viele Wissenschaftler des GSZ pflegen enge Beziehungen zu anderen wissenschaftlichen Einrichtungen im In- und Ausland. Ein Ergebnis dieser Kooperationen ist die Beteiligung des GSZ an der zweiten Runde der Exzellenzinitiative: Gemeinsam mit Stadtforschungs-Zentren der Technischen Universität Berlin und wissenschaftlichen Einrichtungen möchte das GSZ eine Berliner Doktorandenschule für Metropolenforschung einrichten. Dann könnte es bereits im Herbst 2007 heißen: „Wer die Welt verstehen will, muss nach Berlin gehen.“ Bastian Lange