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Rätsel der Sprache: Neues Interdisziplinäres Zentrum für sprachliche Bedeutung gegründet

Von Rainer Dietrich

„Haben Sie aufgehört, Ihren Hund zu schlagen?“ Sätze dieses Typus gelten als Paradebeispiel für Fangfragen. Ob der Angesprochene mit „Ja“ oder „Nein“ antwortet, allemal gibt er – ungewollt – zusätzlich Information preis. Das Beispiel illustriert besonders augenfällig eine von vielen komplizierten Beziehungen zwischen der Bedeutung einer Äußerung und Informationen in seiner Umgebung. Ein anderes Beispiel: Die Aufschrift „Badehosen verboten!“ wird einmal so, einmal anders interpretiert, je nachdem, ob sie an dem Zaun eines abgegrenzten Badestrandes oder am Eingang zu einer Kathedrale angetroffen wird. Auch poetische Effekte können auf der gewollten Verletzung von Kontexterwartungen beruhen: „Was mir am meisten auf der Welt zuwider ist, sind meine Eltern. (…) Vater Staat (…) Mutter Natur“ (Günter Eich).

Man muss in die Sprachforschung nicht weit eindringen, um zu lernen, dass die Kontextabhängigkeit wohlbekannt ist. Und nicht nur sind die Fakten bekannt; auch die derzeitige Antwort der Sprachwissenschaft darauf ist alles andere als originell. Die Beziehungen des Ausdrucks zu Informationen in seiner Umgebung realisieren sich erst bei der Verwendung von Sprache in der Kommunikation. Sie sind also nicht Bestandteil der Sprache. Die Sprache ist ein strukturiertes System aus sprachlichen Einheiten, aus Lauten, Wörtern und Sätzen und sie ist von der Sprachverwendung strikt zu unterscheiden. Ferdinand de Saussure, einer der Begründer der heutigen Sprachwissenschaft, gab den beiden Phänomenbereichen der menschlichen Sprachfähigkeit die Namen „langue“ (Sprachsystem) und „parole“ (Verwendung) und lehrte schon Anfang des 20. Jahrhunderts, dass es nicht möglich sei, System und Verwendung unter ein und demselben Gesichtspunkt zu vereinigen.

Nun ist in der jüngeren Vergangenheit das Phänomenen der Sprachverwendung intensiv beschrieben worden und zwar, wie es Saussure schon vorhergesehen hat, in der Psychologie und der Philosophie, sodann in der Informatik und den Neurowissenschaften. Gemeinsam haben Wissenschaftler aller vier Fachrichtungen auf diesem Gebiet noch nicht zusammengearbeitet. Geschlossen wird diese Lücke durch das neu gegründete Interdisziplinäre Zentrum für sprachliche Bedeutung (IZS) der Humboldt-Universität.

Wo sich die Befunde dieser Arbeit inhaltlich mit solchen der Semantikforschung in Verbindung bringen lassen, ergeben sich in der Regel verblüffende Beobachtungen und Einsichten. So wachsen die Chancen, durch die Zusammenarbeit von Philosophen, Kognitionspsychologen, Neurologen und Linguisten, auch folgendes Phänomen zu klären. Zu den vertrauten, bei näherem Bedenken aber durchaus rätselhaften Vorgängen der Sprachverwendung gehört, dass man einer Antwort, deren wörtliche Bedeutung zu der Frage in keinerlei Zusammenhang steht, dennoch die erfragte Information entnehmen kann. Ein altbekanntes Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie fragen einen Kollegen in einer anderen Firma nach der beruflichen Qualifikation eines seiner Kollegen, der sich auf eine Stelle bei Ihnen beworben hat, und Sie bekommen zur Antwort: „Er spielt gut Tennis.“ Wie erklärt es sich, dass Sie damit Ihre Frage als beantwortet betrachten können? Das Phänomen ist bekannt; die allgemeinen Bedingungen für derartige Folgerungen liegen aber weitgehend im Dunkeln.

Ein weiteres Beispiel, diesmal aus einem Kerngebiet der Semantik, der Wortbedeutungsforschung. Im Wortschatz einer Sprache gibt es Wörter, die inhaltlich in spezifischen Beziehungen stehen: oben – unten, Mütze – Hut etc. Linguistisch werden diese Beziehungen damit erklärt, dass die Bedeutungen der Elemente eines solchen Paares logisch verbunden sind: Aus „Das ist oben“ folgt „Das ist nicht unten“ und aus „Hans hat eine Mütze auf, Maria einen Hut“ „Maria und Hans haben eine Kopfbedeckung auf.“ Geht man der Frage nach, wie sich solche Beziehungen auf die Verwendung der Wörter auswirken, zeigt sich, dass sie sich in ihrer Verwendung gegenseitig hemmen. Die durch ein Bild ausgelöste Verwendung von Mütze wird durch ein zeitlich benachbartes Hören des Wortes Hut verzögert, ein Effekt, der bei zwei inhaltlich nicht verwandten Wörtern nicht auftritt. Rätselhafterweise tritt unter anderen Bedingungen – Lesen von Hut, dann lesen von Mütze – der umgekehrte Effekt auf, nämlich eine Beschleunigung in der Reaktion.

Über die geistigen Prozesse bei der Verwendung von Wörtern ist viel bekannt, und die Zusammenarbeit mit Semantikern verspricht aufschlussreiche Erkenntnisse über die inhaltliche Gliederung des Wortschatzes einer Sprache – und die entsprechende Komponente der Sprachbeherrschung des Menschen.

Ein letztes Beispiel aus dem Feld der maschinellen Informationserschließung. Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten an einem Projekt über die Verbreitung von Methangas in der Erdatmosphäre. Eines Tages entdecken Sie eine starke Zunahme der Konzentration über einem Waldgebiet von Venezuela. Die vorherrschende Theorie besagt, dass die Ursache dieser Erscheinung nicht bei den Pflanzen zu suchen ist, sondern in bakteriell ausgelösten Prozessen in Feuchtgebieten, bei großen Herden von Wiederkäuern etc.. Wenn Sie nun von Ihrem Arbeitsplatz aus in allen wissenschaftlichen Bibliotheken der Erde nach dem Zusammenhang von Pflanzen und Methangasproduktion fragen könnten und als Antwort alle einschlägigen Beobachtungen genannt bekämen, könnte das Ihre Arbeit spürbar voranbringen.

Nach den Erfahrungen in der Automatischen Informationserschließung ist unzweifelhaft, dass die Leistungsfähigkeit eines solchen Suchprogramms stark davon bestimmt ist, wie reichhaltig und relevant die qualitativen Informationen über sprachliche Merkmale (Syntax und Bedeutung) in der Textbasis sind, auf der das Suchverfahren aufbaut – und weiter lernt. Die Bemühung, die Relevanz von Eigenschaften einer Textbasis für die Erschließung des Inhalts neuer Texte genauer zu bestimmen, legt die Zusammenarbeit von Linguisten und Informatikern nahe.