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Humboldt ins 21. Jahrhundert übersetzen

Die Traditionen bewahren und aus der ambivalenten Geschichte lernen: Fünf Thesen zu einer Universitätsreform



Von Christoph Markschies

 

Manchmal gewinnt man den Eindruck, als ob die Gebrüder Humboldt zwar unverrückbar in Stein gemeißelt vor dem alten Hauptgebäude der gleichnamigen Universität sitzen und ihre Ideale bei feierlichen Ansprachen gern beschworen werden. Damit aber scheint der Bezug einer modernen Massenuniversität auf diese Figuren des neunzehnten Jahrhunderts auch erschöpft. Kluge Historiker haben zudem längst herausgefunden, dass die weit über Deutschland hinaus erfolgreiche Konzeption einer Reformuniversität Anfang des neunzehnten Jahrhunderts eher auf den Theologen Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834) zurückgeht und durch Wilhelm von Humboldt nur in ebenso einprägsame wie wirkungsvolle Vorlagen für die Politik gegossen wurde. Sein Bruder Alexander prägte Universität und Stadt ohnehin für lange Zeit mehr aus der Ferne, könnte eher als Student denn als Professor der Universität gezählt werden, besuchte er doch noch im hohen Alter Vorlesungen eines Chemikers und eines klassischen Philologen.

Michael Blumenthal, Direktor des Jüdischen Museums und ehemaliger Kurator der Humboldt-Universität, hat anlässlich seiner Verabschiedung zudem darauf hingewiesen, dass sich eine Universität, an der seine Vorfahren hätten konvertieren müssen, um Professoren werden zu können, nicht für eine bruchlose Anknüpfung an Traditionen oder gar eine naive Fortsetzung historischer Linien eignet. Zwischen der Universitätsgründung im Jahre 1810 und der Gegenwart stehen eben nicht nur allerlei prominente Wissenschaftler und Nobelpreisträger der Friedrich-Wilhelms-Universität, die in Form von Büsten, Bildern und Fotografien die Gänge des Hauptgebäudes Unter den Linden bevölkern. Unter ihnen ist auch der Antisemit Heinrich von Treitschke, der Blumenthals Vorfahren 1879/1880 die Konversion zur Pflicht machen wollte, oder der Agrarwissenschaftler Konrad Meyer, der Himmler seit 1940 die Pläne für eine „Germanisierung“ der eroberten Ostgebiete schrieb.

Für eine bruchlose Anknüpfung eignen sich die vielfach beeindruckenden, immer wieder aber auch erschreckenden Traditionen einer Universität in der Mitte Preußens und Deutschlands nicht. Sie müssen immer wieder übersetzt, angepasst und korrigiert werden: „Translating Humboldt into the 21st Century“ ist der Antrag überschrieben, mit dem sich die Humboldt-Universität zu Berlin um Fördermittel im Exzellenzwettbewerb des Bundes und der Länder bewirbt. Unter solchen Umständen vermögen sie aber auch in einer drastisch gewandelten und zugleich tief irritierten Universitätslandschaft Akzente zu setzen. Auf der anderen Seite gilt nämlich auch: Durch eine energische Übersetzung von Grundprinzipien der Berliner Universitätsreform zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts erhalten die merkwürdig technischen Vorstellungen von Universitätsreform unserer Tage wieder größeren geistigen Tiefgang.

Eine der Programmschriften gegenwärtiger Universitätsreform ist „die entfesselte Hochschule“ überschrieben und empfiehlt die Umgestaltung der Universitäten zu autonomen Einrichtungen. Sie sind der Wissenschaftlichkeit ebenso wie der Wirtschaftlichkeit verpflichtet. Wie man die Hochschule erfolgreich leitet, erläutert das Büchlein lang und breit. Was gute Wissenschaft ist und in einer Gesellschaft leistet, erfährt man eigentlich nicht. Es wird lediglich festgehalten, dass wissenschaftliche Qualität kontrolliert und gesichert werden muss und überall die Exzellenz das Profil dominieren soll. Ketzerische Frage: Was ist denn eigentlich Exzellenz? Und wer bestimmt die angesehenen Wissenschaftler, die als „peers“ die Qualität sichern sollen?

Eine Universität, die die Grundprinzipien der Berliner Universitätsgründung für das 21. Jahrhundert übersetzen und dabei aus den Erfahrungen ihrer ambivalenten Geschichte lernen will, muss sich um die zeitgemäße Interpretation von fünf grundsätzlichen Charakteristika exzellenter Wissenschaft kümmern: Sie muss erstens die enge Verbindung von Forschung und Lehre bewahren, also sicherstellen, dass auch schon die Bachelor-Studierenden keine abgestandenen Konserven, sondern Forschung auf aktuellem Stand vermittelt bekommen. Umgekehrt sollte es wieder selbstverständlicher werden, die Akzente der eigenen Forschung auch an der Lehre auszurichten. Bei der Einführung von Professuren, die als Lehr- oder Forschungsprofessuren besondere Schwerpunkte setzen und unentbehrlich sind, um die großen Mengen von Studierenden der Zukunft aufzunehmen, muss entsprechend darauf geachtet werden, dass keine reinen Lehrknechte oder völlig isolierte Gelehrte im heimischen Arbeitszimmer eingeführt werden.

Zweitens darf eine Universität in der Tradition der Berliner Universitätsgründung nicht in für sich selbst existierende Großbereiche – wie beispielsweise Natur- und Geisteswissenschaften – auseinanderreißen. Das große alte Ideal der Einheit der Wissenschaft lässt sich gewiss nicht so repristinieren, wie es die großen Berliner Philosophen des neunzehnten Jahrhunderts entwickelt haben. Aber wenn Philosophen von Neurologen lernen, was diese über Gehirn und Verstand zu sagen haben und Neurologen von Philosophen lernen, dass sich unter den Stichwörtern „freier Wille“ nicht nur ein Reiz-Reaktionsschema, sondern ein handfestes Definitionsproblem verbirgt, dann ist in einer solchen integrativen Lebenswissenschaft zeichenhaft wieder ein Stück Einheit der Wissenschaft realisiert, hat im interdisziplinären Dialog Gestalt gewonnen.

Drittens wird eine Universität in der Tradition der Gebrüder Humboldt so, wie diese ständestaatliche Hierarchien abbauten, energische Schritte beim Abbau überholter Hierarchien unserer Tage tun und beispielsweise die Benachteiligung von Frauen und die Zurückstufung des Nachwuchses so rasch als möglich zu beenden versuchen. Entsprechende Programme wurden früh an der Humboldt-Universität etabliert und sollen jetzt mit noch größerer finanzieller Unterstützung wirksam werden.

Viertens muss eine Universität, die sich vom Geist Alexander von Humboldts prägen lässt und ihn nicht nur als Steinbild vor ihren Toren zu stehen hat, sich noch intensiver um die Internationalisierung bemühen: Wenn an der so traditionsreichen Universität Oxford die englische Literatur durch einen Kollegen aus Italien vertreten wird, ist gar nicht einzusehen, warum in Berlin die Kandidatinnen und Kandidaten der Professuren für englische Literatur nur aus dem deutschen Sprachraum kommen sollen.

Fünftens beeindruckt bis heute, wie die Gründer der Berliner Universität in einer existentiell bedrohlichen Staatskrise Preußens Verantwortung für das Gemeinwesen übernommen haben.

Wenn man dieses Grundprinzip für die Gegenwart übersetzen will, müssen die Kontakte der Universität zu staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen, die sich in ihrer unmittelbaren Umgebung befinden, dringend intensiviert werden. Was steht auf der Tagesordnung des Bundestages im nächsten halben Jahr? Was sollte darauf stehen? Eine Universität forscht auch dafür, dass am Reichstagsufer solide Politik getrieben und nicht gestümpert wird. Oder noch knapper formuliert: Humboldt – wir denken für sie.

Nur wenn die gegenwärtige Optimierung von Hochschulleitungen, Hochschulstrukturen und Verwaltungen auf diese Weise durch eine Neubestimmung der Aufgabe einer Universität in der Tradition der Berliner Universitätsgründung ergänzt wird, dann ist Humboldts Universität nicht tot. Wenn die Gründungsprinzipien der Berliner Universitätsreform für die Gegenwart wieder und wieder übersetzt werden, dann gelingt es vielmehr, das Original der modernen Reformuniversität wieder als die moderne Universität zu profilieren. Die Humboldt-Universität zu Berlin arbeitet daran. Auch im Wintersemester 2006/2007, das gerade beginnt.