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„Ein sinnvolles Wechselspiel“

Grundlagenforschung versus Vertragsforschung: Wie die Freiheit der Wissenschaft gewahrt wird. Im Gespräch mit Michael Linscheid, Vizepräsident für Forschung an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Herr Linscheid, der Begriff Auftragsforschung hat an deutschen Universitäten einen negativen Beigeschmack. Sehen Sie das auch so?

In der Tat, es gibt einen Beigeschmack. Auftragsforschung kann und darf nicht im Vordergrund an der Universität stehen. Wenn man gezielt Auftragsforschung macht, dann ist klar, in welche Richtung man zu gehen hat, der Auftraggeber gibt diese vor. Man löst bekannte Probleme mit im Wesentlichen bekannten Mitteln. Universitäre Forschung aber lebt davon, dass wirklich neue Fragen gestellt werden und neue Erkenntnisse herauskommen – von Grundlagenforschung also. Bei der Auftragsforschung ist die Möglichkeit, auf Neues zu treffen, stark eingeschränkt.

Die Vertragsforschung ist mit zehn Prozent in der Drittmittelstatistik der Humboldt-Universität vertreten, finden Sie diese Zahl beunruhigend?

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht gegen Auftragsforschung, im Gegenteil. Grundlagenforschung und Auftragsforschung können, mit unterschiedlichen Gewichten versehen, ein sinnvolles Wechselspiel ergeben. So erhält die Universität einen Anteil der vereinbarten Summe und auch der Rest fließt in die Kassen des Instituts oder der Forschergruppe. Das Geld bessert also unser knappes Budget auf, und diese Mittel können relativ frei eingesetzt werden. Natürlich gibt es auch bei Forschung im Auftrag gelegentlich neue Erkenntnisse, und es ergeben sich auch Fragen, die wir ohne den Praxisbezug nicht gesehen hätten.

Wie verläuft die Auftragsforschung idealerweise?

Optimal ist, wenn der Partner aus der Wirtschaft uns freie Hand lässt bei der Lösung der Probleme oder die Zusammenarbeit sogar in gemeinsame Publikationen mündet. Beispiele dazu habe ich persönlich als Professor für Angewandte Analytik erlebt. Vor allem aber sind Aufträge aus der Wirtschaft wichtig für unsere Studierenden und Promovierenden, die über solche Projekte Kontakte knüpfen und gegebenenfalls auf diesem Weg Arbeitsplätze in der Wirtschaft finden können.

Können Sie sich unter dem finanziellen Aspekt eine gezielte Ausweitung der Vertragsforschung vorstellen?

Es kann sein, dass dies aus rein finanziellen Gründen nötig ist. Wir haben beispielsweise eine Forschungskooperation mit der Deutschen Bank, die unter anderem eine Stiftungsprofessur finanziert. Das ist wunderbar, aber die Mittel sind notwendigerweise dort gebunden und helfen uns nicht, zum Beispiel unsere laufenden, sehr teuren Bauprojekte zu Ende zu führen oder anderswo eine vakante Professur zu bezahlen. Traumhaft ist, wenn wir Sponsoren finden, die sagen: Wir geben euch Geld, macht etwas Vernünftiges daraus, wir vertrauen euch.

Läuft es denn so?

In der Praxis geschieht dies leider zu selten. Ich höre von Kollegen, auch in den USA kann es für Universitäten zum Problem werden, dass sie zum Teil zwar über enorme Spendermittel verfügen, diese aber für bestimmte Projekte ausgeben müssen und über diese nicht frei verfügen können. Unter Umständen werden so Projekte finanziert, die nicht wirklich höchste Priorität haben. Um also Ihre Frage zu beantworten: Ja, Geld dazu verdienen ist sicher gut, aber wir dürfen dabei nicht unsere eigentlichen Aufgaben vernachlässigen. Unser eigentlich für die Gesellschaft relevantes „Produkt“ sind gut ausgebildete Studierende und Forscher, und das Werkzeug dazu ist die freie, fantasievolle Forschung, aus der in Zukunft Neues entsteht.

Nun schauen aber auch die staatlichen Geldgeber in Deutschland immer häufiger auf den Anwendungsbezug bei den Projekten, die sie finanzieren.

Das stimmt, und ich sehe darin durchaus eine große Gefahr für unsere Gesellschaft. Die Länder, die heute technologisch führend sind, wie beispielsweise Japan, haben ursprünglich mit angewandter Forschung angefangen. Aber um wirkliche Innovationen zu schaffen, ist Grundlagenforschung unerlässlich. Solche Länder sind in dem Moment stark geworden, wo sie das erkannt und Grundlagenforschung massiv gefördert haben. Wissenschaftler müssen drauflosforschen, kreativ und neugierig an Fragen herangehen können, ohne zu wissen, ob ein praktischer Nutzen darin liegen könnte. Heute werden daher Projekte in Anträgen anwendungsorientiert formuliert, auch wenn sich eigentlich Grundlagenforschung dahinter verbirgt. Wenn dann später Möglichkeiten der Anwendungen auftauchen, ist das optimal. Das sollte aber nicht das Ziel sein.

Sehen Sie einen Ausweg aus diesem Dilemma?

Es ist ein unschätzbarer Vorteil, dass wir in Deutschland die Deutsche Forschungsgemeinschaft haben, die vor allem Grundlagenforschung finanziert und nun sogar 20 Prozent „Overhead“, also frei verfügbares Geld, an die Universität gibt. Für Kooperationen mit der Industrie gibt es spezielle Institutionen wie beispielsweise die Fraunhofer-Gesellschaft. Wir als Universität müssen genau hinschauen, damit uns die Freiheit der Forschung nicht aus der Hand genommen wird. Es ist schon eine manchmal schwierige Gratwanderung.

Das Gespräch führte Ljiljana Nikolic.