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Psychologie des Mülls

Studien zum „Littering“: Warum Menschen Abfälle liegenlassen und was Bürger von ihrer Stadtreinigung erwarten

Wer hat sich selbst nicht schon einmal dabei erwischt: Die Verpackung vom eben verspeisten Hamburger wird achtlos auf der Parkbank liegengelassen, die Zigarettenkippe in die nächste Ecke geschnipst. Das kurz aufflammende schlechte Gewissen wird schnell verdrängt, schließlich kommt der Bus doch gerade und ein Abfalleimer ist nicht in Sicht. Das achtlose Wegwerfen oder auch Liegenlassen von kleinem Abfall heißt in der Fachsprache Littering.

HU-Psychologieprofessorin Elke van der Meer und ihre Mitarbeiter wollen mehr über die Motivation und Persönlichkeitsmerkmale von Litterern erfahren. Und sie wollen Maßnahmen entwickeln, mit denen Littering verhindert oder zumindest eingedämmt werden kann. Eine Studie zu diesem Thema wird zurzeit am Institut für Psychologie der Humboldt-Universität durchgeführt – im Auftrag der Kölner Stadtreinigung und weiterer zehn bundesdeutscher Stadtreinigungen, darunter auch die Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR).

Es ist nicht die erste Zusammenarbeit dieser Art zwischen den Stadtreinigungsunternehmen und dem Institut für Psychologie der HU. Bereits vor vier Jahren wollte die BSR im Verbund mit sieben weiteren Großstadt-Unternehmen wissen, wie Sauberkeit in Städten wahrgenommen wird. Gefragt war, ob die Reinigung mit den Erwartungen der Bewohner übereinstimmt. Zwar führen die Stadtreiniger auch Kundenbefragungen durch, vertrauen aber oft nicht den Ergebnissen. „Die Befragten erfüllen mitunter unbewusst Erwartungen des Interviewers oder antworten normgerecht“, erklärt Elke van der Meer.

Um objektive Ergebnisse zur „Relevanz von Sauberkeitsmerkmalen“ zu erzielen, wurden von den Mitarbeitern des Instituts für Psychologie fünf empirische Untersuchungen im Labor und im öffentlichen Raum durchgeführt. Sie befragten Testpersonen nach Sauberkeitsmerkmalen, konfrontierten sie mit sprachlichem und Foto-Material und registrierten ihre Eindrücke mit Blickbewegungsmethoden. In einer Studie betrachteten und beurteilten die Probanden mit einer Blickbewegungskamera auf dem Kopf den Verschmutzungsgrad auf 55 Fotos. „Werden Dinge intensiv und lange mit den Augen fixiert, so ist das ein Zeichen, dass sie im Zentrum der kognitiven Verarbeitung stehen“, erklärt van der Meer.

In einer weiteren Studie bewegten sich die Probanden mit der Blickbewegungskamera an drei von der BSR ausgewählten Berliner Plätzen. Dabei wurden auch Bedingungen wie kalte Witterung, Lautstärke und Tageszeit mit einbezogen. Allerdings konnte kein Einfluss auf das Sauberkeitsurteil nachgewiesen werden. Mieses, graues Wetter lässt uns die Stadt nicht schmutziger empfinden als sie ist.

„Hundekot, herumliegender Müll, Sperrmüll, sowie eine zu geringe Anzahl von Papierkörben wurde einheitlich sehr negativ bewertet“, berichtet die Psychologin. Verstöße gegen die Sauberkeit fallen stärker ins Gewicht, wenn sie im eigenen engeren Wohnbereich, auf Gehwegen, an Haltestellen oder Spielplätzen bemerkt werden. Müll auf den Fahrbahnen tangiert die Städter dagegen weniger. Je älter die Probanden sind, desto kritischer fällt ihr Urteil aus. Auch legen Frauen größeren Wert auf Sauberkeit als Männer. Und Probanden aus Wohngebieten mit einem günstigen Sozialindex haben eine höhere Erwartung an die Arbeit der Stadtreinigung als Versuchspersonen aus Quartieren mit weniger günstigem Sozialindex.

Erstaunt waren die Forscher darüber, dass defekte beziehungsweise beschmierte Papierkörbe, ungepflegte Baumringe und Bepflanzungen übereinstimmend als weniger negativ beurteilt wurden. Unzufriedenheit mit der Sauberkeit beziehungsweise mit der Arbeit der Stadtreinigungen resultiert nicht nur aus der objektiven Verschmutzung der Stadt, sondern auch daraus, dass bestimmte Flächen wie Parks, Spielplätze oder der bauliche Zustand von Fahrradwegen, den Stadtreinigern zugeordnet werden, obwohl sie nicht in deren Verantwortung gehören. Auf einer Skala von eins (sehr gut) bis sieben (sehr schmutzig) erhielt Berlin für seine Sauberkeit in der Studie die Gesamtnote vier.

Obwohl in Berlin und in Frankfurt am Main, wo die Studie ebenfalls durchgeführt wurde, unterschiedliche Bedingungen herrschen, gibt es keine relevanten Unterschiede in den Ergebnissen. Die BSR hat aus der Studie eine Reihe von Konsequenzen für ihre tägliche Arbeit gezogen. Ein Beispiel dafür sind die Dog-Service-Stations, ein gemeinsames Projekt der Wall-AG und der BSR in zwei Berliner Pilotbezirken.

Für BSR-Marketing-Leiterin Birgit Nimke-Sliwinski haben sich durch die Kooperation mit den HU-Psychologen neue Perspektiven ergeben. In der BSR überwiege sonst der eher pragmatische Blick von Betriebs-, Ingenieur- und Naturwissenschaftlern. Jetzt habe das Unternehmen erstmals überlegt, wie es seine Ressourcen aufgrund der Kundenwahrnehmung effektiver einsetzen könne.

An der Folgestudie über die Litterer waren auch Studierende beteiligt. Sie haben „Mülltäter“ auf frischer Tat ertappt und zu ihrem Verhalten befragt. Keine leichte Aufgabe für die Nachwuchspsychologen, aber ein gutes praktisches Training in psychologischer Gesprächsführung.

Ljiljana Nikolic