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Quartiere unter der Lupe

Für eine gerechte und lebenswerte Stadt: Wie Soziologen der Humboldt-Universität die Berliner Politik beraten. Von Hartmut Häußermann

Seit der deutschen Wiedervereinigung sind in Berlin etwa drei Viertel der Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe verloren gegangen. Die Arbeitslosigkeit ist insbesondere dort stark angestiegen, wo viele ehemalige Industriearbeiter wohnen. In solchen Quartieren verändert sich aufgrund sinkender Kaufkraft die Infrastruktur, das Angebot wird ärmlich und Läden stehen leer. Arbeitslose verlassen tagsüber nicht mehr das Quartier, Alkoholkranke und gelangweilte Jugendliche sind häufiger auf Gehwegen und in Parkanlagen anzutreffen, der öffentliche Raum erscheint unsicher.

Das alles ist für manche Haushalte ein Zeichen, dass es „abwärts geht“ – und sie ziehen weg. Das schlechte Image des Quartiers sorgt dafür, dass dann vor allem solche Haushalte nachziehen, die woanders keine Wohnung finden. Und so nährt sich die Spirale selbst, an deren Ende eine sehr hohe Konzentration von sozialen Problemlagen steht, eine starke soziale Segregation also.

Eine Stadtpolitik, die den Zielen der Chancengleichheit und der sozialen Fairness verpflichtet ist, darf gegenüber solchen Entwicklungen nicht tatenlos bleiben. Um entscheiden zu können, was wo getan werden kann oder muss, sind aber zuerst genauere Informationen darüber notwendig, wie sich die einzelnen Quartiere entwickeln. Und hier kommt die Auftragsforschung ins Spiel: Der Lehrstuhl Stadt- und Regionalsoziologie im Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität erhält seit über einem Jahrzehnt regelmäßig Forschungsaufträge der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Die Ergebnisse dieser Auftragsforschung liefern Informationsgrundlagen für Entscheidungen in der Stadtentwicklungspolitik. Unter anderem werden Daten aus der amtlichen Statistik analysiert. Sie müssen so aufbereitet werden, dass sich die Entwicklungen ablesen lassen, auf die politisch reagiert werden soll.

Die ungleiche Verteilung von sozialen Problemlagen in den Stadtteilen kann anhand von Indikatoren gemessen werden. Noch wichtiger aber ist es, die Entwicklung in den einzelnen Nachbarschaften zu beobachten. Es geht darum, sich abzeichnende Problemverschärfungen frühzeitig zu erkennen – und möglicherweise zu intervenieren. Das geschieht etwa im Rahmen des Programms „Soziale Stadt“ durch das Quartiersmanagement.

Die Stadtpolitik ist dafür auf genaue und verlässliche Informationen angewiesen. Die Auswahl der Indikatoren muss theoretisch begründet werden. Die Verarbeitung der Daten muss den Standards der wissenschaftlichen Forschung entsprechen. Die Datengrundlagen für Entscheidungen darüber, für welche Quartiere der Senat besondere Mittel bereitstellt – und damit auch darüber, wo er dies nicht tut – müssen unangreifbar sein.

Politische Neutralität ist dabei am ehesten gewährleistet, wenn diese Aufgabe an Wissenschaftler vergeben wird, deren Analysen jederzeit auch von Fachkollegen überprüft werden können. Das entlastet die Verwaltung und gibt dem Verfahren eine größere Legitimität. Dabei bleibt die Gutachter-Tätigkeit keineswegs ganz unpolitisch, denn die Empfehlungen für praktisches Handeln, die in der Regel von der Auftragsforschung erwartet werden, können nicht ohne bewertendes Urteil gegeben werden. Sie bleiben aber gegenüber der Datenanalyse immer als solche erkennbar und damit auch für jedermann überprüfbar. Damit erfüllt die Forschung im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung klassische Aufgaben der Sozialwissenschaft.

Sozialwissenschaftliche Forschung findet an den Universitäten in drei Formen statt: als Grundlagenforschung, finanziert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder durch eine private Stiftung, sowie als „Lehrforschung“, das heißt in kleineren Projekten, die gemeinsam mit Studierenden durchgeführt werden. Schließlich gibt es die Auftragsforschung, die eine konkrete Fragestellung für einen bestimmten Auftraggeber bearbeitet und diesem auch die Verfügung über die Ergebnisse überlassen wird. Das gilt allerdings nur für einen gewissen Zeitraum. Denn das Prinzip der Veröffentlichung von Methoden und Ergebnissen ist für die Wissenschaft in einer Demokratie von grundlegender Bedeutung.

Zurück zum Beispiel der Forschung rund um das Quartiersmanagement: In der Stadtentwicklungspolitik geht es um die Funktionsfähigkeit der komplexen Großstadt, um die Herstellung von Voraussetzungen für wirtschaftliches Wachstum, um gesunde Lebensbedingungen – und um die Sicherung des sozialen Zusammenhalts in der Stadt. Dies bedeutet, dass die Stadtpolitik alles tun muss, was in ihrer Macht steht, damit sich die Lebensbedingungen in den verschiedenen Stadtteilen nicht allzu weit auseinander entwickeln.

Das ist für den Großteil der Stadt so lange kein besonderes Problem, wie diese sozialräumliche Polarisierung nicht zu starken politischen Spannungen führt. Die Gefahr ist, dass sie sich in gewaltförmiger Rebellion entladen, wie es in den französischen Vorstädten in gewissen Abständen geschieht. Die Stadtentwicklungspolitik soll dafür sorgen, dass es gar nicht erst soweit kommt. Das ist aber nur ein Aspekt. Zusätzlich verdüstern sich die Lebenschancen von Bewohnern solcher Quartiere, in denen vor allem Marginalisierte und Ausgegrenzte wohnen, durch diese Konzentration zusätzlich.

Quartiere mit hoher Armutsquote machen ihre armen Bewohner ärmer, weil die sozialen Beziehungen zur integrierten Gesellschaft dünn geworden und damit die Chancen für soziale Teilhabe gesunken sind. Insbesondere für Kinder und Jugendliche entstehen dauerhafte Nachteile, wenn sie in einem Milieu aufwachsen, in dem sie nur noch Arbeitslosen begegnen. Damit fehlen ihnen die Vorbilder eines gelungenen Lebens. Wenn Resignation und Apathie vorherrschen, versammeln sich in den Schulen dann vor allem die „Loser“.

Die oben beschriebenen Projekte der Auftragsforschung geben jungen Absolventen die Möglichkeit, erste Erfahrungen in der Praxis der politisch relevanten Sozialforschung zu machen – bei allerdings sehr niedriger Bezahlung. Dies ist nur deshalb zu akzeptieren, weil hier Forschung und Praxis in politisch relevanten Analysen zusammenarbeiten und damit einen Erfahrungsraum schaffen, den kein Studienprojekt simulieren kann. Auf dem Arbeitsmarkt sind die damit verbundenen Arbeitsverträge dem Bereich prekärer Beschäftigung zuzuordnen. Aber die gewonnenen Erfahrungen sind ein Pfund, mit dem sich bei der zukünftigen Arbeitssuche wuchern lässt.

Mit dem normalen Lehrbetrieb, der in universitären Instituten natürlich nicht durch Auftragsforschung vernachlässigt werden darf, sind nur Aufträge in kleinerem Umfang vereinbar. Die typischen Auftragnehmer von Ministerien und öffentlichen Verwaltungen sind die kommerziellen Forschungsunternehmen. Diese arbeiten in der Regel in großer Distanz zur universitären Forschung, und ihre Forschungsergebnisse sind auch nicht immer öffentlich zugänglich oder nachprüfbar.

Dabei wird in der Auftragsforschung ein enormes empirisches Wissen angesammelt, das auch für die Grundlagenforschung von hohem Nutzen wäre. Die wachsende Ökonomisierung des Verwaltungshandelns und die damit verbundene, immer stärker um sich greifende finanzielle Verwertung von amtlichen Daten verschärfen aber die Kluft eher.

Der Autor ist emeritierter Professor für Stadt- und Regionalsoziologie an der Humboldt-Universität.