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„Würdest Du es auch so sagen, wenn die Person anwesend wäre?“

Wie agieren Studierende oder Wissenschaftler:innen am besten in den sozialen Medien? Wie reden wir eigentlich miteinander? Und welche Rolle spielt die Wissenschaft in aufgeheizten gesellschaftlichen Debatten? Ein Gespräch über Umgangsformen mit Dr. Romy Jaster und Prof. Dr. Geert Keil vom Institut für Philosophie der Humboldt-Universität.
Dr. Romy Jaster

Dr. Romy Jaster, Foto: Matthias Heyde

Frau Jaster, Herr Keil, Sie haben in der ZEIT Kritik am neuen Netzwerk zur Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit geäußert, zu dem sich 70 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammengeschlossen haben. Was irritiert Sie an diesem Projekt?

Romy Jaster: Die Netzwerker beklagen in ihrem Manifest einen Konformitätsdruck, der wissenschaftliche Debatten angeblich immer öfter im Keim erstickt. Wir halten diese Diagnose für überzogen. Es stimmt schon, dass Veranstaltungen zu bestimmten Themen sehr scharf beobachtet werden. Und es stimmt auch, dass moralische Selbstgerechtigkeit einer guten Debatte abträglich ist. Wir sollten allerdings nicht übersehen, dass das zum Teil übersteuerte Effekte davon sind, dass der Diskurs pluraler geworden ist. Es werden heute vermehrt die Anliegen von Gruppen verhandelt, die gesamtgesellschaftlich nach wie vor marginalisiert sind. Diese besondere Diskurssituation fällt in der Analyse der Bedrohungslage regelmäßig unter den Tisch.

Geert Keil: Ich bin auf Lebenszeit verbeamtet und denke, dass ich kein Recht auf Dünnhäutigkeit habe, auch nicht in aufgeheizten Debatten. Es ist die Aufgabe der Akademie, auch solche Debatten wieder in erkenntnis- und aufklärungsorientierte Bahnen zu lenken. Wenn ich mit Studierenden konfrontiert bin, die die Grenzen des Diskutierbaren anders ziehen als ich selbst, dann erinnere ich mich daran, wie stark sich moralische und politische Einschätzungen im Laufe eines Lebens verändern können. Und wir können nirgends ablesen, wo die Grenze zwischen diskutierbaren und nicht diskutierbaren Positionen verläuft. Das muss immer neu ausgehandelt werden.

Sie sagen, als Streit über die Grenzen der Wissenschafts- oder der Redefreiheit sei diese Kontroverse falsch gerahmt. Warum ist das der falsche Rahmen?

Keil: Unsere Perspektive ist die der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Uns stellt sich beispielsweise die Frage, welche Redner wir zu Veranstaltungen an die Universität einladen. Im Manifest des Netzwerks wird beklagt, dass politische Aktivisten die Einladung missliebiger Gastredner skandalisieren, um damit Druck auf die einladenden Kolleginnen und Kollegen auszuüben. Diese Fälle gibt es leider, aber sie sind als Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit nicht richtig beschrieben. Rechtlich ist die Sache klar: Träger der Wissenschaftsfreiheit sind die, die Wissenschaft treiben. Sie dürfen zu Vorträgen einladen, wen sie für geeignet halten. Sie brauchen dafür keine Erlaubnis und auch keinen gesellschaftlichen Konsens. Die Proteste gegen bestimmte Einladungen sieht man am besten als unerbetene Ratschläge, die ihrerseits durch die Meinungsfreiheit geschützt sind. Kritisch wird es, wenn Externe sich direkt an Hochschulleitungen wenden und Absagen fordern. Auf diesem Ohr muss ein Präsidium stocktaub sein.

Wie wäre die Kontroverse besser gerahmt?

Jaster: Die entscheidende Frage ist, ob mit der Rechtsbelehrung schon alles Wichtige gesagt ist. Es könnte ja auch außerrechtliche Gründe geben, von der Einladung bestimmter Personen abzusehen. Wir argumentieren, dass es durchaus Gründe gibt, aus denen man sich für eine Einladung an die Uni disqualifizieren kann. Allerdings sind es andere als die, die üblicherweise angeführt werden. Einladungsgegner machen in der Regel die inhaltlichen Positionen der eingeladenen Personen geltend oder verweisen auf das Verletzungspotential dieser Positionen. Bei näherem Hinsehen sind diese Argumente aber kaum haltbar, denn die Universität schützt weder Rechtgläubigkeit noch Gefühle. Die Universität schützt etwas anderes, nämlich diejenigen intellektuellen Tugenden, die zu ihrer DNA gehören.

Das müssen Sie erklären.

     

         Geert Keil
         Prof. Dr. Geert Keil, Foto: Matthias Heyde

Keil: Wissenschaft sucht systematisch, methodisch kontrolliert und ergebnisoffen nach Erkenntnis. Daraus ergeben sich Diskurstugenden, die wir gebündelt als intellektuelle Redlichkeit bezeichnen können: sich an Belegen und Argumenten orientieren, bei Einwänden nicht das Thema wechseln, dem anderen nicht das Wort im Mund herumdrehen, Gegengründe in Betracht ziehen und dergleichen mehr. Diese Diskurstugenden gilt es zu schützen. Wer sie aktiv torpediert, sollte nicht in den Hörsaal eingeladen werden.

Jaster: Damit sind Demagogen ausgesperrt, aber nicht die Meinungsvielfalt. Man kann natürlich nicht immer vorab wissen, ob jemand nach den Regeln spielen wird. Deshalb ist es Aufgabe der Universitäten, Diskursräume so zu gestalten, dass die Tugenden der intellektuellen Redlichkeit eingefordert und auch durchgesetzt werden.

Wie kann das gelingen? Wir beobachten ja, dass die Empörungs-, Diffamierungs- und Beleidigungskultur in den sozialen Medien Einzug in den Diskursalltag der Hochschulen hält.

Jaster: Wenn einmal feststeht, welche Diskurstugenden verlangt sind, fallen einem eine Reihe von Vorgehensweisen ein: Sprecherinnen und Diskutanten müssen vorab auf die Anforderungen des Diskurses hingewiesen werden, Moderatoren müssen darin trainiert sein, auf die Einhaltung dieser Anforderungen zu achten, in der Rahmung der Veranstaltung müssen die Diskurstugenden explizit formuliert und kommuniziert werden, es sollte zu Beginn betont werden, dass es um das gemeinsame Unterfangen geht, eine schwierige Frage konstruktiv miteinander zu verhandeln, Ausfälle müssen klar benannt und sanktioniert werden, etc. Hier sehen wir noch viel Gestaltungspotenzial.

In der Politik, in den sozialen Medien, in den klassischen Medien geht es – etwas verkürzt gesagt – am Ende doch immer um die Deutungshoheit, weniger um Erkenntnis und Wahrheit. Was hat die Wissenschaft zu verlieren, wenn sie sich in den Strudel des Rechthabens hineinziehen lässt?

Keil: Der Philosoph Willard Van Orman Quine hat zum Rechthaben einmal geschrieben: »Unscientific man is beset by a deplorable desire to have been right. The scientist is distinguished by a desire to be right« [»Der unwissenschaftliche Mensch wird von dem bedauenswerten Verlangen geplagt, Recht gehabt zu haben. Der Wissenschaftler zeichnet sich durch das Verlangen aus, Recht zu haben.«]

Das ist schön gesagt, oder? Jeder will gern Recht haben, aber gerade Rechthaberei steht dem Rechthaben im Weg. Wer Recht haben will, muss sich ab und zu korrigieren. Die Wissenschaft hat durch ihre lange Erfahrung mit wissenschaftlichen Irrtümern auch die Einsicht in ihre eigene Fehlbarkeit kultiviert. Von diesem Ethos, um es einmal altmodisch zu sagen, können Politik und soziale Medien sich eine ganz dicke Scheibe abschneiden.

Die Humboldt-Universität und auch andere Hochschulen stoßen immer wieder einmal auf Situationen, in denen einzelne Mitglieder öffentlich in den sozialen Medien als Privatperson und als Träger einer öffentlichen und funktionalen Rolle – teils völlig inakzeptabel – entgleisen und die Unileitung zu Ordnungsrufen oder Disziplinarmaßnahmen aufgefordert wird. Eine interessierte Öffentlichkeit schaut dabei teils kopfschüttelnd, teils empört zu. Wie kann die wissenschaftliche Gemeinschaft dieser Entwicklung entgegenwirken?

Keil: Ich wundere mich schon, wie sich manche um Kopf und Kragen zwitschern. Ich sehe da auch keinen wesentlichen Unterschied zwischen Professorinnen/Professoren und Studierenden. Wir sprechen hier von erwachsenen Menschen. Jeder von uns kann im Strafgesetzbuch nachlesen, wie Beleidigung, Verleumdung und üble Nachrede definiert sind.

Jaster: Es gibt doch eine einfache Regel. Frage Dich bei allem, was Du über eine Person gerade eintippen willst: Würdest Du es auch so sagen, wenn die Person anwesend wäre?

Keil: Diejenigen, die sich massiv im Ton vergreifen, bekommen das in den sozialen Medien ja umgehend zurückgespiegelt. Der Kollege Joseph Vogl hat treffend von ballistischer Kommunikation gesprochen. Wer von sich weiß, dass er eine kurze Zündschnur hat, ist sicherlich gut beraten, sich davon fernzuhalten oder zumindest einen Filter einzubauen.

Die Frage war aber, was die Universität und was die wissenschaftliche Gemeinschaft gegen Entgleisungen tun können.

Keil: Von Aufforderungen zu Disziplinarmaßnahmen halte ich wenig. Die Universitätsleitung wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, Einzelne für anstößige Äußerungen zu sanktionieren. Sie darf sich auch nicht politisch instrumentalisieren lassen. So bleibt ihr nur die undankbare Rolle, Beleidigungen und Diffamierungen zu verurteilen – aus gegebenem Anlass, aber ohne Namensnennung. Das tut sie ja auch.

Jaster: Und die wissenschaftliche Gemeinschaft sollte das Feld der Öffentlichkeit nicht ihren radikalsten Vertretern überlassen. Ein Problem in den sozialen Medien ist ja, dass wenige besonders laute Stimmen überproportional stark gehört werden. Es wäre wünschenswert, dass mehr Wissenschaftler sich in den öffentlichen Diskurs einschalten, indem sie aufgeheizte Themen in besonnener Weise und in gemäßigtem Ton aufgreifen.

Zu den Personen

Dr. Romy Jaster ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Theoretische Philosophie an der Humboldt-Universität.

Prof. Dr. Geert Keil ist Professor für Philosophische Anthropologie an der Humboldt-Universität und Präsident der Gesellschaft für analytische Philosophie.

Gemeinsam haben Sie aktuell den Sammelband „Nachdenken über Corona Philosophische Essays über die Pandemie und ihre Folgen“ herausgegeben.

Das Interview führte Hans-Christoph Keller, Leiter Referat Medien/Kommunikation, Humboldt-Universität

Weitere Informationen

Wenn Sie mehr über Romy Jaster, Geert Keil und die Philosophie an der HU erfahren wollen, schauen Sie gerne in unsere Imagebroschüre „Wir sind Humboldt“ hinein.

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