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Abb.: Philipp Plum

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Landwirtschaft und Klimaschutz: Es reicht nicht, Ziele zu proklamieren

Die Stiftung Klimaneutralität hat das Gutachten „Klimaschutz im Agrar- und Ernährungssystem Deutschlands“ unter Beteiligung von zwei HU-Wissenschaftler*innen veröffentlicht: Prof. Dr. Harald Grethe und Ferike Thom vom Fachgebiet Internationaler Agrarhandel und Entwicklung am Thaer-Institut der Lebenswissenschaftlichen Fakultät. Im Interview erklären sie ihre Handlungsempfehlungen.

Frage: Die Bundesregierung verpflichtet in ihrem Entwurf eines neuen Klimaschutzgesetzes die Landwirtschaft zu einer deutlichen Reduzierung der Treibhausgasemissionen  - von 70 Mio Tonnen im vergangenen Jahr auf 56 Mio Tonnen im Jahr 2030.  Dennoch kritisieren Sie den Gesetzentwurf im heute veröffentlichten Gutachten - warum?

Harald Grethe, Foto:HUHarald Grethe: Das Ziel an sich ist gut. Aber es reicht ja nicht, Ziele zu proklamieren: Es zeichnet sich bisher nicht ab, dass dieses Ziel hinreichend mit adäquaten Maßnahmen und politischen Instrumenten unterlegt wird. So taucht z.B. im parallel verabschiedeten „Klimapakt Deutschland“ eine der zentralen Stellschrauben für eine Verringerung der Treibhausgasemissionen, „Verringerung des Konsums und der Produktion tierischer Produkte“, nicht einmal auf. Ebenfalls wird die Gestaltung einer vernünftigen Düngepolitik zur Verringerung der Stickstoffüberschüsse seit vielen Jahren verschleppt – wir haben heute, im Jahr 2021, noch nicht einmal das Ziel der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie für das Jahr 2010 erreicht. Außerdem fehlen Treibhausgas-Minderungsziele für 2040 und 2045. Und für die Reduktion der Emissionen aus der landwirtschaftlichen Bodennutzung, die mit nahezu 40 Mio. t noch zu den Emissionen aus der Landwirtschaft hinzukommen, gibt es überhaupt keine politischen Ziele.

Frage: Soweit Ihre Kritik - aber was sind Ihre konkreten Handlungsvorschläge- auch für die Zeit nach 2030?

Harald Grethe: Ein Ziel für 2045 formulieren - unser Vorschlag heisst 40 Mio. t für die Landwirtschaft und unter 10 Mio. t für die landwirtschaftliche Bodennutzung. Und natürlich Meilensteine auf dem Weg dorthin definieren, die zentralen Maßnahmen anpacken. Das sind drei: Die Stickstoffeffizienz verbessern, den  Konsum und Produktion tierischer Produkte verringern und Moore wiedervernässen. Das alles   mit wirksamen politischen Instrumenten unterlegen. Also einzelbetriebliche Stickstoffbilanzierung, Stickstoffsteuer, Ernährungsumgebungen gestalten, Moorschutzstrategie erarbeiten und umsetzen. Kurzum: Eine wirkliche Klimaschutzstrategie für das Agrar- und Ernährungssystem entwickeln und umsetzen, statt den Handlungsbedarf immer weiter in die Zukunft zu verschieben.

Frage: Die Diskussion um die Stickstoffdüngung gibt es nun schon seit Jahrzehnten. Was genau schlagen Sie als Lösung vor?

Ferike Thom; Foto: HUFerike Thom: Genau, die Diskussion ist nicht neu. Aber es gibt nach wie vor keine Instrumente, die die Stickstoffbelastung der Umweltmedien hinreichend reduzieren. Deswegen schlagen wir sowohl eine Bilanzierung und Begrenzung der Stickstoffüberschüsse auf Betriebsebene vor als auch eine Besteuerung von Stickstoff in mineralischen Düngemitteln. Die Bilanzierung ist das zielgenauere Instrument, da es auf die tatsächlichen Überschüsse abzielt. Allerdings braucht es einigen zeitlichen Vorlauf, bis diese Stickstoffbilanzierung eingeführt ist und Wirkung zeigt. Die Stickstoffsteuer ist unkomplizierter einzuführen und könnte die Überschüsse entsprechend schneller reduzieren. Das ist nicht nur aufgrund der Klimawirkung des entstehenden Lachgases nötig, sondern auch um die negativen Auswirkungen auf Gewässer, Biodiversität und Atemluft zu reduzieren.

Frage: Der zweiten Vorschlag - weniger Fleischkonsum - könnte heute schon umgesetzt werden. Wie wollen Sie Konsument*innen ganz praktisch erreichen?

Harald Grethe: Das ist angesichts bestehender Konsumgewohnheiten eine riesengroße Herausforderung – ein Kulturwandel. Als allererstes sollte die Politik den Mut aufbringen, eine Verringerung des Konsums überhaupt als politisches Ziel zu proklamieren. Und zwar ohne grundsätzliche Diskreditierung der Produkte: Die sind an sich nicht schlecht. Nur die Mengen sind  einfach zu hoch – unser Ernährungsstil ist global nicht kopierbar. Wir brauchen deshalb mehr, als nur die klassischen Informationskampagnen: Einen breiten Politikmix. Die öffentliche Gemeinschaftsverpflegung sollte vorangehen, auch in den Mensen der Universitäten, und den Anteil tierischer Produkte an der Gesamtversorgung verringern. Ebenfalls brauchen wir Bildungsangebote in Kitas und Schulen, am besten in Verbindung mit einer nachhaltigen und möglichst beitragsfreien Verpflegung. Wichtig wäre auch die Einführung eines staatlichen Klimalabels für Nahrungsmittel, um den Konsument*innen mehr Orientierung und damit letztendlich mehr Wahlmöglichkeiten zu eröffnen. Und schließlich brauchen wir den Mut, Preisanreize zu setzen - und die Gründe hierfür klar zu kommunizieren. Als ersten Schritt empfehlen wir die sofortige Ausnahme tierischer Produkte vom reduzierten Umsatzsteuersatz, also 19% statt 7%. Das ist alles nichts Neues: Ich habe bis 2020 in einem Wissenschaftlichen Beirat beim BMEL mitgearbeitet und wir haben entsprechende Vorschläge vorgelegt: Faire Ernährungsumgebungen gestalten.

Frage: Moore wiedervernässen - was hat es mit dieser Idee auf sich?

Harald Grethe: Moorböden umfassen knapp 7% der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Deutschland. Ihre trockene Nutzung verursacht aufgrund der Mineralisierung der Torfböden etwa 40% der gesamten Treibhausgas-Emissionen aus der Landwirtschaft und der landwirtschaftlichen Bodennutzung. Nochmal: Auf 7% der Fläche entstehen 40% der Emissionen! Hieraus folgt: Die Flächen sollten weitgehend wiedervernässt werden – aus volkswirtschaftlicher Perspektive ist das ganz eindeutig. Dann kann man aber keine traditionelle Landwirtschaft mehr betreiben, sondern die Flächen nur noch „nass nutzen“. So eine Transformation geht nur in enger Kooperation mit Flächeneigentümer*innen und -nutzer*innen sowie Bewohner*innen in Moorgebieten. Denen muss man alternative Einkommensmöglichkeiten eröffnen, z.B. durch Freiflächenphotovoltaik oder die Produktion nachwachsender Rohstoffe. Beides geht auf wiedervernässten Flächen. Aber wie schon an anderer Stelle gesagt: Die Politik scheut sich, die Herausforderung anzugehen und bisherige politische Entwürfe für eine Strategie werden der Herausforderung nicht annähernd gerecht. Genau wie beim Rückbau von Konsum und Produktion tierischer Produkte, haben die politischen Entscheidungsträger*innen also noch nicht einmal das relevante Ziel proklamiert: Weitgehende Wiedervernässung!

Frage: Warum genau halten Sie Freiflächenphotovoltaik auf Moor für so eine gute Idee?

Ferike Thom: Dass wir für eine wirksame Klimapolitik so schnell wie möglich von fossilen auf erneuerbare Energien umsteigen müssen, ist unbestritten. Wenn wir die freiwerdenden Moorflächen durch Photovoltaik nutzen, erreichen wir dieses Ziel schneller. Und wir können den Druck auf Flächen verringern, die eigentlich in der landwirtschaftlichen Nutzung oder im Naturschutz wertvoller wären.

Photovoltaik auf wiedervernässten Moorflächen hätte eine doppelt positive Wirkung für das Klima: Emissionen werden zum einen durch die Wiedervernässung vermieden, zum anderen durch die Bereitstellung erneuerbarer Energien. Das wäre quasi intensive Klimawirtschaft, etwas, das wir neben der Landwirtschaft und dem klassischen Natur- und Artenschutz als Nutzungsform dringend etablieren sollten. Dafür braucht es die entsprechende gesetzliche Flankierung, etwa durch eine Anpassung des EEG und im Planungsrecht.

Frage: Kurz zum Abschluss: Welche Wirkung erhoffen Sie sich vom heute veröffentlichten Gutachten?

Harald Grethe: Ich bin recht bescheiden, was die direkte Wirkung auf die Politik angeht. Politik ist ja zum Großteil nicht „schlecht informiert“. Sondern sie verfolgt häufig einfach Interessen der eigenen Klientel. Im Agrarsektor ist mein Eindruck zunehmend: Es sind eigentlich eher „vermeintliche“ Interessen, denn die Landwirtschaft gerät so zwischen die Räder. Die Agrarpolitik wird in Deutschland zunehmend getrieben von Verfassungsklagen, Klagen der Europäischen Kommission und Volksbegehren. Einerseits ist das zu begrüßen: Wo eine parlamentarische Demokratie schlecht funktioniert, braucht es Korrektive. Aber für Landwirt*innen ist das eine Achterbahnfahrt, weil der Transformationsprozess sprunghaft, in der Düngepolitik geradezu erratisch und ohne von der Politik klar formulierte Ziele verläuft. Die Unsicherheit im Sektor ist entsprechend groß. Das ist ja nicht nur im Klimaschutz so, sondern zum Beispiel auch in der Tierwohldebatte, wo wir jetzt sogar von einer breiten Stakeholderkommission getragene Empfehlungen haben, die Politik aber einfach nicht die Gestaltungskraft aufbringt, vor dem Wahlkampf in die Umsetzung zu kommen.

Feriike Thom: Ich hoffe, dass wir mit dem Gutachten klar machen können, was die richtigen Schwerpunkte einer wirkungsvollen Klimapolitik im landwirtschaftlichen Sektor wären – nicht nur unter den Fachpolitiker*innen, sondern auch in der interessierten Öffentlichkeit. Programmen, die die drei Stellschrauben Stickstoffdüngung, Reduktion bei den tierischen Produkten und Moorvernässung nicht aufgreifen, wird die Durchschlagskraft fehlen, die wir im Klimaschutz dringend brauchen.

Harald Grethe: Meine Hoffnung, dass wir mit diesem Gutachten dafür werben können, den gegenwärtigen Transformationsherausforderungen proaktiver zu begegnen, sowohl in der Landwirtschaft wie auch in der Politik. Ich meine, dass die Zeit reif ist für einen neuen gesellschaftlichen Grundkonsens: Wir honorieren als Gesellschaft die Landwirtschaft, finanziell wie auch in Form von Wertschätzung, für die Erbringung der Gemeinwohlleistungen, die wir haben wollen: Umweltschutz, Klimaschutz, Tierschutz. Der Preis dafür ist: Abschied vom gegenwärtigen Subventionssystem und proaktive Teilnahme an den gesellschaftlichen Nachhaltigkeitsdebatten. Ich meine, ein solcher Grundkonsens wäre diesen Preis wert!

Das Interview führte Frank Aischmann

 

Weitere Informationen

Gutachten „Klimaschutz im Agrar- und Ernährungssystem Deutschlands“

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