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"Humboldt-Rede zu Europa" von Bundeskanzlerin Angela Merkel

Mittwoch, 27. Mai 2009. Es gilt das gesprochene Wort.

Herr Präsident,
Exzellenzen,
lieber Herr Professor Nolte,
liebe Studentinnen und Studenten,
meine Damen und Herren!

Die Reihe der "Humboldt-Reden zu Europa" ist eine Institution. Und so danke ich Ihnen für die Einladung, heute im Rahmen dieser Reihe zu Ihnen zu sprechen.

Wenn ich mich hier im Auditorium Maximum umsehe, das Mobiliar aus den sechziger Jahren sehe, dann erinnere ich mich an meine eigenen Studienjahre zu Zeiten der DDR. Damals endeten unsere Schritte wenige Meter von hier.

Unvorstellbar erschien es uns, frei in den Westen reisen zu können und die Europäische Gemeinschaft von innen kennenzulernen. Und doch feiern wir in diesem Jahr bereits den zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls. Eine ganze Generation ist mittlerweile aufgewachsen, ohne das geteilte Deutschland und das geteilte Europa selbst erlebt zu haben.

In diesem Jahr feiern wir auch 5 Jahre Osterweiterung der Europäischen Union. Es ist erst wenige Jahre her, dass die Europäische Union 120 Millionen neue Bürgerinnen und Bürger dazugewonnen hat.

Ich habe oft mit meinem Freund Donald Tusk, dem polnischen Ministerpräsidenten, über diese Veränderungen gesprochen: über den Anteil, den die Gründung der freien Gewerkschaft Solidarnosc in Polen für den Weg Ostdeutschlands und ganz Mittel- und Osteuropas in die Freiheit gehabt hat. Mutige Menschen in Polen, in Ungarn, in der Tschechoslowakei und dann in der DDR haben das Tor zur Überwindung der deutschen Teilung und der Teilung Europas aufgestoßen.

Wenn ich daran denke, was in den letzten Jahren in Europa geschehen ist, dann fühle ich genau das, was wir zum 50. Jahrestag der Römischen Verträge in der sog. "Berliner Erklärung" vom 25. März 2007 erklärt haben - ich zitiere: "Wir Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union sind zu unserem Glück vereint." - Ende des Zitats.

Ja, wahrlich zu unserem Glück vereint. Auch mein persönlicher Lebensweg hat sich durch die Überwindung der Teilung unseres Kontinents völlig verändert. Vielleicht wäre ich heute noch Physikerin in Berlin Adlershof, wo heute die naturwissenschaftlichen Fakultäten der Humboldt-Universität angesiedelt sind.

Stattdessen darf ich als Bundeskanzlerin des wiedervereinigten Deutschlands die Europäische Union von innen mitgestalten. Welch' eine Veränderung!

In diesem besonderen Jubiläumsjahr sehen wir: Wandel, Veränderung zum Guten ist möglich. Er wird von mutigen Menschen gemacht. Und die Kraft der Freiheit ist ihr Antrieb. So war es auch am Beginn der europäischen Einigung. Mutige Menschen haben tiefe Gräben überwunden und eine friedliche neue Ordnung aufgebaut.

Für mich lag und liegt das Eigentliche der Europäischen Union in ihrer Verbindung aus gemeinsamen Grundwerten, einer verlässlichen Rechtsordnung und Wohlstand für alle.

Europapolitik ist selbstverständlicher Teil unserer Innenpolitik geworden. Für die wöchentlichen Kabinettsitzungen habe ich 2007 zu Beginn unserer EU-Ratspräsidentschaft eingeführt, dass wir uns in jeder Kabinettsitzung mit aktuellen Fragen der Europapolitik beschäftigen. Das haben wir auch nach Ende der deutschen EU-Ratspräsidentschaft beibehalten. Und es zeigt sich: Es gibt jede Woche vieles zu entscheiden, denn die Europäische Union wird immer stärker zur politischen Antwort auf die großen Herausforderungen unserer Zeit.

Meine Damen und Herren,

bei meiner politischen Arbeit in der Europäischen Union und für die Idee der europäischen Einigung leiten mich vier Prinzipien deutscher Europapolitik:

Erstens: Das Eintreten für deutsche Interessen in Europa und der Blick für das Ganze. Das sind zwei Seiten ein- und derselben Medaille.

Deutschland hat die europäische Einigung stets als Teil seiner Staatsräson begriffen. Das war schon 1949 im Grundgesetz so angelegt. In der Präambel bekennt sich die Bundesrepublik dazu - ich zitiere: "als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen". - Ende des Zitats.

Und in Artikel 24 GG, Abs. 2 heißt es - ich zitiere: "Der Bund kann sich zur Wahrung des Friedens einem System gegenseitiger kollektiver Sicherheit einordnen; er wird hierbei in die Beschränkungen seiner Hoheitsrechte einwilligen, die eine friedliche und dauerhafte Ordnung in Europa und zwischen den Völkern der Welt herbeiführen und sichern."- Ende des Zitats.

Deutschland war stets ein starker Anwalt der Erweiterung der Europäischen Union um die Staaten Mittel- und Osteuropas, nicht zuletzt auch deshalb, weil Deutschland selbst das Glück der Wiedervereinigung in Freundschaft mit seinen Nachbarn erfahren durfte.

Deutschland ist mit den Erweiterungen von 2004 und 2007 in die Mitte der Europäischen Union gerückt: Endlich sind aus den östlichen Nachbarn Freunde und Partner geworden.

Wie versteht sich Deutschland nun in der Europäischen Union?

Zuerst einmal diese Feststellung: Viele Bilder stimmen nicht. Dazu gehört zum Beispiel, Deutschland ausschließlich als sog. "Zahlmeister" der Europäischen Union zu beschreiben.

Natürlich, es ist richtig: Jede Deutsche und jeden Deutschen kostet die EU-Mitgliedschaft im statistischen Durchschnitt 263 Euro jährlich. Zum Vergleich: In den Bundeshaushalt zahlt jeder Deutsche 2678 Euro ein [jeweils brutto, 2007].

Denn Deutschland gehört als wirtschaftsstärkster Mitgliedstaat zu den Nettozahlern der Europäischen Union. Aber richtig ist auch: Deutschland profitiert auch überdurchschnittlich vom EU-Binnenmarkt. Und wir bekommen Geld zurück: Die neuen Bundesländer zum Beispiel haben in den letzten 6 Jahren allein 29 Mrd. Euro Strukturfondsmittel erhalten. Dies zeigt: Eine Betrachtung der Europäischen Union, die allein die Finanzflüsse in den Blick nimmt, wird der Bedeutung der europäischen Einigung für unser Land in keiner Weise gerecht.

Und noch etwas wird mit dem Wort vom Zahlmeister verzerrt beschrieben, übrigens auch mit dem an sich gut gemeinten Wort vom Makler: Damit wird suggeriert, dass Deutschland keine oder jedenfalls zu wenig eigene Interessen in Europa vertritt. Ich brauche sicher nicht zu betonen, dass das Gegenteil der Fall ist. Aber wir tun dies nicht mit dem Kopf durch die Wand, sondern immer mit einem Bewusstsein für das Ganze.

Denn schon aus unserer geographischen Mittellage, unserer Wirtschaftskraft und aus unseren geschichtlichen Erfahrungen resultiert eine Rolle in Europa, die viele unterschiedliche Interessen in den Blick nimmt und als deutsche Position bündelt. Die vielfältige deutsche Wirtschaftsstruktur - klassische Industrie, Hochtechnologie, aber auch Landwirtschaft - macht uns oft ganz zwangsläufig zu einem verständigen Vermittler unterschiedlicher wirtschaftlicher Interessen.

Eine besondere Rolle spielt dabei unser besonderes, enges und freundschaftliches Verhältnis zu Frankreich, dessen Bedeutung vor 1989 wie auch nach dem Fall der Mauer zentral für die Arbeit in Europa ist. Ich arbeite gerne und intensiv mit Präsident Nicolas Sarkozy zusammen. Noch immer ist eine gemeinsame deutsch-französische Initiative die beste Gewähr dafür, dass sich Europa auf Fortschritte einigt.

Meine Damen und Herren,

so also verstehe ich deutsche Europapolitik: Wir treten für unsere eigenen Interessen ein, und wir arbeiten zugleich darauf hin, eine Lösung für Europa in Zusammenarbeit mit den sog. größeren und kleineren Staaten, also mit allen, zu finden. Wie gesagt: Das sind zwei Seiten einer Medaille.

Solange ich in und für Europa arbeite, werde ich Trennungen und Spaltungen innerhalb der Union entgegenarbeiten. Besonders deutlich wurde dieses Verständnis unserer Europapolitik zuletzt natürlich in den Verhandlungen zum Vertrag von Lissabon.

Nahtlos führt mich dies zum zweiten Prinzip, das meine Europapolitik leitet: Zur Vertiefung der Europäischen Union der 27 Mitgliedstaaten, die Vorrang vor einer schnellen Erweiterung hat.

Profan gesagt: Es geht schlicht und einfach um die Handlungsfähigkeit der Europäischen Union. Mit 27 Mitgliedstaaten hat die Europäische Union eine stattliche Größe erreicht. Das kann niemand bestreiten.

Und bestreiten kann auch niemand, das das ganz praktische Konsequenzen hat. Stellen Sie sich nur einmal vor, wie lange die Sitzung des Europäischen Rates dauert, wenn jeder der 27 Staats- und Regierungschefs sich zu jedem Tagesordnungspunkt auch nur einmal zu Wort meldet.

Da ist ein Vorsitz gefragt, der für eine gute Vorbereitung und straffe Sitzungsführung sorgt. Um schon allein das zu schaffen, brauchen wir den Vertrag von Lissabon. Er wird dem Europäischen Rat einen Präsidenten geben, der für zweieinhalb Jahre die Interessen bündelt und für mehr Kontinuität in der Arbeit des Europäischen Rates sorgt.

Der Vertrag von Lissabon wird auch das Europäische Parlament, das wir am 7. Juni neu wählen, als Mitgesetzgeber aufwerten und damit die Demokratie in der Europäischen Union stärken. Er wird auch die Zuständigkeiten der EU besser beschreiben und die Rolle der nationalen Parlamente stärken.

Ich rufe alle politisch Verantwortlichen auf, das Ratifikationsverfahren so rasch wie möglich abzuschließen. Und ich vertraue darauf, dass die Iren sich für Europa entscheiden. Der Vertrag soll, wie die 27 Mitgliedstaaten im Dezember vergangenen Jahres beschlossen haben, noch in diesem Jahr in Kraft treten. Ich setze darauf, dass uns das gelingt. Dann haben wir ein gutes Fundament für eine Europäische Union, die ihre Verantwortung in der Welt wahrnehmen kann.

Meine Damen und Herren,

ich sagte es: Spaltungen in Europa sind mit mir nicht zu machen. Das ist im Übrigen auch der Grund, warum ich den oft nicht zu Ende gedachten Forderungen nach verstärkter Koordinierung der Wirtschaftspolitik in Europa entgegentrete, wenn sie auf die Eurogruppe zielen.

Wir sollten nie vergessen: Der einheitliche Binnenmarkt aller Mitgliedstaaten - also von Euro- und Nicht-Euro-Staaten - ist das Fundament unserer Union. Der Rat der 27 Finanzminister muss deshalb die entscheidende Rolle bei der Koordinierung der Wirtschaftspolitik spielen, wie es in den Verträgen vereinbart ist.

Wenn ich deutlich mache, dass es keine Trennungen im Innern geben darf, füge ich hinzu: Darauf sollten wir auch in unserem Außenverhältnis achten. Europa darf sich niemals selbst spalten oder spalten lassen. Eine Situation wie im Irakkrieg im Jahre 2003 darf sich nicht wiederholen.

Dass Europa gerade in dieser Frage dazugelernt hat, haben wir im Sommer letzten Jahres gesehen, als die Europäische Union unter französischer Ratspräsidentschaft im Georgienkonflikt mit einer einheitlichen Haltung maßgeblichen Einfluss auf die Einstellung der Kampfhandlungen genommen hat.

Damit kein Missverständnis entsteht: Auch wenn ich die Notwendigkeit betone, dass die Europäische Union handlungsfähig sein muss, schließe ich weitere EU-Beitritte selbstverständlich nicht aus. Das kann und will ich auch gar nicht. Aber die Erweiterung wird nicht in dem Tempo geschehen können, wie sich das manche vorstellen. Damit Europa aber keine abgeschottete Einheit wird, brauchen wir eine intensive Nachbarschaftspolitik. Sie ist zwingend erforderlich, um in Zeiten der Globalisierung unsere Werte von Freiheit, Menschenwürde, Demokratie und sozial verpflichteter Wirtschaft behaupten zu können.

Mein drittes Prinzip lautet deshalb:

Wir müssen uns das Unvergleichliche der Europäischen Union bewusst machen.

Ich weiß, dass bei den "Humboldt-Reden zu Europa" häufig über einen sog. "idealen Endzustand" der Europäischen Union diskutiert wurde.

Ich sage Ihnen offen: Ich halte wenig von diesen Finalitätsdebatten. Sie tragen meines Erachtens eher dazu bei, dass die Bürgerinnen und Bürger kein echtes Vertrauen in die Europäische Union der Gegenwart entwickeln können.

Statt über Fernziele zu sprechen, sollten wir stattdessen die jeweils politisch notwendigen nächsten Schritte in den Blick nehmen.

Dazu gehört, dass ich mich seit langem für die möglichst präzise Klärung der Verfasstheit der Europäischen Union einsetze. Der Vertrag von Lissabon ist das Ergebnis dieser Bemühungen.

Die Europäische Union hat ein modernes Verständnis ihrer Vertiefung entwickelt. Sie ist kein Staat; sie soll auch keiner werden. Vermeiden wir deshalb soweit wie möglich Analogiebildungen zum Staatsrecht und begreifen wir die Europäische Union als etwas wirklich Anderes, als etwas Unvergleichliches.

Das heißt konkret: Auf der Basis gemeinsamer Werte entscheiden die Mitgliedstaaten als Herren der Verträge von Fall zu Fall, welche Aufgabe in Europa besser für alle Mitgliedstaaten gelöst werden kann, als wenn wir es nationalstaatlich täten, und welche nicht.

Wenn wir so an die Dinge herangehen, dann wird der Blick auf das frei, was wir mit der europäischen Einigung heute bereits erreicht haben, und auf das, was als Nächstes zu tun ist. Das erfahren wir gerade in der aktuellen weltweiten Finanzkrise. Unzweifelhaft stellt die Wirtschaftskrise uns alle auf eine harte Probe. Aber wir sehen: Die Arbeitsteilung zwischen den Mitgliedstaaten und der Union funktioniert im Grundsatz gut.

Die Zuständigkeit für die Haushalts-, die Steuer- und die Sozialpolitik liegt aus guten Gründen bei den Mitgliedstaaten. Maßnahmen zur Stützung der Konjunktur, auch sog. Bankenrettungspakete, sind nationalstaatliche Aufgaben.

Die Europäische Union ist der notwendige Ordnungsrahmen, in dem die Mitgliedstaaten über ihre Handlungsoptionen entscheiden. Gerade der gemeinsame Binnenmarkt und seine Regelungen schützen uns vor Protektionismus zwischen den Mitgliedstaaten. Das ist für Deutschland als Exportnation von zentraler Bedeutung. Es ist nicht auszudenken, wie uns die weltweite Krise ohne Binnenmarkt und Euro getroffen hätte.

Dabei dürfen die Kriterien für die Mitgliedschaft im Euro-Raum nicht angetastet werden, genauso wenig wie die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank.

Meine Damen und Herren,

Vertrauen der Bürger in die Europäische Union stellt sich nur dann ein, wenn die Bürgerinnen und Bürger das sichere Gefühl haben, dass die Union der 27 Mitgliedstaaten heute - um es knapp zu sagen - gut funktioniert und wenn sie wissen, dass die Europäische Union auf der Basis gemeinsamer Werte arbeitet.

Und damit komme ich zum vierten Prinzip, das mir wichtig ist:

Wir müssen die Grundwerte der Europäischen Union als Kompass für neue Herausforderungen nutzen.

Erinnern wir uns: Am Anfang der europäischen Einigung standen folgende Richtungsentscheidungen:

-    Institutionelle Bande zwischen ehemaligen Kriegsgegnern so zu schmieden, dass Frieden in Europa dauerhaft herrschen kann;

und

-    Mechanismen der friedlichen Streitbeilegung so zu gestalten, dass vertrauensvolles und solidarisches Handeln dauerhaft möglich wird.

Und das ist auch heute noch so: Nicht allein der Euro und der Binnenmarkt halten die Europäische Union im Innersten zusammen. Es sind die gemeinsamen Werte, die unser solidarisches Handeln ermöglichen und die Ziele unserer gemeinsamen Politik formen.

Deshalb haben wir an einer Grundrechtecharta gearbeitet und unter deutscher Ratspräsidentschaft unsere gemeinsamen Grundwerte 2007 in der Berliner Erklärung gewürdigt. Wir setzen auf die Kraft der Freiheit. Indem wir auf die Kraft der Freiheit setzen, setzen wir auf den Menschen. Er steht im Mittelpunkt. Seine Würde ist unantastbar.

Indem wir auf die Kraft der Freiheit setzen, erhalten wir die Voraussetzung für unsere Vielfalt. Wir haben gelernt, aus der lebendigen Vielfalt der Sprachen, Kulturen und Regionen das Beste für uns alle zu gewinnen und gemeinsam stärker zu sein als allein, als jeder für sich. Und zwar weil wir uns dabei auf die Eigenschaft besonnen haben, die für mich die Seele Europas ausmacht: die Toleranz.

Nur ein Europa, das diese Seele kennt und sich mit ihr seiner Werte bewusst ist, kann ein starkes Europa sein. Unsere Einigkeit und unser Gemeinschaftsgefühl sind wertegebunden.

Nur ein Europa, das seine Werte auch im Handeln nach außen selbstbewusst vertritt, kann Respekt von anderen erwarten und glaubhaft eine führende Rolle in der Welt beanspruchen.

Wir sehen: Die Europäische Union wird durch das Spannungsverhältnis zwischen Einigkeit und Freiheit bestimmt und so erst lebendig.

Beide Elemente - die Einigkeit und die Freiheit - müssen wir zur Geltung und in ein neues Gleichgewicht bringen, damit Europa seine Rolle in der Welt spielen kann.

Welche Rolle soll das sein?

Zum einen den Friedensauftrag der Europäischen Union, der zu Beginn nach innen gerichtet war, nun auch nach außen gerichtet zu verstehen.

Machen wir uns klar: Die Europäische Union hat seit 1999 in über 20 zivilen und militärischen Missionen ihren Beitrag zu Stabilität und Sicherheit in der Welt geleistet. Durch die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik werden wir auch in Zukunft unsere Verantwortung in der Welt übernehmen.

Die Bedeutung gerade dieses Politikbereiches wird steigen. Dabei müssen wir noch hart arbeiten, um auf Basis notwendiger Komplementarität zu einer echten Zusammenarbeit zwischen NATO und EU zu finden.

500 Millionen Menschen in Europa können in einer Welt mit insgesamt 6 Milliarden Menschen manches bewegen. Gemeinsam haben wir die Chance, die Globalisierung unseren Werten entsprechend zu gestalten.

Nehmen wir dazu zum anderen den Klimaschutz: Unter deutscher EU-Ratspräsidentschaft ist es uns gelungen, bahnbrechende Beschlüsse für den Klimaschutz zu fassen, in der französischen Präsidentschaft wurden sie umgesetzt. Die Europäische Union ist auf diesem Gebiet weltweit Vorreiter. Wir sind dies aus Überzeugung und Verantwortung für die Welt und werden bei den Klimaverhandlungen in Kopenhagen im Dezember dieses Jahres diese Überzeugung einbringen.

Unspektakulär funktioniert in einem weiteren Feld abgestimmtes EU-Außenhandeln bereits ganz selbstverständlich: in der Handelspolitik. Der Handelskommissar spricht für die Union der 27. Mir ist wichtig, dass die Europäische Union in ihren Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zu Drittstaaten und beim Abschluss von Abkommen auch auf der Einhaltung von Menschenrechten besteht. Für mich sind Werte und Wirtschaftsinteressen keine Gegensätze, sie gehören untrennbar zusammen.

Gerade das macht im Übrigen auch die Stärke der Sozialen Marktwirtschaft aus, die im Vertrag von Lissabon als Grundlage der Europäischen Union gewürdigt wird - ich zitiere: "Die Union … wirkt auf … eine in hohem Maße wettbewerbsfähige soziale Marktwirtschaft, die auf Vollbeschäftigung und sozialen Fortschritt abzielt, … hin." (Art. 3, EUV) - Ende des Zitats.

Sie ist mehr als ein Wirtschaftssystem; sie ist eine Ordnung, in der sich Freiheit, Solidarität, Wettbewerb und Verantwortung verbinden. Der Staat ist Hüter dieser Ordnung. Gerade weil dies nicht überall durchgesetzt wurde, konnte die internationale Wirtschafts- und Finanzkrise entstehen.

Deshalb müssen wir die soziale Marktwirtschaft gegenüber anderen Macht- und Wirtschaftszentren der Welt als erfolgreiches Modell herausstellen und für die Umsetzung ihrer Prinzipien eintreten.

Nur vereint kann Europa seine Sozial- und Umweltstandards weltweit durchsetzen und für die Einhaltung der Menschenrechte eintreten.

Für jeden liegt doch klar auf der Hand: Gerade in der globalen Finanzkrise ist die Europäische Union der geeignete Rahmen, um unsere gemeinsame Position für die internationalen Verhandlungen festzulegen.

Jetzt werden die neuen globalen Spielregeln festgelegt. Europa muss diese mitbestimmen. Deswegen haben wir die Vorbereitung für den G-20-Gipfel in London am 2. April so organisiert: Die europäischen Teilnehmer am G-20-Prozess haben in Berlin am 22. Februar eine gemeinsame Position vorbereitet.

Diese Position haben dann alle 27 Staats- und Regierungschefs im März gemeinsam angenommen. Auf diese Weise haben wir Europäer beim Londoner Gipfel unsere wesentlichen Interessen durchgesetzt.

Ich setze mich dafür ein, dass wir auch den nächsten G-20-Gipfel, der im September stattfinden wird, im europäischen Rahmen vorbereiten.

In einem Satz: Wenn Europa die richtigen Lehren aus der weltweiten Krise zieht, einig ist und Führung übernimmt, werden wir alle gestärkt aus der Krise hervorgehen. Es gilt auch hier das Motto der deutschen EU-Ratspräsidentschaft von 2007: Europa gelingt gemeinsam.

Wir behalten dabei stets unser Ziel im Auge: Wir wollen auf der Grundlage von Wissen und Innovation der wettbewerbsfähigste und dynamischste Wirtschaftsraum der Welt werden. Dieses ambitionierte Ziel ist heute wichtiger denn je.

Diese Beispiele - Sicherheitspolitik, Klimaschutz, Soziale Marktwirtschaft - zeigen auch etwas anderes, das mir sehr wichtig ist, wenn es in Zeiten der Globalisierung um die Zukunft Europas geht: Die Aufgaben der Union wandeln sich. Was vor 50 Jahren eine vordringliche Aufgabe der Gemeinschaft war, muss dies nicht für immer bleiben. Die Union muss sich weiterentwickeln können.

Heute muss es nicht immer neue Kompetenzübertragungen geben. Wir brauchen auch nicht für jedes Problem neue Gesetzgebung, neue Agenturen oder neue Finanzmittel.

Es geht vor allem um den politischen Willen, einig und abgestimmt zu handeln. Ein starkes Europa ist für mich eine Europäische Union, die die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger und die Vielfalt der europäischen Länder und Regionen respektiert. Das heißt auch, dass sich das Handeln der Organe auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren muss.

Ein starkes Europa ist eine Europäische Union, die die Einigkeit der 27 nutzt, um durch gutes Beispiel Führungsstärke in der Welt zu zeigen, und zwar nicht gegen, sondern zusammen mit unseren Partnern weltweit, vorneweg im Übrigen heute wie zu Beginn in der transatlantischen Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika.

Europa kann in dieser Welt eine Führungsrolle einnehmen - dies wird aber nur geschehen, wenn wir dazu entschlossen sind und mit unseren Partnern weltweit unsere Werte konsequent als Kompass nutzen.

Wir haben uns im Innern geeinigt, den Frieden für unsere Bürgerinnen und Bürger gewonnen und dem ganzen Kontinent die Freiheit ermöglicht.

Jetzt müssen wir die Stärke unserer Einigung nach außen wenden und dabei die Freiheit im Innern bewahren. Damit wir unseren Beitrag für Frieden und Sicherheit in der Welt leisten können.

Dieses Europa der Einigkeit und Freiheit ist unser Europa. Es ist für mich ein großes Glück, es mitgestalten zu dürfen.

Vielen Dank.