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Der Reisende

In Russland war Humboldt ein Forscher unter vielen. Doch erst diese Route machte sein Werk komplett.

19000 Kilometer in acht Monaten durchquerte Alexander von Humboldt – fast sechzigjährig, aber noch rüstig – während seiner russisch-sibirischen Reise im Jahr 1829. Und fast alles war anders als auf seiner ersten großen Reise durch die spanischen Kolonien in Amerika. Dort reiste der Forscher mit einem Blankocheck des spanischen Königs, der ihm größte Handlungsfreiheit gewährte. Die Spielräume im Reich des Zaren Nikolaus I. waren dagegen eng gesteckt. „In Russland wurde Humboldt ein politischer Maulkorb verhängt. In den Vorverhandlungen mit dem russischen Finanzminister Georg von Cancrin musste er zusagen, dass er nicht über Land und Leute sprechen wird“, sagt Dr. Tobias Kraft, Arbeitsstellenleiter von „Alexander von Humboldt auf Reisen“, einem Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, in dem die Humboldtschen Reisemanuskripte und Nachlassbestände erforscht und in einer Edition wissenschaftlich erschlossen werden.

Lang gehegter Wunsch einer Asienreise

Humboldt ließ sich auf die vom Kaiser finanzierte Reise ein. Endlich bot sich dem Ausnahmeforscher die Möglichkeit, seinen lang gehegten Wunsch, Asien zu bereisen, zu realisieren. „Russland war wegen des Urals für ihn entscheidend, er wollte die geologischen Voraussetzungen verstehen, wollte wissen wie Gebirge entstehen und wie sie das Klima beeinflussen“, erklärt Kraft. Über Plattentektonik wusste man zu Humboldts Zeiten noch nichts. Die Klimatologie hatte in jener Zeit aber bereits einige Fortschritte gemacht, unter anderem durch Humboldts Modell isothermer Linien. Wie einige andere Wissenschaftler seiner Zeit beschäftigte er sich außerdem mit dem Erdmagnetismus. „Humboldt bemühte sich um eine systematische und umfangreiche Datenerhebung, die er im Laufe seiner Russlandreise verstetigte und zum Abschluss der Expedition im Rahmen einer großen Rede in Sankt Petersburg programmatisch verkündete“, so Kraft. Humboldts Ziel galt dem Aufbau eines europaweiten Netzwerks von Messstationen, die idealerweise Messungen synchron durchführen sollten. „Forschung wurde in dieser Zeit zunehmend kollaborativ, systematisch. Über Forschungsergebnisse wurde erstaunlich schnell und international in Wissenschaftsjournalen, Akademieberichten und Briefen kommuniziert.“

Russland sei wie Tegel

Die Reise gestaltete sich anfangs eher langweilig. „Russland ist wie Tegel, die triste Gegend des märkischen Sandes setzt sich tief nach Sibirien fort… Sibirien beginnt in der Hasenheide“, schrieb er klagend an seinen Bruder Wilhelm von Humboldt. Zu der enttäuschenden Ausbeute an Pflanzen kamen höfische Verpflichtungen, Empfänge, unter anderem in St. Petersburg, Moskau, Jekaterinburg hinzu, die Humboldts Geduld strapazierten und ihn von der Arbeit abhielten, die er wie in jungen Jahren rastlos betrieb. Begleitet wurde er von seinem Diener Johann Seifert und den Wissenschaftlern Christian Gottfried Ehrenberg und Gustav Rose, die er aus einer großen Bewerberschaft ausgesucht hatte. Mit von der Partie war auch der russische Begleitstab, der ihm helfen sollte und ihn gleichzeitig subtil kontrollierte. Immer wieder brach Humboldt aus der vereinbarten Route aus, was der russische Finanzminister tolerierte, um seine Forschung voranzutreiben.

Kritik zwischen den Zeilen

Spannend wurde die Reise für den preußischen Entdecker, als er in Tobolsk die Flucht ergriff und nicht wie vereinbart nach Moskau, sondern nach Ust-Kamenogorsk weiterreiste und das Altai-Gebirge besuchte. Kaiser Nikolaus hatte vor allem Interesse an Humboldts bergbaulichem Wissen. Es rührte aus der Zeit als er als junger preußischer Bergbaubeamter mit diversen Erfindungen und Verbesserungen auf sich aufmerksam machte. In Russland besuchte er Goldminen und Bergbauwerke. In seinen drei russischen Tagebüchern beschrieb Humboldt, wo es Gold, Silber oder Erze gab, tangierte hin und wieder die Arbeitsbedingungen. „Humboldts Tagebüchern sieht man die politische Bewachung an. Es gibt wenig kontemplative und narrative Passagen. Hin und wieder finden sich kurze politische, ethnologische und sozialkritische Notizen“, berichtet Kraft. „Themen wie die schlechten Arbeitsbedingungen der Landbevölkerung oder Misswirtschaft sind eher in seinen Briefen an den Finanzminister Cancrin oder seinen Bruder Wilhelm – dort natürlich offener ausgesprochen – zu finden. Cancrin erstattete er regelmäßig Bericht, auf die Kritik ging dieser aber nur halbherzig ein.“ „Das asiatische Reisewerk mit dem Titel ,Zentral-Asien’ ist eine disziplinär stärker abgegrenzte Analyse, ohne eigenständige ethnografische Studien und politische Analysen. Kritik an den bestehenden Verhältnissen wird höchstens angedeutet und erschließt sich erst zwischen den Zeilen. Im Kontrast zur Amerikareise entfaltet sich hier nicht der ganze Humboldt“, resümiert Kraft.

Ein Forscher unter Vielen

Das Werk enthält Untersuchungen über die Gebirgsketten und die vergleichende Klimatologie, beschäftigt sich mit Geologie und Geografie der Großregion. „Im Unterschied zur Amerikareise ist Humboldt hier kein Pionier, sondern ein Forscher unter vielen. Er liefert teilweise neue Fakten, trägt größtenteils zur Verbesserung des Wissensstandes bei. Aber er wird nur als einer unter vielen zitiert.“ Die Reise brachte nicht die großen wissenschaftlichen Durchbrüche wie jene durch Amerika. War der Aufenthalt in Russland deshalb weniger bedeutend? Tobias Kraft widerspricht: „Erst beide Reisen machen das wissenschaftliche Werk Humboldts verständlich. Humboldt hat immer geschrieben, dass der Blick auf die amerikanische Geographie, Geologie, Gesellschaft und Kultur nur ein Teil des gesamten Bildes sein kann. Die eurasische Forschungsreise verhilft ihm zu einem neuen, ganzheitlichen Naturverständnis. Erst beide Reisen erlauben den finalen Akt, das Schreiben des Kosmos.“

Autorin: Ljiljana Nikolic

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