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Der Vordenker

- oder was heute noch fasziniert

Was fasziniert eigentlich an Alexander von Humboldt, mehr als 150 Jahre nach seinem Tod? Nachdem es um diesen genialenwissenschaftlichen Allrounder längere Zeit ruhig geworden war, wird er heute als ein Prototyp modernen wissenschaftlichen Denkens gesehen und wie eine Ikone moderner Wissenschaft zelebriert, wenn nicht gar vereinnahmt. Faszinierend ist die Breite der Themen, mit denen sich der jüngere Humboldt-Bruder beschäftigte: Geologie, Geographie, Pflanzenreich, Tierwelt, Astronomie, Meteorologie und Klimatologie sind nur einige seiner wichtigsten Themenfelder. Berühmtheit erlangte er auch durch die von ihm inspirierten oder herausgegebenen Atlanten, mit denen er die thematische Kartographie revolutionierte, und durch seine Kosmosvorlesungen in den Jahren 1827 und 1828. Sie sind eine faszinierende Zusammenschau des Wissens im 19. Jahrhundert über das Erdsystem – angereichert und garniert mit klugen, wohldurchdachten naturphilosophischen, sozialen und ökonomischen Betrachtungen.

Von der fünfbändigen Kosmosreihe konnte Alexander von Humboldt trotz hohen Lebensalters und ungebrochener Schaffenskraft bis zum Lebensende nur die ersten vier Bände fertigstellen. Seine Renaissance verdankt sich vor allem dieser Zusammenschau, dieser in seiner Person und seinemWerk verkörperten Interdisziplinarität. Dazu war er auch ein politischer Mensch, der sich für die liberalen Ideen der Französischen Revolution, die Emanzipation der Kolonien von den europäischen Mächten und vor allem gegen Sklaverei und Rassismus aussprach.

Humboldtsche Multiperspektivität

Heute ist längst klar, dass viele drängende Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, zum Beispiel die ungerechte Verteilung von Wohlstand, die Übernutzung natürlicher Ressourcen, der bedrohliche Verlust an Biodiversität oder menschgemachter Klimawandel, nur in interdisziplinärer Sicht bewältigt werden können. Um die anstehende Transformation zu einer nachhaltigen Welt, in der die Menschheit zum Bewahrer ganzheitlicher sozialer, ökonomischer und ökologischer Stabilität wird, wissenschaftlich zu fundieren, bedarf es einer Humboldtschen Multiperspektivität. Dabei blieb er selbst nie oberflächlich, sondern durchdachte konkrete wissenschaftliche Themen in disziplinärer Tiefe und mit großem experimentellem Geschick. Auch heute kann interdisziplinär wertvolle Erkenntnis auch nur auf der Basis disziplinärer Verankerung und wissenschaftlicher Exaktheit gewonnen werden.

Alexander von Humboldts mehrere tausend Briefe umfassende Korrespondenz mit Wissenschaftlern, Politikern und Intellektuellen seiner Zeit dokumentiert eindrücklich sein transdisziplinäres Engagement. Auch dieses ist ein Erfordernis der jetzigen Zeit; schließlich muss diese Multiperspektivität gemeinsam mit Akteuren aus Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft umgesetzt werden. Das Wissen um die Begrenztheit unserer Erde, um Klimawandel und Artenschwund muss eine transdisziplinäre Konsequenz haben. Das aus der Exzellenzinitiative von 2012 hervorgegangene „Integrierte Forschungszentrum zur Transformation von Mensch-Umwelt-Systemen“ (IRI THESys) ist das augenfälligste Aushängeschild der Humboldtschen Perspektive an der Humboldt-Universität.

Interdisziplinäre Wissenschaft

Im IRI THESys sind Interdisziplinarität und multiperspektivische Nachhaltigkeitsforschung nachgerade Gründungsauftrag. Humboldt führte sowohl logistisch als auch wissenschaftlich seine legendäre Südamerikareise gemeinsam mit dem französischen Botaniker Aimé Bonpland durch. Heute ist es selbstverständlich, dass Forschende in Projektverbünden, Konsortien und Sonderforschungsbereichen über Fach- und Fakultätsgrenzen hinweg zusammenarbeiten.

Die Wissenschaftsstandorte Berlin und Potsdam eröffnen die fast einmalige Chance, in einem Forschungsraum auch über die Universitätsgrenzen hinaus interdisziplinäre Wissenschaft – etwa zum Verständnis des globalen Erdsystems in all seinen sozialen, politischen, ökonomischen und ökologischen Facetten – zu organisieren und den Wandel durch Digitalisierung und die Nachhaltigkeitstransformation zu erforschen und mitzugestalten. In diesem Sinne bezieht sich die HU ganz konkret auf die von Alexander von Humboldt begründete multiperspektivische und ganzheitliche Sicht auf die Welt.

Autor: Christoph Schneider