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„Abschied von Stalin und Mao. Der Personenkult post mortem im Vergleich, Sowjetunion (1953–1955) und China (1976–1977)“

Martin Wagner promoviert in Geschichtswissenschaft an der Humboldt-Universität. Für seine Masterarbeit wurde er mit dem Humboldt-Preis 2018 ausgezeichnet.

Martin Wagner
Martin Wagner, Foto: privat

Zusammenfassung

Totalitäre Regime können sich von innen heraus verändern und selbst mäßigen, sie können Gewalt und Willkür einhegen, die Allmacht des Einzelnen eingrenzen, und ihre Beziehung zu den Beherrschten neu begründen. Die poststalinistische Sowjetunion und das postmaoistische China sind zwei Beispiele dafür, wie der Terror aus dem Leben der Menschen verschwinden konnte, weil die Täter von einst nicht mehr in jener Ordnung leben wollten, die sie selbst geschaffen hatten. Als Josef Stalin und Mao Zedong starben, hinterließen sie Alleinherrschaft, Personenkult und Terror. Doch ihre Nachfolger, Nikita Chruschtschow und Hua Guofeng, traten dieses Erbe nicht an – sie gaben ihrer Herrschaft im doppelten Sinne ein neues Gesicht.

Am Beispiel des Personenkults untersucht meine Arbeit, wie Moskaus und Beijings Reformer den Tod des Tyrannen repräsentierten, auf welche Weise sie sich selbst inszenierten und was sie dabei voneinander lernten: Stalin und Mao hatten zu Lebzeiten einen Kult geschaffen, der ihre Person als gottgleiche Gestalt inszenierte. Aus dem Charisma des Führers und nicht der Partei als Institution hatte die kommunistische Herrschaft ihre Legitimität bezogen. Mit ihrem Tod 1953 respektive 1976 offenbarte sich die Fragilität der Ordnung: Die Rituale des Trauerns mussten den Personenkult in einen Totenkult verwandeln, die Erben der Macht neue Begründungen für ihre Herrschaft finden.

Der Tod des Führers, so die These, wurde zum Hochfest des Personenkultes, aber auch zu seinem Ende, weil Stalins und Maos Nachfolger hierdurch die Arithmetik der Herrschaft veränderten: Die sowjetische Parteiführung, so belegen Dokumente aus dem Parteiarchiv der KPdSU, erklärte den Personenkult bereits einen Tag nach der Beerdigung Stalins für beendet. Die sowjetische Zensur begann, Stalins Namen aus den Propaganda-Beiträgen zu streichen und auch die Erben der Macht inszenierten sich nicht mehr mit dem Kolorit der kultischen Verehrung. Umgekehrt in Beijing: Interne chinesische Parteidokumente bezeugen, dass Hua Guofeng den Personenkult um Mao zunächst fortführte und auf seine eigene Person übertrug – auch deswegen, weil er wusste, dass die Menschen im In- und Ausland seinen Umgang mit Mao an der sowjetischen Entstalinisierung, der schonungslosen Abrechnung mit Stalin, bemessen würden.