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„Die Ermordung ungarischer Juden 1944 in Pusztavám – Zeugenschaft und Erinnerung im transnationalen Kontext“

Anikó Boros ist assoziiertes Mitglied an der Herder Institute Research Academy. Für ihre Dissertation am Institut für Slawistik und Hungarologie an der Humboldt-Universität wurde sie mit dem Humboldt-Preis 2018 ausgezeichnet.

Alternativtext
Anikó Boros, Foto: privat

Zusammenfassung

Die Dissertation befasst sich mit dem Pusztavámer Massenmord vom 16. Oktober 1944. In dem hauptsächlich von Ungarndeutschen bewohnten Dorf wurden im Herbst 1944 zwei jüdische Arbeitskompanien stationiert. Nach der Proklamation des Reichverwesers, Miklós Horthy und der Machtübernahme des Pfeilkreuzlers, Ferenc Szálasi wurden über 200 jüdische Arbeitsdienstler am Rande des Dorfes ermordet. Einige Mitglieder der Kompanien konnten in der Nacht vorher fliehen und somit dem Massenmord entkommen. Von ihnen gelang es einigen, die letzten Kriegsmonate zu überleben und ihr Leben u. a. in Israel, der Schweiz, der Tschechoslowakei, Ungarn und den Vereinigten Staaten fortzusetzen.

Zahlreiche Dorfbewohner flohen im Dezember 1944 aus Ungarn in Richtung Drittes Reich. Die in Pusztavám Verbliebenen wurden 1948 nach verschiedenen Orten in der sowjetischen Besatzungszone vertrieben. Einige Geflohene, die in der Zwischenzeit eine neue Heimat in der amerikanischen Besatzungszone gefunden hatten, engagierten sich und suchten den Kontakt zu den Vertriebenen. Von ihnen entschieden sich viele, sich der ersten Siedlung der 1944 Geflüchteten anzuschließen. Zwischen der von den Geflüchteten und später den Vertriebenen mitbegründeten Gemeinde in Bayern und den in Ungarn Verbliebenen entwickelten sich in den folgenden Jahrzehnten enge Kontakte.

In der Nachkriegszeit wurden mehrere Ermittlungen eingeleitet, um den Pusztavámer Massenmord aufzuklären. Obwohl 1947 sogar ein Urteil erging, erfolgte weder seine Vollstreckung noch die genaue Identifikation der am Massenmord Beteiligten. Die Aufklärung des Geschehens und die Erinnerung an den Massenmord waren und sind bis heute umkämpft, wurden manipuliert und instrumentalisiert. Der transnationale Charakter des Ereignisses, die verschiedenen Formen der Verstrickungen und der unklare Status der mit dem Massenmord befassten Institutionen in mehreren Ländern erschwerten die Ermittlungen und die Aufarbeitung seitens der Geschichtsforschung, weshalb eine solche bis heute als Forschungsdesiderat gilt.

Um dieser Herausforderung einer dispersiven Forschungslücke gerecht zu werden, wurden in der Dissertation über zweihundert Zeugnisse, tausende Seiten Dokumente und hunderte Aufsätze, Zeitungen und Erinnerungsorte zum Komplex »Pusztavámer Massenmord« analysiert. Ziel der Dissertation war, das Massaker im Lichte der Zeugenschaft zu erforschen und aus gedächtnistheoretischer Perspektive zu untersuchen. Die disziplinenübergreifende Zugangsweise der Arbeit ermöglicht es, den historischen Gegenstand in seiner Komplexität in den Blick zu nehmen und zugleich Reflexionen und Erkenntnisse für das historisch-anthropologische wie kulturwissenschaftliche Konzept der »Zeugenschaft« aufzuzeigen. Durch das mikrohistorische Verfahren stehen die Handlungen, deren Bedingungen, Felder und Deutungen auf der Ebene der einzelnen Akteure sowie ihrer sozialen Einbettung, ihrer Verflechtungen und Dispositionen im Fokus der Untersuchung. Aus dieser mikroanalytischen Perspektive heraus werden die Wechselbeziehungen mit der politischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Dimension makrogeschichtlicher Prozesse nachgezeichnet. Gewisse Aspekte der Shoah-Zeugenschaft in der Literatur werden so in einem schärferen Licht beleuchtet (z.B. bei Imre Kertész).

 Die Arbeit zeigt auf, wie weit die als juristisches Beweismittel eingesetzte Zeugenschaft durch diverse Faktoren beeinflusst wurde, wie die Divergenz und zugleich Konkurrenz der Zeugenstimmen Auskunft über die dem Zeugnis immanente Gegenwartsverbundenheit geben und wie diese multidirektionale Einflussnahme in der Analyse methodisch-systematisch berücksichtigt werden kann.