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Humboldt-Universität zu Berlin

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Trajectories of Crimean Separatism. From Prevented Post–Soviet Conflict to Irredentist Overtake

Elen Budinova hat Internationale Beziehungen im Masterfach an der Humboldt-Universität studiert. Für ihre Masterarbeit wurde sie mit dem Humboldt-Preis 2019 ausgezeichnet.

Zusammenfassung

Die Materialisierung separatistischer Ambitionen auf der Krim illustriert die Grenzen des strategischen Weitblicks seitens sowohl der Wissenschaft als auch der Diplomatie und belegt die Relevanz von der Erforschung irredentistischer Mobilisierung. Nach der Implosion der Sowjetunion thematisierten zwar einige Analysen die Halbinsel als potentiellen Konfliktherd, wo Sezession-Bestrebungen der Krim-Tataren und insbesondere pro-russisch irredentistische Unruhen entflammt werden könnten. Trotz des Fehlschlags lokaler irredentistischer Illusionen im Jahr 1995 bewahrheitete sich das längst vergessene Irredentismus-Szenario ungefähr ein Jahrzehnt später in der ersten Annexion in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die Lawine aus konkurrierenden diskursiven Realitäten in der Weltöffentlichkeit, die mit einseitigen, kontextualisierungsarmen und objektivitätsfernen Beiträgen über den Ukraine-Konflikt überflutet wird, hat das Forschungsinteresse geweckt, eine alternative analytische Perspektive zugrunde zu legen. Im Multilevel-Process Tracing der Ereignisketten in den Perioden 1992-1995 und 2010-2014 skizziert die Arbeit eine komparative Untersuchung des dynamischen Zusammenspiels aus sich in Raum und Zeit wandelnden formellen und informellen institutionellen Kontexten entlang der relationalen Achse Ukraine-Krim-Russland sowie auf internationaler Ebene angesichts der Rollen der EU, NATO und der OSCE.

urze Rückblicke auf Zeitrahmen dazwischen und vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind im Inhalt integriert, um möglichst detaillierte Kontextualisierung des Sachverhalts zu ermöglichen. Eine übergeordnete Rolle in der Analyse spielt die Kontingenz, die die Kraft der Akkumulation von Ereignissen unterstreicht und ihnen ihre eigene multi-geschichtete kausale Bedeutung verleiht. Basierend auf umfassender Theoriediskussion, werden die gemeinsamen Wurzeln und die Nuancen zwischen den Phänomenen Separatismus, Sezession und Irredentismus eruiert, ihre Katalysator-Faktoren hervorgehoben und die Bedeutung des Nationalismus für ihre Existenz näher untersucht. Die empirische Studie beruht auf einer Verschmelzung interdisziplinärer Kenntnisse aus der Soziologie, der Friedens- und Konfliktforschung sowie konstruktivistischen und strukturellen Ansätzen der Internationalen Beziehungen und platziert sie in einer dynamisch-institutionellen Metaebene.

Das Hauptaugenmerk liegt auf Fluktuationen in Grad und Charakter lokaler separatistischer Forderungen, die vom gemeinsamen Zusammenwirken aus Wahrnehmungen der Institutionsoberbefugnisse von Kyiv und institutioneller Hebeleffekte seitens Moskau als alternativer Zentralmacht und irredentistisches Patron-Staats geprägt sind. Zu den sich gegenseitig beeinflussenden Untersuchungskomplexen gehören die öffentliche Repräsentation und Manifestation postsowjetischer ukrainischer Nationsbildung-Praktiken und russischer Diaspora-Politikinhalte; übergeordnete Verhandlungsprozesse zwischen Moskau und Kyiv; sozio-ökonomisch strukturelle Kalkulationen der Lokalbevölkerung als Motivationsgrund für oder gegen separatistische Agenden; Auswirkungen von Selbstverwaltung-Mechanismen, insbesondere der Krim-Autonomie; Oppositionskapazitäten und institutionelle Freiheiten lokaler Minderheiten wie der Krim-Tataren; Eliten-Machtkämpfe im Kontext des Transformationsprozesses, den durch konkurrierende Oligarchie-Interessen und organisierte Kriminalität gekennzeichnet ist.

Zentrale Bedeutung übernimmt das Design des lokalen Institutionsapparats, der von den jahrzehntelang ausgebauten russischen Dominanz-Strukturen in den Sphären Politik, Verwaltung, Militär, Geheimdienste, (Schatten)Wirtschaft, Medien, Bildung und Religion gekennzeichnet wird. Die relationale Konstellation Ukraine-Krim-Russland wird durch den internationalen Kontext und seine Durchlässigkeit für irredentistische Aktionen, seine Kapazität, aber auch Bereitschaft für Konflikt-Management erweitert. Der ethnische und nationale Hintergrund ist in der Arbeit als Kontrollvariable operationalisiert, wobei sich der Faktor Identität jeglichen primordialen, deterministisch kausalen Zügen entzieht. Dies stellt sich unter Beweis aufgrund der lokalen Abwesenheit intergesellschaftlich inhärenter Auseinandersetzungen zwischen Menschen russischer und ukrainischer Herkunft sowie in der überwiegend regional definierten Selbst-Identifikation unter der Krymtschane-Kategorie.

Die Mikro-Einblicke in die lokale Situation versinnbildlichen eine der bedeutendsten Stärken der Arbeit und machen sie eigenartig im Vergleich zu mehreren Beiträgen, die die Bevölkerung vor Ort auf ein bloßes Objekt russischer Großmachtpolitik reduzieren, aber auch in der Falle von Kremls Rhetorik der Selbstlegitimation mithilfe der Instrumentalisierung der Konzepte „Schutzverantwortung“, und „historisches Recht“ gefangen sind. Die Autorin der Arbeit wurde vom Motivationsgrund bewegt, mit ihren Forschungsergebnissen analytischen Mehrwert für wissenschaftliche und politikberatende Diskussionsforen über den Konflikt in der Ukraine abzuleiten und einen Beitrag zur Fachliteratur mit dem Fokus auf Irredentismus-Forschung zu leisten.