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Humboldt-Universität zu Berlin

Humboldt-Universität zu Berlin | Über die Universität | Geschichte | Attikaskulpturen | Die Attikaskulpturen als Geschichtszeugnis und Aufgabe

Die Attikaskulpturen als Geschichtszeugnis und Aufgabe

von Prof. Dr. Kai Kappel (Humboldt-Universität)


Mittelrisalit der Humboldt-Universität mit
Attikaskulpturen, 2016
Foto: Barbara Herrenkind/HU

Die Attikaskulpturen auf den südlichen Kopfbauten des West- und Ostflügels der Humboldt-Universität haben eine „erste Geschichte“: Diese begann Mitte des 18. Jahrhunderts äußerst repräsentativ, auf dem Dach des friderizianischen Stadtschlosses von Potsdam. Nach der Zäsur des Zweiten Weltkrieges setzte sie sich in Notbergungen aus dem zum Abbruch freigegebenen Bau und in einer interimistischen gartenkünstlerischen Aufstellung in einem Skulpturenrondell fort.

Die „zweite Geschichte“ dieser Skulpturen umfasst nunmehr 50 Jahre auf dem Dach der Humboldt-Universität. Das substanziell 1748–53 entstandene Gebäude diente ursprünglich als Palais des Prinzen Heinrich; dessen Skulpturenprogramm, gestenreich interagierende Götter- und Heroenpaare, bezog sich auf Ovids Metamorphosen (einer der Lieblingslektüren Friedrichs II.) beziehungsweise auf die Hochzeit des Hausherrn. Gemeinsam mit den verwandten Figuren des Opernhauses und der Königlichen Bibliothek bildeten diese Skulpturen eine verlebendigte Dachlandschaft rund um das erdachte Forum Fridericianum.

Bis auf jene des Jason, waren alle Attikaskulpturen des HU-Hauptgebäudes im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Im Zuge des Aufbaues der Humboldt-Universität kam es 1955 zur Nachschöpfung der verlorenen Attikaskulpturen des Mittelrisalits durch Kopien (Abb. 1). Doch vermochten weder diese noch die bereits 1951/52 entstandenen Entwürfe von Waldemar Grzimek und Fritz Koelle für zeitgenössische Skulpturen auf dem HU-Hauptgebäude zu überzeugen. War zunächst geplant, von den etwas kleineren Attikaskulpturen des Potsdamer Stadtschlosses Kopien für die Seitenrisalite des HU-Hauptgebäudes zu fertigen, entschied man sich schließlich für eine Translozierung dieser Skulpturen selbst. Diese 1967 durchgeführte Maßnahme (Abb. 2) fand am Institut für Denkmalpflege wie auch in der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten als eine geschichtsbewusste, auch in den stilistischen Details überzeugende Lösung Gefallen. Evident ist ein politischer Zusammenhang mit dem Aufbau des Boulevards Unter den Linden und des Forum Fridericianum in Hinblick auf die damals anstehende 20-Jahrfeier der DDR.


Attikaskulpturen auf dem Ostflügel der
Humboldt-Universität, 2016
Foto: Barbara Herrenkind/HU

Es ist die erklärte Absicht der Humboldt-Universität, die in ihrer denkmalgeschützten Architektur eingeschriebenen Zeitschichten deutlich ablesbar zu bewahren. Dabei ist der letzte historisch gewachsene Zustand des Baudenkmals HU-Hauptgebäude als Ausgangspunkt aller künftigen konservatorischen Maßnahmen zu sehen. Leitende Kriterien sind die Unwiederholbarkeit von Geschichte wie die Überzeugung, dass Rekonstruktionen als konstruierte Geschichtsbilder nicht zu einer Verdrängung beziehungsweise Überschreibung von in situ befindlichen historischen Kontexten führen sollten. Weil historische Amnesien jeglicher Art für eine Universität unangemessen sind, wird in diesem Kontext ausdrücklich auch die (im Einzelfall technisch mögliche) Neuschöpfung verlorener Skulpturen nach Fotografien abgelehnt. Daher tritt die Humboldt-Universität mit Entschiedenheit für die Bewahrung der Attikaskulpturen an ihrem jetzigen Standort ein. Sie weiß sich diesbezüglich mit den Voten des Landesdenkmalamtes und des Landesdenkmalrates in Berlin wie auch mit dem Beirat der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten einig. Das Kolloquium von 2016 soll Anstoß sein zu den erforderlichen Sicherungs- und Sanierungsmaßnahmen, zur weiteren historischen Erforschung wie auch zu einer verstärkten Wahrnehmung der Attikaskulpturen als Shared Heritage.

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