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Humboldt-Universität zu Berlin

Die Transformation hellenistischen Denkens im Frühjudentum

Die Magisterarbeit von Sina Hofmann wurde mit dem Humboldt-Preis 2014 ausgezeichnet.

Laudatio

Der Sonderpreis für eine Arbeit zum Thema „Judentum und Antisemitismus“ wird in diesem Jahr an Sina Hofmann für ihre philosophische Magisterabeit zu Philon von Alexandrias Schrift "de Vita Mosis" vergeben. Frau Hofmann widmet sich in ihrer Magisterarbeit diesem bedeutenden Protagonisten jüdischer Theologie der Antike und deutet die Schrift Philons zur Vita des Moses als Zeugnis der Transformationen hellenistischen Denkens innerhalb des Frühjudentums.

Zusammenfassung

Der jüdische Exeget und Philosoph Philon von Alexandria (20 v.d.Z.- 45 d.Z.) ist eine Figur der Begegnung von Jerusalemer Tempeljudentum und Diaspora, von griechischer Philosophie und jüdischer Väterlehre. Das facettenreiche religiöse, kulturelle und politische Spektrum Alexandrias bildet seinen historischen und geopolitischen Kontext. Philon denkt und schreibt aus ihm heraus und in ihn hinein. Exemplarisch für dieses Ineinanderwirken steht seine Schrift De Vita Mosis. Die biblische Mosesgeschichte (LXX) wird in enkomiastisch-biographischem Stil rezipiert für einen nichtjüdischen, griechisch sprechenden Leserkreis. Dieser intendierte Leser wird nun in Philons Mosesdarstellung konfrontiert mit zeitgemäßen platonischen, stoischen und pythagoreischen Konzepten. Die vorliegende Untersuchung setzt an dieser Leserperspektive an. Ausgehend vom Transformationskonzept des SFB 664 und dem ihm zu Grunde liegenden Gedanken der Allelopoiese – das gegenseitige Erschaffen von Aufnahmekultur und Referenzkultur - wird die Frage gestellt, wie Philon jene hellenistischen Konzepte aufnimmt, auf jüdische Inhalte überträgt und wie sie durch den Übertragungsprozess transformiert werden. Hierfür werden ausgewählte Topoi historisch kontextualisiert, philosophisch analysiert und theologisch interpretiert.

In der Vita Mosis konnten folgende methodische Schritte elaboriert werden: Die Transformation erfolgt zunächst durch 1) Projektion und 2) Identifikation. Die Tora (Gesetz) und Moses in der Rolle des Königs, Gesetzgebers, Hohepriesters und Propheten dienen als Projektionsfläche. Durch die Identifikation mit dem platonischen Philosophenkönig, dem stoischen Naturgesetz und dem stoischen Weisen wird die zeitliche und inhaltliche Distanz zwischen Konzept und Identifikationsfigur aufgehoben. Durch das hohe Alter Moses, des Gesetzes und der jüdischen Tradition führt diese Identifizierung jedoch weniger zu einer hellenisierten Moses-Variante als vielmehr zu einem judaisierten Ideal vom griechisch gedachten Königtum, Gesetz, Priesterdienst und Prophetie. Mehr noch, das Ideal findet seine historisch verstandene Verwirklichung in Moses und der Tora selbst lange Zeit vor der Entwicklung griechischer Philosophien – zumindest aus Philons Perspektive. Durch die Füllung griechischer Konzepte mit jüdischem Inhalt transformiert Philon das Referenzobjekt schließlich durch 3) eine interpretatio judaica oder speziell im Falle Philons durch eine interpretatio philonica. Wenn beispielsweise Philon Moses als den stoischen Weisen bestimmt, bestimmt er gleichzeitig den wahren Weisen als denjenigen, dessen Anfang und dessen Ziel nicht mehr die stoische Apathie ist, sondern die G’ttesfrömmigkeit. Wenn der Dienst des Weisen nun der Dienst an G’tt (JHWH, ὁ ὤν) ist, der Dienst an Gott griechisch gesehen dem Priester obliegt, das jüdische Volk nun ob ihrer Frömmigkeit als Priestervolk bekannt ist, so folgt daraus, dass die Juden weise sind und ihr Gesetz (Tora) dem stoischen Naturgesetz entspricht, dem es zu folgen gilt.

Im Grunde geht es für um die Frage von Identität und Identifikation, das Finden des Eigenen im Anderen. Ohne Zweifel intendiert Philon mit der Vita Mosis eine religiöse Akkomodation. Doch darüber hinaus ist Philons Ziel das Suchen nach der einen Wahrheit, nach der einen Philosophie, die sowohl in der Tora als auch – und das grenzt ihn ab vom Jerusalemer Tempeljudentum – außerhalb gesucht werden kann und soll.