Humboldt-Universität zu Berlin

Otto Hahn und Lise Meitner

Gemeinsam Entdecker der Kernspaltung – Nobelpreisträger und Emigrantin
Lise Meitner und Otto Hahn

Lise Meitner und Otto Hahn
Foto: Churchill Archives Centre

Lise Meitner und Otto Hahn verband eine herausragende wissenschaftliche Beziehung. In der Erinnerung stand sie lange in seinem Schatten, hatte er doch allein 1945 den Nobelpreis für Arbeiten zur Kernspaltung erhalten, die sie beide gemeinsam (teils zusammen mit Fritz Straßmann) durchgeführt hatten. Darin spiegelt sich die Politik des Nobelkomitees ebenso wider wie die höchst ungleichen Karrierechancen von Männern und Frauen in der Wissenschaft – und an der Berliner Universität während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

 

 

 

 

Otto Hahn

Otto Hahn wurde 1879 als jüngster von vier Söhnen in eine Frankfurter Handwerker- und Unternehmerfamilie geboren. Schon als Jugendlicher an chemischen Problemen interessiert, nahm er 1897 das Studium der Chemie in Marburg auf. Dort schloss er – nach einem Studienaufenthalt bei Adolf von Baeyer in München – sein Studium 1901 mit der Promotion in organischer Chemie ab. Nach dem einjährigen Militärdienst kehrte er an die Marburger Universität zurück, um dann internationale Erfahrungen in London und Montreal (McGill University) zu sammeln. Im Londoner Labor William Ramsays machte er sich mit der Entdeckung eines bis dahin unbekannten radioaktiven Elements, des „Radiothoriums“, 1905 einen Namen. Seine Forschungen zur Radioaktivität setzte er ab 1906 an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität fort, zunächst als Mitarbeiter Emil Fischers, ab 1910 als Professor, ab 1912 als Leiter der Abteilung für radioaktive Forschung am neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin-Dahlem. Hahn konnte weitere Radioelemente identifizieren, gemeinsam mit Lise Meitner fand er 1908 das Actinium C‘‘, 1909 das Thorium C‘‘.

Lise Meitner

Der Weg Lise Meitners in die Wissenschaft war nur auf den ersten Blick genauso geradlinig verlaufen. Sie entstammte – als drittes von acht Kindern – einer assimilierten jüdischen, freidenkenden Wiener Rechtsanwaltsfamilie. 1908 ließ sie sich protestantisch taufen. Ihren für eine junge Frau der damaligen Zeit ungewöhnlichen Wunsch, Physik zu studieren, konnte sie nur gegen Widerstände und Schwierigkeiten verwirklichen. 1901 schrieb sie sich an der Wiener Universität ein, wo Ludwig Boltzmann zu einer prägenden Figur für sie wurde. 1906 wurde sie mit einer Arbeit zur „Wärmeleitung in inhomogenen Körpern“ promoviert. Sie konnte nun eine Stelle als Assistentin antreten. In der Zusammenarbeit mit Stefan Meyer und Egon von Schweidler entdeckte sie ihr Interesse an der Radioaktivität. Noch bevor sich die preußischen Universitäten offiziell für das Frauenstudium öffneten, zog es Meitner nach Berlin (1908). Die Forschungen Max Plancks, dann aber auch der Chemiker um Otto Hahn, inspirierten sie, bald arbeitete sie im Labor mit, zunächst als unbezahlter Gast, dann, 1912-1915, als Assistentin Plancks.

Zusammenarbeit im 1. Weltkrieg

Nach der Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg, an dem Hahn in Fritz Habers Spezialtruppe für Gaskampf, Meitner als Krankenschwester teilgenommen hatten, setzten die beiden ihre Zusammenarbeit fort. Die radioaktive Forschungsabteilung am KWI wurde in eine radiochemische Abteilung unter der Leitung Hahns und eine radiophysikalische Abteilung unter Meitner aufgeteilt. Seine Karriere führte ihn – neben der Professur an der Friedrich-Wilhelms-Universität – auf die Position des zweiten (1924) bzw. ersten Direktors des KWI für Chemie (1928). Meitner konnte in der KWI nicht weiter aufsteigen, und auch in der Universität stieß sie an Grenzen: Sie habilitierte sich 1922, vier Jahre später wurde sie zur außerplanmäßigen (also nicht einmal „ordentlichen“) Professorin für experimentelle Kernphysik an der Berliner Universität ernannt – und damit war sie 1926 (!) die erste Professorin für Physik an einer deutschen Universität überhaupt.

Das gemeinsame Interesse an „Transuranen“ ließ sie ihre Zusammenarbeit zu Beginn der 1930er Jahre merklich intensivieren. Auf diesem Gebiet war nach bahnbrechenden Erfolgen binnen kürzester Zeit (der Entdeckung des Elektrons durch James Chadwick 1932, der künstlichen Radioaktivität durch Frédéric Joliot-Curie 1934 und durch Enrico Fermis Arbeiten) erhebliche Dynamik entstanden. Mit Fritz Straßmann war 1929 ein weiterer Chemiker zu ihrer Arbeitsgruppe gestoßen. Gemeinsam publizierten sie zwischen 1934 und 1938 fünfzehn Arbeiten, in denen ihr Hauptinteresse der künstlichen Umwandlung des Urans durch Neutronen galt.

Zusammenarbeit während des NS-Regimes

Die sich verschärfende Rassenpolitik des NS-Regimes setzte dieser überaus fruchtbaren Zusammenarbeit ein Ende. Meitner, nach den NS-Rassegesetzen als Jüdin geltend, hatte ihre österreichische Staatsbürgerschaft zunächst noch Schutz vor Verfolgung geboten, der 1938 nach der Annexion Österreichs jedoch wegbrach. Schon im April 1933 hatte sie aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ ihre Lehrbefugnis an der Universität verloren, nun musste sie Verfolgung und Deportation befürchten. Mitte Juli 1938 verließ sie Deutschland. Sie fand im Stockholmer Nobel-Institut für Physik zwar eine neue Anstellung, ihre Arbeitsbedingungen hatten sich gegenüber Berlin freilich ganz erheblich verschlechtert. Nur wenige Monate nach Meitners erzwungenem Weggang gelang Hahn und Straßmann, die in Berlin die gemeinsam begonnenen Experimente fortführten, eine wegweisende Entdeckung: Sie beobachteten im Dezember 1938, dass bei der Bestrahlung von Uran mit Neutronen der Atomkern „zerplatzte“, wie Hahn es beschrieb. Die Deutung dieses Phänomens gelang dann allerdings nicht den beiden Chemikern, sondern erst der Physikerin Meitner, die gemeinsam mit ihrem Neffen Otto Frisch erklären konnte, dass es sich um eine Kernspaltung handelte.

Dass die Entdeckung der Kernspaltung Ende der 1930er Jahre eine hochpolitische Angelegenheit war, war den Wissenschaftlern der Zeit bereits bewusst. Tatsächlich wurde sie 1939 rasch und unmittelbar militärisch relevant. Hahn arbeitete nach Kriegsausbruch zusammen mit anderen namhaften deutschen Wissenschaftlern (u.a. Werner Heisenberg) im Uranprojekt, das den Weg zu einer deutschen Atombombe bahnen sollte, letztlich aber erfolglos blieb. Nach der Evakuierung des KWI für Chemie aus Berlin ins württembergische Tailfingen wurden Hahn und seine Mitstreiter im Frühjahr 1945 von US-Truppen aufgegriffen, das Kriegsende erlebten sie interniert auf einem englischen Landsitz. Die Folgen der US-amerikanischen Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki schockierten Hahn zutiefst. Fortan wurde er zu einem der prominentesten Mahner gegen die militärische Verwendung der Kernenergie.

Nobelpreis für Chemie für Hahn

Noch während der Internierung erfuhr Hahn, dass ihm der Nobelpreis für Chemie für das Jahr 1944 rückwirkend zuerkannt wurde. Er nahm den Preis im Dezember 1946 entgegen. Lise Meitner, deren Anteil an der ausgezeichneten wissenschaftlichen Leistung ungewürdigt blieb, war verbittert. Sie und Hahn blieben zwar persönlich einander verbunden, doch ihre Karrierewege hatten sich 1938 irreversibel getrennt: Während sie in Stockholm blieb, konnte Hahn nach 1946 seine Karriere in Westdeutschland bzw. der Bundesrepublik fortsetzen und als Präsident der (vormals Kaiser-Wilhelm-)Max-Planck-Gesellschaft bis 1960 wichtige Impulse setzen. Seine herausragende Stellung nutzte er freilich auch, um vor den Gefahren der Atomenergie zu warnen: Er initiierte die „Mainauer Erklärung“ der Nobelpreisträger 1955, und auch der „Göttinger Appell“ von 18 namhaften Atomforschern 1958 trug unverkennbar seine Handschrift.

1959 wurde in West-Berlin das „Hahn-Meitner-Institut“ (zunächst: HMI für Kernforschung) gegründet. Mit der Umbenennung des Otto-Hahn-Baus in „Hahn-Meitner-Bau“ trug die Freie Universität 2010 dem Anteil Lise Meitners an der gemeinsamen Arbeit Rechnung. Meitners eigene Universität, die Humboldt-Universität, benötigte für ihre Würdigung der wissenschaftlichen Leistungen der ersten Physikprofessorin noch länger: 2014 wurde im Ehrenhof der Universität Unter den Linden das Meitner-Denkmal der Bildhauerin Anna Franziska Schwarzbach feierlich enthüllt.

Nachlass
  • Otto Hahn: Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin
  • Lise Meitner Papers: Churchill Archives Centre, Churchill College, Cambridg
Schriften (in Auswahl)
Otto Hahn
  • Über ein neues, die Emanation des Thoriums gebendes radioaktives Element, in: Jahrb. d. Radioaktivität u. Elektronik 2 (1905), S. 233-266. [die erste von gut 250 Publikationen]
  • Über den Nachweis und das Verhalten der bei der Bestrahlung des Urans mittels Neutronen entstehenden Erdalkalimetalle, in: Die Naturwissenschaften 27 (1939), S. 11-15.
  • Vom Radiothor zur Uranspaltung. Eine wissenschaftliche Selbstbiographie, Braunschweig 1962. Mein Leben, München 1968.
  • Von den fünfzig gemeinsamen Publikationen von Otto Hahn und Lise Meitner seien genannt:
  • Die Muttersubstanz des Actiniums, ein neues radioaktives Element von langer Lebensdauer, in: Physikalische Zeitschrift 19 (1918), S. 208-218.
  • Über das Protactinium und die Frage nach der Möglichkeit seiner Herstellung als chemisches Element, in: Die Naturwissenschaften 7 (1919), S. 611-612.
  • Atomenergie und Frieden. Wien 1954.
Lise Meitner
  • Der Zusammenhang zwischen β- und γ-Strahlen, in: Ergebnisse der exakten Naturwissenschaften 3 (1924), S. 160-181.
  • Kernstruktur, in: Handbuch der Physik, hg. von H. Geiger und K. Scheel, Bd. XXII (1926), S. 124-145.
  • (mit Otto Frisch) Disintegration of Uranium by Neutrons, in: Nature 143 (1939), S. 239-240. --: Erinnerungen an Otto Hahn, hg. von Dietrich Hahn, Stuttgart 1995.
  • Ernst, Sabine (Hg.): Lise Meitner an Otto Hahn. Briefe aus den Jahren 1912 bis 1924, Stuttgart 1993

 

Literatur (in Auswahl)
  • Hahn, Dietrich (Hg.): Otto Hahn. Leben und Werk in Texten und Bildern, Frankfurt/M. 1988.
  • Hoffmann, Klaus: Otto Hahn: Schuld und Verantwortung. Konflikte eines Wissenschaftlers, Berlin/Heidelberg 1993.
  • Rife, Patricia: Lise Meitner and the Dawn of the Nuclear Age, Berlin 1999.
  • Sexl, Lore/Anne Hardy: Lise Meitner, Reinbek 2002.
  • Sime, Ruth Lewin: Lise Meitner. Ein Leben für die Physik, Frankfurt/M. 2001.

 

Otto Hahn ist am 8. März 1879 in Frankfurt am Main geboren und starb am 28. Juli 1968 in Göttingen.
Lise Meitner ist am 7. November 1878 in Wien geboren und starb am 27. Oktober 1968 in Cambridge. 

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