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Humboldt-Universität zu Berlin

Julia Nast

Humboldt-Preis für Ihre Bachelorarbeit

Das Quartier als medial konstruiertes Stigma in der "gespaltenen Stadt"? - Die Images benachteiligter Quartiere in den Medien am Beispiel Berlin-Wedding

Frau Nast untersuchte inhaltsanalytisch Zeitungsartikel, um der Frage nachzugehen, inwieweit Veröffentlichungen das Bild eines Stadtteils prägen. Mit dem Ergebnis, dass die untersuchte Stichprobe von Artikeln keineswegs ein durchgängig negatives Bild des Quartiers zeichnet, so dass die These von der medialen Stigmatisierung des Weddings nur partiell haltbar ist.


Zusammenfassung

Angesichts einer zunehmenden sozialräumlichen Polarisierung wird in der stadtsoziologischen Forschung die These diskutiert, dass Quartiere mit vielen sozial benachteiligten Haushalten für die Bewohner/innen weitere benachteiligende Effekte entfalten können. Eine zentrale Vermutung ist dabei, dass die Medien hierfür eine wichtige Rolle spielen: durch ihre einseitige Berichterstattung würden sie zu einem Negativimage benachteiligter Quartiere beitragen, welches eine Stigmatisierung der Bewohner/innen nach sich ziehen könne und so den Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen und Lebenschancen weiter einschränke. Allerdings gibt es zu dieser These bisher kaum systematische, empirische Ergebnisse.

Die vorliegende Bachelorarbeit beschäftigt sich darum mit der Frage, welche Images in der Berichterstattung über benachteiligte Quartiere konstruiert werden und durch welche Elemente diese charakterisiert sind. Wird das Quartier also tatsächlich medial als Stigma für seine Bewohner/innen konstruiert? Diese Frage wird aus einer interdisziplinären Perspektive am Beispiel Berlin-Wedding, einem benachteiligten Quartier mit negativem Image, untersucht. Dabei werden Überlegungen aus dem stadtsoziologischen, wahrnehmungsgeographischen und medienwissenschaftlichen Bereich einbezogen. Eine entscheidende Annahme ist hierbei, dass die Medien das "Bild" eines Quartiers in der Öffentlichkeit mitprägen können. Handelt es sich hierbei um negative Bilder, kann sich dies auf die Bewohner/innen übertragen und zu einer Stigmatisierung führen. Für die Erfassung dieser Bilder wird in der vorliegenden Arbeit das Konstrukt Image als theoretisches Verbindungsstück zwischen Medien und Stigmatisierung nutzbar gemacht.

Im empirischen Teil der Arbeit werden dann die imagekonstruierenden Elemente in der Berichterstattung über Berlin-Wedding analysiert. Mit Hilfe einer standardisierten Inhaltsanalyse wird eine Zufallsstichprobe von 94 Artikeln in der Berliner Zeitung, Berliner Morgenpost, Tagesspiegel, taz, BZ und Berliner Kurier systematisch für ein Jahr untersucht.

Die Untersuchung kommt zu dem überraschenden Ergebnisse, dass kein einheitlich negatives Image des Weddings in der Berichterstattung festgestellt werden kann, sondern sich dieses differenzierter gestaltet. Ein Drittel der untersuchten Artikeln kann zwar einem Negativimage zugeordnet werden, das den Wedding als "gefährlichen" Ort charakterisiert, der durch Verbrechen und kriminelle Bewohner/innen bestimmt ist. Diese Artikel stellen aber bei Weitem nicht die größte Gruppe dar. Daneben findet sich eine Form der Berichterstattung, die neben negativen auch positive Aspekte thematisiert (Mischimage, 14% der Artikel) oder sogar - in etwa der Hälfte der Artikel - ein ausschließlich positives Bild vom Wedding zeichnet (Positivimage) und vor allem auf "Freizeitmöglichkeiten" im Wedding fokussiert.

Die Annahme einer eindeutigen medialen Stigmatisierung lässt sich für den Wedding also nicht pauschal bestätigen. Auch wenn dieses Ergebnis mit einem Fall nur sehr begrenzt verallgemeinerbar ist und die tatsächliche Wirkung der Berichterstattung auf die Vorstellungsbilder der Rezipienten offen bleibt, spricht die Untersuchung dennoch dafür, dass hier differenziertere Überlegungen und weitere Forschung notwendig sind, um die Entstehung und Aufrechterhaltung negativer Quartierimages zu verstehen.