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Humboldt-Universität zu Berlin

Johanna Langenbrinck

Sonderpreis "Judentum und Antisemitismus" für ihre Magisterarbeit

Antisemitismus 1945-1969
Interpretationen und Abwehrstrategien von Juden und Jüdinnen in Berlin

Die Arbeit untersucht anhand von sechs exemplarischen Ereignissen das Spektrum des manifesten Nachkriegsantisemitismus in Berlin. Auf der Basis von jüdischer Presse, Tageszeitungen sowie Beständen des Centrum Judaicum und des Berliner Landesarchivs beschreibt sie allerdings nicht nur die Vorfälle und die Reaktionen der Berliner Politik und Zivilgesellschaft, sondern stellt die Deutungen und Handlungen der von Antisemitismus Betroffenen in den Mittelpunkt: Wie wurden antisemitische Ereignisse von Juden und Jüdinnen in Berlin bewertet und interpretiert? Was verstanden die Betroffenen unter Antisemitismus und welche Abwehrstrategien leiteten sie aus dieser theoretischen Einordnung ab? Welche Mittel wurden schließlich in der praktischen Konfrontation mit offenem Antisemitismus angewandt? Die Reaktionen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, der größten jüdischen Institution in Berlin nach 1945, bilden den Schwerpunkt der Analyse.

Ausgewählt wurden Ereignisse, die von Betroffenen selbst als antisemitisch bezeichnet wurden und in der jüdischen Presse größere Resonanz hervorriefen als die alltäglichen, antisemitischen Konfrontationen: Die erste - öffentlich wahrgenommene - Friedhofsschändung in Berlin im August 1947, die Auseinandersetzung um und die Proteste gegen den als antisemitisch eingestuften Film "Oliver Twist" 1949, die Flucht vor staatlicher Verfolgung in der DDR 1953 im Kontext des Slánsky-Prozesses, die neonazistische Schmierwelle Anfang 1960 und ein Brandanschlag auf Räume der Jüdischen Gemeinde 1966. Der Untersuchungszeitraum endet mit dem linksradikalen Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in der Fasanenstraße am Jahrestag der Reichspogromnacht 1969.

Die Analyse der gewählten Ereignisse zeigt, dass es in Berlin keineswegs besonders wenig Antisemitismus gab und dass die Handlungen tendenziell gewalttätiger wurden. Vertreter_innen der Jüdischen Gemeinden führten die Entstehung und Verstärkung antisemitischer Einstellungen meist auf fehlendes Wissen sowie auf antisemitische Propaganda zurück. Die eigenen Erfahrungen im Nationalsozialismus schwangen bei der Auseinandersetzung mit aktuellem Antisemitismus immer mit. Die Abwehrstrategien reichten von Forderungen gegenüber Behörden und Politikern über Sensibilisierung und Aufklärung der nichtjüdischen Bevölkerung bis zu juristischen Maßnahmen gegen die Täter_innen und Unterstützung der Betroffenen.