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Humboldt-Universität zu Berlin

Per Leo

Sonderpreis "Judentum und Antisemitismus" für seine Disseration

Der Wille zum Wesen. Charakterologisches Denken, Judenfeindschaft und Graphologie in Deutschland 1890 - 1940

 

Zusammenfassung

Auch wenn es nach über 60 Jahren intensiver Forschung merkwürdig anmutet – die Frage, was die deutsche Bildungsschicht mit dem Nationalsozialismus verband, wurde nach wie vor nicht befriedigend beantwortet. Das liegt vor allem daran, dass Historiker sich bisher geweigert haben, das Phänomen der Weltanschauung im frühen 20. Jahrhundert als Forschungsproblem ernst zu nehmen. Es wird entweder als irrelevant abgetan oder in einem kriminalistischen Sinn auf die Motive der Täter verkürzt.Dabei hat Helmuth Plessner schon 1936 darauf hingewiesen, dass man den Nationalsozialismus nur vor dem Hintergrund einer spezifisch deutschen „Weltanschauungskultur“ begreifen kann.

Da die Geschichtswissenschaft diesem Impuls bis heute nicht gefolgt ist, habe ich in meiner Arbeit versucht, die Lücke wenn schon nicht zu füllen, so doch immerhin zu betreten. Dazu musste Grundlagenarbeit geleistet werden. Zuerst galt es, der Eigenart von Weltanschauung als Form „mittlerer“ Rationalität – nicht streng methodisch, aber auch nicht regellos – theoretisch überhaupt gerecht zu werden. Sodann musste ein historisches Denkproblem gefunden werden, das so alltäglich und zugleich so kompliziert war, dass es nur mit weltanschaulichen Mitteln „gelöst“ werden konnte. In der deutschen Geistesgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gab es ein solches Problem: die „charakterologische“ Frage nach der natürlichen Ungleichheit der Menschen. Erst wenn man versteht, dass dieses Problem für die deutsche Bildungsschicht nach 1900 zu einem zentralen Orientierungspunkt geworden war, kann man auch verstehen, auf welchem geistigen Fundament gebildeter Rassismus und Antisemitismus in Deutschland standen.

Meine Arbeit rekonstruiert am Beispiel des charakterologischen Diskurses die Route, auf der das allgemeine Problem menschlicher Ungleichheit und das besondere Problem des „jüdischen Wesens“ ihren Weg aus dem 19. ins 20. Jahrhundert fanden. Zu diesem Diskurs trugen bekannte Denker wie Schleiermacher, Goethe, Schopenhauer, Nietzsche, Weininger und Spengler ebenso bei wie heute fast vergessene Autoren wie Julius Bahnsen, Carl Gustav Carus, Theodor Lessing oder Ludwig Ferdinand Clauß. Die zentrale Figur der Arbeit, bei der alle Fäden zusammenlaufen, ist jedoch Ludwig Klages. Insbesondere über seine Graphologie lassen sich reiche Einblicke in die weltanschauliche Lage der deutschen Bildungsschicht zwischen 1900 und 1940 gewinnen.