Humboldt-Universität zu Berlin

Rudolf Virchow

Arzt, Anthropologe, Politiker – Begründer der modernen Pathologie

 

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Rudolf Virchowt

Rudolf Virchow
Foto: bpk / J. C. Schaarwächtert

Rudolf Virchow ist einer der prominentesten Vertreter der Berliner Schule, die wesentlich zur naturwissenschaftlichen Orientierung der modernen Medizin beigetragen hat. Seine Bedeutung reicht weit über die Begründung der Zellenlehre hinaus. Als scharfzüngiger Politiker und international vernetzter Anthropologe war Virchow prägend für die universitasder Wissenschaften und die Stadtentwicklung Berlins.

Nach dem Reifezeugnis 1839 am Kösliner Gymnasium hatte sich der einzige Sohn aus einem ackerbürgerlichen Haushalt im westpommerischen Schivelbein erfolgreich um einen der begehrten Studienplätze an der Pépinière in Berlin beworben. Die militärärztliche Akademie ermöglichte wenig begüterten Landeskindern ein Medizinstudium an der Berliner Universität sowie eine zweijährige praktische Ausbildung als Unterarzt an der damals noch selbständigen Königlichen Charité. Nach seiner Promotion bei Johannes Müller wurde Virchow Sektionsassistent bei Robert Froriep in der Prosektur der Charité, dessen Nachfolge er im Mai 1846 übernahm, womit er aus dem militärärztlichen Dienst entlassen wurde.

Bereits früh hatte sich Virchow durch das programmatische Bekenntnis zu einer naturwissenschaftlichen Begründung der Medizin hervorgetan. 1848 schickte das Kulturministerium Virchow als Begleiter einer Regierungskommission nach Oberschlesien zur Untersuchung der dort ausgebrochenen Typhusepidemie. Die Abfassung des Berichts überschnitt sich mit den beginnenden März-Unruhen und mündete in der Schlussfolgerung, dass Krankheit und Not eine Folge der miserablen Lebens- und Arbeitsbedingungen sei. Diese Verklammerung von Krankheit und sozialer Lage begründete zeitlebens das gesellschaftliche Engagement Virchows, der „Politik … als Medizin im Großen“ begriff.

 

„Pathologie der Zukunft“

Als Herausgeber der „medicinischen Reform“ (1848-49) avancierte Virchow rasch zu einem der zentralen medizinischen Akteure in der Märzrevolution. Sein Einsatz für die liberalen Demokraten erfreute das Kultusministerium jedoch nicht. Dort verstand man Virchows Berufung auf die Würzburger Professur für Pathologie als Bewährungsprobe politischer Enthaltsamkeit. In der Tat widmete sich Virchow in den Würzburger Jahren (1849-56) ausschließlich der Wissenschaft. Dort formulierte er sein Konzept einer Zellularpathologie aus, das er mit der ihm eigenen Bescheidenheit als „Pathologie der Zukunft“ apostrophierte. Aufgrund umfangreicher mikroskopischer Gewebeuntersuchungen lehnte Virchow die zeitgenössische Annahme einer Erzeugung von Zellen aus einer ungeformten Grundsubstanz ab. Stattdessen postulierte er, dass jede Zelle aus einer Zelle entstehe (Omnis cellula a cellula). Jede Erkrankung sei folglich nichts anderes als eine graduelle Abweichung des normalen Lebens der Zellen – ob in Form einer krebsigen Entartung, einer Zellschädigung oder einem Zellsterben wie beim Infarkt.

Die 1858 publizierte Cellularpathologie fungierte damit als Einheitstheorie und theoretische Grundlage vieler lebenswissenschaftlicher Disziplinen, angefangen von der Krankheitslehre über Embryologie und Biologie bis hin zur Sozialen Medizin. 1856 nach Berlin zurückberufen, übernahm Virchow neben der Leitung der Prosektur der Charité auch den eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl an der Berliner Universität. In dem neu errichteten Institutsgebäude trug er eine reiche Sammlung pathologischer Präparate zusammen, die gemäß des ihm zugeschriebenen Wahlspruchs (‚ein Tag ohne Präparat ist ein verlorener Tag‘) rasch anwuchs und 1899 in dem neu errichteten Museum des Pathologischen Instituts untergebracht wurde.

Transformation Berlins in eine moderne Großstadt

In Berlin wurde Virchow wieder politisch aktiv. Von 1859 an bis zu seinem Tode war er Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung. Maßgeblich trug er dort die Transformation Berlins in eine moderne Großstadt voran. So war er wesentlich an der Einführung einer radial aufgebauten Kanalisation, mit der die Abwässer auf Rieselfeldern vor der Stadt entsorgt wurden, und an der Neugestaltung der Schlachthöfe beteiligt.

Gemeinsam mit Salomon Neumann und anderen sozialpolitisch aktiven Ärzten setzte er sich im Kampf gegen soziales Elend, Alkoholismus und Prostitution für den Ausbau des kommunalen Gesundheitswesens, bessere Wohnverhältnisse und schulische Bildung ein. Statistische Erhebungen und Beobachtungen im Feld begründeten das politische Engagement als Fortsetzung der Medizin mit anderen Mitteln. 1861 wirkte Virchow bei der Gründung der Deutschen Fortschrittspartei mit, für die er von 1862 an im Preußischen Landtag saß und sich zu einem der schärfsten Kritiker Otto von Bismarcks entwickelte. Von 1880 bis 1893 war er zudem Mitglied des Deutschen Reichstags, wo er sich für eine friedliche internationale Verständigung einsetzte.

Untersuchungen von Schädeln und anthropologische Studie

Seit seiner Würzburger Studie über den Kretinismus (eine Folge chronischen Jodmangels) beschäftigte sich Virchow auch mit der Früh- und Urgeschichte. Das schloss die damals axiomatische Unterscheidung zwischen „Naturvölkern“ und „Kulturvölkern“ mit ein, die der Alt-48er Virchow in Form anthropologischer Forschung über die Verzeitlichung der Natur zu beantworten suchte.

Ausgiebige Untersuchungen von urzeitlichen Schädeln aus archäologischen Grabungen und aus den Überseekolonien geraubter indigener Schädel ließen ihn zunehmend an der Ideologie unüberbrückbarer Rassenunterschiede zweifeln. Direkt gegen den aufkommenden Antisemitismus war die großangelegte anthropologische Studie von knapp 7 Millionen Schulkindern gerichtet. Die 1886 veröffentlichte Studie zeigte, dass sich Verteilung von Haarfarbe und Typus bei deutsch- und jüdisch-stämmigen Kindern nicht grundsätzlich unterschied. Damit hatte Virchow wissenschaftlich bewiesen, dass sich in Mitteleuropa keine „Rassen“ isolieren lassen.

Reges Gesellschaftsleben in Berlin

Den Dreiklang aus Politik, Medizin und Anthropologie hielt Virchow durch ein reges Gesellschaftsleben zusammen. Bereits seine Heirat mit Rosa, der Tochter des in der bürgerlichen Ärzteschaft Berlins breit verwurzelten Gynäkologen Karl Wilhelm Meyer hatte Virchow die Tür zum ärztlichen Vereinsleben geöffnet, Die „freie Assoziation“ entwickelte sich zu dieser Zeit zur Grundform bürgerlichen Lebens, an der sich Virchow mit der Gründung der Würzburger Physikalisch-Medicinischen Gesellschaft (1849), der Wiedergründung des Berliner Handwerkervereins (1859) oder der Berliner Anthropologischen Gesellschaft (1869) beteiligte.

Schon die Gründung der Berliner medizinischen Gesellschaft (1844) stand für die gesellschaftspolitische Bedeutung der wissenschaftlichen Geselligkeit, wie die Namen der frühen Mitglieder zeigen: Friedrich Körte, Ludwig Traube, Rudolph Leubuscher oder Benno Reinhard und andere waren exponierte Vertreter einer wissenschaftlichen Medizin. Ebenso aktiv war Virchow als Herausgeber wissenschaftlicher Zeitschriften. Mit „Virchows Archiv“ bleibt sein Begründer bis heute der akademischen Community präsent.

Nachlass

  • Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften
  • Archiv der Humboldt-Universität zu Berlin
  • Deutsche Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie, Früh- und Urgeschichte
  • Staatsbibliothek Berlin

Schriften (in Auswahl)

  • Gesammelte Abhandlungen zur wissenschaftlichen Medicin. Meidinger, Frankfurt am Main 1856.
  • Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre. Berlin 1858
  • Gesammelte Abhandlungen auf dem Gebiete der öffentlichen Medicin und der Seuchenlehre. 2 Bände, Hirschwald, Berlin 1879.
  • Gegen den Antisemitismus. 1880.
  • Über die öffentliche Gesundheitspflege (mit Salomon Neumann). Historische Texte der Sozialmedizin und Public Health, hg. von Günter Regneri, Berlin 2017.
  • Sämtliche Werke, Frankfurt/Main 1992 ff. (52 Bde.)

Literatur (in Auswahl)

  • David, Heinz: Rudolf Virchow und die Medizin des 20. Jahrhunderts, erw. und überarb. Neuaufl., hg. von Claudia David und Matthias David, Berlin 2021.
  • Fischer, Ernst Peter/Detlef Ganten: Die Idee des Humanen. Rudolf Virchow und Hermann von Helmholtz. Das Erbe der Charité, Stuttgart 2021.

 


 

Rudolf Virchow

13th October 1821 (Schivelbein) – 5th September 1902 (Berlin)

 

Doctor, anthropologist, politician – Founder of modern pathology

 

Rudolf Virchow Foto: bpk / J. C. Schaarwächtert
Rudolf Virchow, Foto: bpk/J. C. Schaarwächter
Rudolf Virchow is one of the most prominent representatives of the Berlin School, which contributed significantly to the scientific orientation of modern medicine. His significance reaches far beyond the substantiation of cellular theory. As a sharp-tongued politician and an anthropologist with an international network, Virchow was formative for the universitas of the sciences and the urban development of Berlin. After attaining his certificate of eligibility to study at university from the Kösliner Gymnasium in 1839, the only son from a family of citizen farmers (Ackerbürger, townsmen who were farmers and had citizens’ rights) in Schivelbein, West Pomerania, had successfully applied for one of the coveted places to study at the Pépinière in Berlin. The Military Medical Academy made it possible for natives of little means to study medicine at the University of Berlin and to undertake two years of practical training as a medical non-commissioned officer at the then independent Royal Charité. After completing his doctorate under Johannes Müller, Virchow became an autopsy assistant to Robert Froriep in the pathology and anatomy department of the Charité. He succeeded Froriep in May 1846, and was thereby released from his service as an army doctor. Virchow had already distinguished himself early on through his programmatic commitment to a scientific foundation of medicine. In 1848, the Ministry of Education and Cultural Affairs sent Virchow to accompany a government commission to Upper Silesia, to investigate the typhoid epidemic that had broken out there. The drafting of the report overlapped with the beginning of the March riots and led to the conclusion that illness and hardship were a consequence of the miserable living and working conditions. This interlocking of illness and social circumstances were the grounds for Virchow’s social commitment throughout his life, as a man who conceived of “politics … as medicine on a large scale”.

 

 

„Pathology of the future"

As editor of the medicinische Reform (1848–49), Virchow quickly became one of the central medical actors in the March Revolution. However, the Ministry of Education and Cultural Affairs was not pleased with his commitment to the liberal democrats. Virchow’s appointment to the Würzburg professorship of pathology was understood there as a test of political abstinence. During those Würzburg years (1849–56), Virchow, indeed, devoted himself exclusively to science. He formulated his concept of cellular pathology there, which he referred to, in his own modest way, as the “pathology of the future”. On the basis of extensive examinations of tissues under the microscope, Virchow rejected the contemporary theory that cells were created from an amorphous ground substance. Instead, he postulated that each cell originates from a cell (Omnis cellula a cellula). All disease was therefore nothing more than a gradual divergence from the normal life of cells – whether in the form of cancerous degeneration, cell damage or cell death, as in the case of an infarction. His Cellular Pathology, published in 1858, thus functioned as a unified theory and theoretical basis for many disciplines in the life sciences, from pathology to embryology and biology to social medicine. After being called back to Berlin for a professorship there in 1856, Virchow took over the leadership of the pathology and anatomy department of the Charité and assumed a chair that had been created especially for him at the University of Berlin. In the newly built institute building, he amassed a rich collection of pathological specimens, which grew rapidly, in line with the motto that is attributed to him (“a day without a specimen is a day lost”), and was housed in the newly erected museum of the Pathological Institute in 1899.

Transformation of Berlin into a modern metropolis

In Berlin, Virchow once again became politically active. From 1859 until his death, he was a member of the Berlin City Assembly. He was instrumental there in Berlin’s transformation into a modern metropolis. For example, he was integrally involved in the introduction of a radially constructed sewer system, which enabled waste water to be disposed of in sewage farms in front of the city, as well as in the redesign of the slaughterhouses. Together with Salomon Neumann and other socio-politically active doctors, he campaigned in the fight against social misery, alcoholism and prostitution for the expansion of the municipal health system, better housing conditions, and school education. Statistical surveys and observations in the field justified this political commitment as a continuation of medicine by other means. In 1861, Virchow played a part in the founding of the German Progressive Party (Deutsche Fortschrittspartei), for which he served as a member of the Prussian Parliament from 1862 onwards, developing into one of the sharpest critics of Otto von Bismarck. From 1880 to 1893, he was also a member of the German Reichstag, where he campaigned for peaceful international understanding.

Examinations of skulls and anthropological study

Since his study of cretinism (a consequence of chronic iodine deficiency) in Würzburg, Virchow had also occupied himself with early and prehistory. This involved the then axiomatic distinction between Naturvölker (“natural” or primitive peoples) and Kulturvölker (“cultured” or civilised peoples), for which the former 1848 revolutionary Virchow sought to find an answer in the form of anthropological research on the temporalisation of nature. Extensive investigations of primeval skulls from archaeological excavations and indigenous skulls plundered from the overseas colonies caused him to increasingly doubt the ideology of irreconcilable racial differences. His large-scale anthropological study of almost 7 million schoolchildren was directly aimed against the emerging anti-Semitism. The study, published in 1886, showed that the distribution of hair colour and type did not fundamentally differ among children of German and Jewish descent. Virchow had thereby scientifically proven that no “races” can be isolated in Central Europe.

A Lively social life in Berlin

Virchow maintained his triad of politics, medicine and anthropology through a lively social life. His marriage to Rosa, the daughter of the gynaecologist Karl Wilhelm Meyer, who had widespread roots in the bourgeois medical community in Berlin, had already opened the door for Virchow to life within the medical associations. At this time, the “free association” developed into the basic form of bourgeois life, and Virchow participated in this through the founding of the Würzburg Physical-Medical Society (Würzburger Physikalisch-Medicinische Gesellschaft; 1849), the re-establishment of the Berlin Craftsmen’s Association (Berliner Handwerkerverein; 1859), and the founding of the Berlin Anthropological Society (Berliner Anthropologische Gesellschaft; 1869). The founding of the Berlin Medical Association (Berliner medizinische Gesellschaft; 1844) already signified the socio-political significance of scientific social life, as the names of its early members show: Friedrich Körte, Ludwig Traube, Rudolph Leubuscher, Benno Reinhard and others were prominent representatives of scientific medicine. Virchow was also active as an editor of scientific journals. One such, Virchows Archiv, ensures its founder retains a presence in the academic community to this day.

 

Estate

  • Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften
  • Archiv der Humboldt-Universität zu Berlin
  • Deutsche Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie, Früh- und Urgeschichte
  • Staatsbibliothek Berlin

Written works (selection)

  • Gesammelte Abhandlungen zur wissenschaftlichen Medicin. Meidinger, Frankfurt am Main 1856.
  • Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre. Berlin 1858
  • Gesammelte Abhandlungen auf dem Gebiete der öffentlichen Medicin und der Seuchenlehre. 2 Bände, Hirschwald, Berlin 1879.
  • Gegen den Antisemitismus. 1880.
  • Über die öffentliche Gesundheitspflege (mit Salomon Neumann). Historische Texte der Sozialmedizin und Public Health, hg. von Günter Regneri, Berlin 2017.
  • Sämtliche Werke, Frankfurt/Main 1992 ff. (52 Bde.)

References (selection)

  • David, Heinz: Rudolf Virchow und die Medizin des 20. Jahrhunderts, erw. und überarb. Neuaufl., hg. von Claudia David und Matthias David, Berlin 2021.
  • Fischer, Ernst Peter/Detlef Ganten: Die Idee des Humanen. Rudolf Virchow und Hermann von Helmholtz. Das Erbe der Charité, Stuttgart 2021.

 

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